Vor 50 Jahren näherten sich der Vatikan und Ungarn diplomatisch an

Meilenstein der vatikanischen Ostpolitik

Aktualisiert am 15.09.2014  –  Lesedauer: 
Geschichte

Bonn ‐ Die Rolle des polnischen Papstes Johannes Paul II. (1978-2005) beim Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa ist selbst bei seinen Kritikern unbestritten. Die sogenannte Ostpolitik des Vatikan während des Pontifikates von Paul VI. (1963-1978) gehört dagegen zu den am meisten kontrovers diskutierten kirchenpolitischen Themen des 20. Jahrhunderts.

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Sie war ein notwendiger Versuch, den Kontakt der Kirche mit dem kommunistischen Machtblock aufrecht und die kirchliche Hierarchie und Seelsorge durch Verständigung mit den Regierungen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa über gangbare Bischofskandidaten am Leben zu erhalten, sagen ihre Protagonisten und ihre Verteidiger. Sie war eine gescheiterte Anbiederung an den ideologischen Gegner zum Nachteil der Kirche, ja ein Verrat an denen, die vor Ort unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leisteten, sagen ihre Gegner. Der Graben zwischen den verschiedenen Meinungen geht quer durch die klassischen Lager von "Liberalen" und "Konservativen".

Der erste Meilenstein dieser "vatikanischen Ostpolitik" war das sogenannte Agrement zwischen dem kommunistisch regierten Ungarn und dem Heiligen Stuhl , das vor 50 Jahren, am 15. September 1964, unterzeichnet wurde. Vorausgegangen waren mehrere ermutigende Signale des sterbenden Konzilspapstes Johannes XXIII. (1958-1963), in einen Dialog mit den ideologischen Gegner einzutreten, einige freundliche Gesten aus Moskau - sowie eher tastende Geheimverhandlungen des jungen vatikanischen Vize-Außenministers Agostino Casaroli (1914-1998) mit der kommunistischen Führung in Budapest.

Weit gehende kirchenpolitische Zugeständnisse

Casaroli hatte bis dahin naturgemäß noch keine Erfahrung mit den Praktiken und Verhandlungsmethoden kommunistischer Regime gesammelt. Und so enthielt das Dokument am Ende recht weit gehende kirchenpolitische Zugeständnisse an die ungarischen Kommunisten, doch relativ wenig Greifbares für die vom Ausbluten bedrohte und durch ein weit verzweigtes Spitzelsystem ausgehöhlte Kirche in Ungarn.

Das ungarische Parlemtn
Bild: ©Sergii Figurnyi/Fotolia.com

Das ungarische Parlemantsgebäude

Immerhin wurden im Zuge der Vereinbarung fünf der sieben seit langem vakanten Bischofsstühle neu besetzt - freilich mit der Regierung genehmen Kandidaten, von denen mindestens drei nach Erkenntnissen von Kirchenhistorikern für den Staatssicherheitsdienst arbeiteten. Zudem wurde - mündlich - unter anderem vereinbart, dass Rom auf eine formelle Verurteilung der vom Regime kontrollierten sogenannten Friedenspriesterbewegung verzichtete. Im Gegenzug sagte die Führung in Budapest zu, die Bewegung nicht weiter voranzutreiben.

Im Gespräch mit Kardinalprimas Jozsef Mindszenty (1892-1975), der seit 1956 als politischer Flüchtling in der Budapester US-Botschaft festsaß, entschuldigte Casaroli seine defensive Verhandlungstaktik mit seiner Abhängigkeit vom Wohlwollen der ungarischen Behörden.

Verzweifelte Lage der ungarischen Kirche

Tatsächlich änderte sich in der Folge nur wenig an der verzweifelten Lage der ungarischen Kirche. Das Teilabkommen von 1964 brachte weder die gewünschte Entspannung noch eine Normalisierung des Verhältnisses von Staat und Kirche. Weiter wurden Priester, Ordensleute und Laien bespitzelt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, Religionsunterricht und kirchliche Verwaltungen nahezu lahm gelegt. Die mündlichen Zusagen Budapests wurden schlicht nicht eingehalten. Schon 1965 legte Casaroli der ungarischen Botschaft in Rom eine Beschwerdeliste vor - allerdings vergeblich.

Das Agrement mit Ungarn war der Auftakt zu einer umfassenden diplomatischen Initiative, mit der der Heilige Stuhl unter Federführung des späteren Kardinalstaatssekretärs Casaroli den Bestand der bedrängten Kirchen in Mittel- und Osteuropa zu sichern suchte. Als Modelllösung für Verhandlungen mit anderen Ostblockstaaten wollte man das Dokument, das nie veröffentlicht wurde, jedoch schon bald nicht mehr verstanden wissen. Noch 1998 ließ Ungarn - wohl auf Drängen des vatikanischen Staatssekretariates - alle Akten zu den Geheimverhandlungen von 1964 für weitere 75 Jahre sperren - bis 2073. Ohne sie ist eine abschließende Bewertung der vatikanischen Ostpolitik kaum möglich.

Von Alexander Brüggemann (KNA)