Die Idylle findet nicht statt
Gastbeitrag von Kardinal Rainer Maria Woelki zu Weihnachten

Die Idylle findet nicht statt

Die Nachricht von Weihnachten ist eine Botschaft der Hoffnung, so Kardinal Rainer Maria Woelki. Wir brauchen Weihnachten, vielleicht dringender denn je. Lesen Sie hier den Weihnachts-Beitrag des Erzbischofs von Köln für katholisch.de:

Von Kardinal Rainer Maria Woelki |  Köln - 25.12.2015

Die Idylle findet nicht statt. Keine Engel im Lichtglanz, kein Gloriagesang, die Männer auf der Weide im Dunkel. Vielleicht unter einer notdürftig aufgespannten Plane, gegen den Regen. Wir sind auch nicht in Bethlehem, sondern irgendwo auf der Balkanroute. Nicht mal Heu und Stroh, nirgends. Weihnachten findet nicht statt, so jedenfalls diesmal nicht.

Aber das genau ist die Welt, in die Jesus geboren wird.

Hineingeboren in eine Zeit revolutionärer Umbrüche

Und zwar damals wie heute. Damals in ein kriegerisches Weltreich römischer Imperatoren, in die Machtansprüche von Regionalfürsten und eine Zeit revolutionärer Umbrüche. Heute wie damals irgendwie in den Brechungen und Verwicklungen der großen Politik, die den kleinen Mann übersieht; auf Einzelschicksale, damals wie heute, kann keine Rücksicht genommen werden.

Alles andere als jene Krippe, wie wir sie unterm Baum stehen haben.

Wir brauchen Weihnachten, vielleicht dringender denn je. Aber anders als sonst, damit wir es nicht missbrauchen.

Zitat: Kardinal Rainer Maria Woelki

Ich will niemandem was vermiesen, wozu auch. Wir brauchen Weihnachten, vielleicht dringender denn je. Aber anders als sonst, damit wir es nicht missbrauchen. Damit wir die Botschaft wieder buchstabieren, den Skandal wieder spüren, den Gott uns hier zumutet:

Wie er als Kind kommt, das draußen, quasi unterwegs, auf den Feldern geboren wird. Dessen Eltern kein Asyl finden, so dass sie in einer erbärmlichen Notunterkunft landen. Wie er in diesem Kind schon kurze Zeit später auf die Flucht gehen muss vor den Tyrannen, Diktatoren und Menschenverächtern dieser Welt.

Wie er überhaupt so alle göttlichen Klischees missachtet und sich am Ende mit den Kleinen und Randständigen gemein macht. Merkwürdig: Erst wenn er Mensch wird, ist er offenbar erst richtig in seinem Element. Der Mensch lässt ihm keine Ruhe. All das macht Gott nicht seinetwegen, sondern wegen uns.

Flüchtlinge stehen eingehüllt in Jacken und Decken in einer Schlange
Bild: © KNA

Die Nachricht von Weihnachten ist eine Botschaft der Hoffnung - auch und gerade für die Flüchtlinge, die über die Balkanroute oder auf anderen Wegen zu uns kommen.

In einer Welt, in der die Not und das Elend immer näher rücken, da rückt uns auch Gott auf den Leib, er wird selbst Leib, Fleisch, Mensch unter Menschen. Einer von vielen, die unser Schicksal teilen. Unser Schicksal? Nein, unser mitteleuropäisches wohl weniger, sondern eher das jener Menschen auf der Balkanroute und anderswo, denn "ich war fremd und obdachlos, ich war hungrig und durstig, ich war krank und gefangen" - so redet der gebürtige Bethlehemer, als er erwachsen ist.

Und er bringt damit eine Nachricht, dass trotzdem, trotz allem Augenschein und manchmal wider besseres Wissen, nicht alles verloren ist. Es ist die Nachricht - und sie hält sich hartnäckig jetzt schon zweitausend Jahre -, dass da einer ist, der uns nicht im Stich lässt, nicht in Not und Ängsten und Flucht - auch vor uns selbst - und Verzweiflung, sondern im Gegenteil - der uns entgegenkommt.

Die Nachricht von Weihnachten ist eine Botschaft der Hoffnung, Gott selbst kommt zu uns. Aber er kommt nicht einfach nur für ein paar weihnachtliche Tage zu Besuch, um dann bald wieder zu verschwinden. Nein, er kommt, indem er einer von uns wird. Er wird Mensch. Er gehört zu uns. Und wir gehören untrennbar zu ihm. Eine stärkere Botschaft kann es nicht geben.

Weihnachten sagt uns, dass Gott ganz nah ist, unser Leben mit uns teilt und uns gerade auch in dunklen Stunden trägt.

Zitat: Kardinal Rainer Maria Woelki

Deshalb hat die Nachricht von Bethlehem auch etwas zur Balkanroute zu sagen.

Weihnachten sagt uns, dass Gott ganz nah ist, unser Leben mit uns teilt und uns gerade auch in dunklen Stunden trägt. Gottes Ankunft bei uns Menschen ist ein Versprechen unbedingter und uneingeschränkter Liebe. Die Schultern des Kindes in der Krippe sind stark genug, all unsere Hoffnungen und Sehnsüchte, unsere Ängste und Begrenztheiten zu tragen und unserem Leben eine neue Richtung zu geben.

Welt ging verloren, Christ ist geboren!

Diese Nachricht gilt uns heute, sie ist an uns gerichtet. Und was für wunderbare Begriffe werden uns da gesagt: Licht im Dunkeln, ein erlösendes Wort der Versöhnung, Leben und Freude. Ermutigung pur! Wenn das stimmt, könnte man sich trauen und einlassen auf die Einladung: Fürchtet euch nicht! Nicht 2015 und nicht nächstes Jahr. Ihr seid nicht verloren, nicht verraten und verkauft.

Denn es kommt einer entgegen, der alles umfasst, Gott und Mensch. Der Dreh- und Angelpunkt, die neue Stunde Null, die Zeitenwende. Welt ging verloren, Christ ist geboren! Hört der Engel helle Lieder: Gloria in excelsis Deo!

Der Autor

Kardinal Rainer Maria Woelki (*1956) ist seit September 2014 Erzbischof von Köln. Zuvor war er von 2011 bis 2014 Erzbischof von Berlin und von 2003 bis 2011 Weihbischof in Köln. In der Deutschen Bischofskonferenz ist Woelki unter anderem Vorsitzender der Kommission für caritative Fragen und Mitglied der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste.

Von Kardinal Rainer Maria Woelki