Bizarrer Streit um Linzer Kirchenglocken beschäftigt österreichische Justiz

Wenn Glocken den Schlaf rauben

Aktualisiert am 03.01.2016  –  Lesedauer: 
Österreich

Bonn ‐ Was für den einen klingt wie Musik, bereitet dem anderen buchstäblich Kopfschmerzen: Im österreichischen Linz fühlt sich ein Anwohner von den Kirchenglocken des Mariendomes derart gestört, dass er sich gegen ihren Klang durch die juristischen Instanzen klagt.

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Die Verwicklungen haben eine lange Vorgeschichte: Es begann damit, dass der Architekt Wolfgang Lassy im Jahr 2004 ein Haus kaufte, das für ihn sehr vielversprechend gewesen sein muss. Schließlich lag es in dem ruhigen Viertel um den Dom. Doch es stellte sich heraus, dass ihn die Idylle trog. Denn Lassy fühlte sich durch das Glockengeläut des Domes in seinem Schlaf gestört. Über 200 Mal waren die Glocken Nacht für Nacht zu hören.

Panikreaktionen, Schweißausbrüche

Denn das Glockengeläut am Linzer Dom ist eine komplizierte Sache. Da gibt es zunächst die viertelstündlichen Schläge. Dazu kommen die Schläge, die zur vollen Stunde die Uhrzeit ansagen und der sogenannte Stundennachschlag, der die Uhrzeit noch einmal wiederholt. Um Mitternacht beispielsweise läutet es zunächst viermal, um die volle Stunde anzuzeigen, dann folgt zwölfmal ein Schlag für die Uhrzeit und schließlich ist der Nachschlag mit ebenfalls zwölf Schlägen zu hören. Nach Angaben von Lassy und dessen Anwalt haben diese Lärmimmissionen bei dem Architekten diverse Symptome wie Panikreaktionen, Schweißausbrüche, Erschöpfungs- und Ermattungszustände ausgelöst.

Schließlich entschied er sich zu juristischen Schritten. Zunächst versuchte er sich mit der Kirche noch außergerichtlich zu einigen: Anfang 2015 erklärte sich Dompfarrer Maximilian Strasser dazu bereit, den Nachschlag für einige Monate einzustellen – obwohl diese Töne seit 1902 ununterbrochen Brauch gewesen seien, wie Strasser gegenüber katholisch.de berichtet. Für das Wohlbefinden des Architekten brachte das jedoch keine Besserung. Und so nahm die Auseinandersetzung den Weg durch die Instanzen. Nachdem sowohl das zuständige Landgericht als auch das Oberlandesgericht die Klage des Anwohners abgelehnt hatten, erklärte Lassy im Dezember, er wolle vor das Oberste Gericht ziehen.

Bild: ©Rolandst/Fotolia.com

Sind Gegenstand eines gerichtlichen Streits im österreichischen Linz: Kirchenglocken.

Was von außen gesehen Züge einer Posse trägt, hat durchaus ernste Hintergründe. So argumentieren Lassy und sein Anwalt, der Glockenschlag habe keine religiöse Funktion und sei nicht mehr zeitgemäß. Und letzten Endes gehe es um die Frage, ob das Geläut Lassys Menschenrechte einschränkt. Denn dazu gehört nach Ansicht von dessen Anwalt auch eine ungestörte Nachtruhe - und er beruft sich bei dieser Argumentation auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Das Gegenargument der österreichischen Gerichte bisher: Die Glockenschläge gehörten zu den seit langem ortsüblichen Immissionen, die dem Mann bereits vor seinem Einzug hätten bekannt sein können.

Sogar der Papst wird eingeschaltet

Doch auch außergerichtlich weitete sich der Glockenstreit aus – und nimmt teils skurrile Ausmaße an. So berichten österreichische Medien von Drohbriefen gegen Lassy. "Der Hr. Architekt soll sich schleichen - und wenn er das nicht tut, wird er eine aufs Haupt und die Ohren kriegen, daß er die Engelein singen hört", so zitierte das Internetportal "heute.at" im Mai aus einem angeblichen Drohbrief. Auch gegenüber Dompfarrer Strasser berichtete Lassy von solchen Briefen.

Um seinem Anliegen Gehör zu verschaffen, soll sich der Anwalt des Architekten laut mehreren Medienberichten sogar mit einem Brief an Papst Franziskus gewandt haben. Und das Glockengeläut ist nicht das Einzige, was er ablehnt: Auch durch den Lärm der spielenden Kinder eines kirchlichen Jugendtreffs fühlt er sich gestört.

Trotz dieses seit Jahren schwelenden Konflikts zeigte sich der Linzer Dompfarrer Strasser gegenüber katholisch.de gelassen: "Natürlich verstehe ich auf der einen Seite, dass Menschen sich durch den Glockenschlag gestört fühlen können. Es gibt aber genauso gut solche, denen er fehlen würde", fasst er die Reaktionen der Anwohner zusammen. Gerade von Menschen, die an Schlafstörungen litten, bekomme er die Rückmeldung, dass der Glockenschlag ihnen die Nacht strukturiere.

Plakativer Vergleich

Außerdem sieht sich Strasser in der Verantwortung gegenüber anderen Pfarreien: "Wenn ich die Glocken abstelle, dann würde das möglicherweise andere Kirchengemeinden unter Druck setzen, dem Beispiel zu folgen", erklärt er.

Und so wird das Geläut der Linzer Domglocken wohl auch in Zukunft die Justiz beschäftigen. Man darf gespannt sein, ob das Oberste Gericht der Argumentation des Oberlandesgerichts folgt. Der dortige Richter hatte zur Begründung der Entscheidung im Dezember einen plakativen Vergleich gebracht: Auch wenn ein bisheriger Großstadtbewohner, "der aufs Land zieht und dort bemerkt, dass er an einer Gräserallergie leidet", gegen den benachbarten Bauern klagte, sei das "wohl nicht erfolgreich".  (mit Material von KNA)

WDR öffnet Glocken-Archiv

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Westdeutsche Rundfunk tausende Aufzeichnungen von Glockengeläut gesammelt. Nun hat der Sender die Aufnahmen in einem Online-Archiv gesammelt. Die "Glockenpforte" öffnete am Neujahrstag.
Von Gabriele Höfling