Retten, was zu retten ist

Aktualisiert am 26.02.2013  –  Lesedauer: 
Wissenschaft

Bonn ‐ Das Thema "Demografischer Wandel" weckt häufig ungemütliche Bilder von einem menschenleeren Deutschland, in dem einige greisenhafte Einwohner durch die grauen Straßen humpeln, auf der Suche nach Essbarem. Vom "Altenheim Europa" ist da die Rede, von akutem Pflegenotstand und schwindenden Renten. Ganz nach dem Motto, der Letzte macht das Licht aus.

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Die Bundesregierung versucht unterdessen, im Rahmen ihrer Demografie-Strategie kreativ mit unterschiedlichsten Projekten und Kampagnen gegen resignative Prognosen an zu arbeiten. Also: zu retten, was noch zu retten ist. So steht auch das diesjährige Wissenschaftsjahr des Bundesbildungsministeriums unter dem Motto " Die demographische Chance " und ruft dazu auf, den Wandel aktiv zu gestalten.

Themen nun wesentlich komplexer und anspruchsvoller

Während in den vergangenen Wissenschaftsjahren meist einzelne Forschungsdisziplinen wie die Mathematik vorgestellt wurden, sind die Themen nun wesentlich komplexer und anspruchsvoller geworden. So widmete sich das Wissenschaftsjahr 2012 dem "Zukunftsprojekt Erde" und stellte das nachhaltige Wirtschaften in den Mittelpunkt. In diesem Jahr ist es also der Demografische Wandel.

"Unser Ziel ist, die Forschung stärker auf gesellschaftliche Herausforderungen auszurichten", sagt die Leiterin der Projektgruppe Wissenschaftsjahr 2013, Christine Thomas. Herauskommen sollen neue Erkenntnisse zur Demografie-Forschung, sowie konkrete Lösungsansätze, etwa zur Arbeitsplatzgestaltung für ältere Menschen. Letzteres ist eines von mehreren Forschungsprojekten, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres vorgestellt werden.

Die barrierefreie Stadt ist wirklich noch Zukunftsmusik

In einem weiteren Bereich geht es zum Beispiel um Assistenzsysteme für Senioren. "Dazu haben wir bereits im Vorfeld Pflegeverbände und Endnutzer mit einbezogen, damit unsere Entwicklungen später auch in der Praxis einfacher nutzbar sind", erklärt Thomas. So forscht das Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen derzeit an einer Navigationshilfe, die älteren Menschen das Reisen erleichtern soll. Denn die barrierefreie Stadt ist wirklich noch Zukunftsmusik. Bis dahin können diese Anwendungen hilfreiche Dienste leisten.

Ein Vorlaufprojekt in der Rhein-Mosel-Stadt Koblenz erweist sich im Praxistest bereits als erfolgreich. Dort haben zwei Schülerinnen in Zusammenarbeit mit einem Rollstuhlfahrer ein Navigationssystem entwickelt, das den barrierefreien Weg zu den Sehenswürdigkeiten weist. Im Rahmen des Fraunhofer Projekts "access" soll dieses WLAN-gestützte System auf die besonderen Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt werden.

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung sucht unterdessen nach Gründen für die wachsende Lebenserwartung. Die Wissenschaftler erstellen eine Datenbank über Menschen, die mit 110 Jahren ein sehr hohes Alter erreicht haben und die in Zukunft keine Seltenheit mehr sein werden. Immerhin haben drei von zehn Mädchen, die heute geboren werden, die Chance, das Jahr 2113 zu erleben.

82 Millionen Experten

Die Demografie-Strategie kommt an den rund 82 Millionen deutschen Experten zum Thema natürlich nicht vorbei. Und so ist der Bürgerdialog eine weitere Säule des Programms. Die Menschen sind gefragt, sich Gedanken zu machen über die Folgen des demografischen Wandels und, wie man ihnen begegnen kann. In einer Reihe von Bürgerkonferenzen können sie ihre Ideen, Erwartungen, Hoffnungen und Bedenken vertreten und diskutieren. "Dabei soll sich auch herauskristallisieren, welche Fragestellungen wir gezielt angehen sollten und welche Rückschlüsse daraus für unsere Forschung zu ziehen sind", so Thomas.

Gefragt sind dabei alle Generationen. Denn der Wandel betrifft gerade junge Menschen, die in Zukunft mit den Folgen zu kämpfen haben. Nach einem Bürgergipfel in Berlin fasst der Bürgerreport nun die Ergebnisse zusammen. Einige sind bekannt und bereits erprobt, andere weisen neue Wege.

Allen gemein ist der Tenor: Lasst uns zusammenrücken. Ob nun Jung und Alt im Generationentreff, Stadt und Umland über besser vernetzte Verkehrssysteme oder die unterschiedlichen Kulturen durch Integrationsprogramme. Vielleicht wird es dann doch nicht so ungemütlich im Deutschland der Zukunft.

Von Janina Mogendorf