Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin

Ruf nach mehr Mitgefühl für Opfer

Der deutsche Bundestag mit der Glaskuppel im Hintergrund.
Bild: picture alliance/Frank May

Alle EU-Mitgliedsstaaten hätten diese Verpflichtung unterschrieben, was man ihnen jedoch in der derzeitigen Flüchtlingskrise nicht immer anmerke. Alle zusammen trügen die Verantwortung, betonte Lammert.

Mit dem Gedenktag wird seit 2015 jährlich am 20. Juni an die Opfer von Flucht und Vertreibung weltweit erinnert. Die Bundesregierung knüpft damit an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen an und erweitert das Flüchtlingsgedenken um das Schicksal der Vertriebenen.

Zollitsch ruft zu mehr Mitgefühl mit den Opfern auf

Der Freiburger Alterzbischof Robert Zollitsch rief zu mehr Mitgefühl mit den Opfern auf. "Die leider häufig zu hörende Abwehr, es handelt sich um Fremde, ist kleinmütig und schändlich", sagte Zollitsch bei der Gedenkstunde. Zweifelsohne habe die Leistungsfähigkeit jeder Gesellschaft Grenzen. Doch worauf es ankomme, sei die Haltung der Empathie. Nur damit könnten Lösungen gefunden werden. "Es liegt wesentlich an uns, ob Gewalt und ihre Folgen das letzte Wort haben oder nicht."

Das Mitgefühl sei "Voraussetzung, um der Gewalt entgegenzutreten, ohne Teil von ihr zu werden", sagte der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. "Gewalterfahrung verändert den Blick auf die Welt", sagte er in Erinnerung an seine eigene Vertreibung aus Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Umgang mit Gewalterfahrung sei eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Die Aufarbeitung müsse aktiv betrieben werden. "Heilung braucht Zeit." Gerade zu Beginn müsse den Opfern soziale und psychische Stabilität gegeben werden.

Bild: © picture alliance / dpa

Alterzbischof Robert Zollitsch ist selbst ein Vertriebener. 1946 floh er im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus dem heutigen Serbien nach Deutschland.

Lammert bekräftigte, dass es damals und heute gelte, dass die Schutzsuchenden bereit sein müssten, sich zu integrieren. Zugleich müssten das aufnehmende Land und dessen Bevölkerung auch bereit sein, die Ankommenden zu integrieren.

Lammert verwies auf eine gelegentlich "erhebliche Diskrepanz zwischen den großen historischen Ereignissen der Vertreibung und den Einzelschicksalen". Dabei machten diese erst das historische Ereignis aus. "Der Preis der Verdrängung ist Distanz", klagte Lammert. Daher sei Erinnerungskultur "ebenso wichtig wie schwierig" und bleibe eine staatliche Aufgabe.

De Maiziere: Auch auf Religiosität, Mentalität und Lebensgefühl achten

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) rief dazu auf, bei Flüchtlingen auch auf deren "Religiosität, Mentalität und Lebensgefühl" zu achten. Andernfalls könne Integration nicht gelingen. Zugleich verwies de Maiziere auf Gemeinsamkeiten der Vertriebenen von damals und der Flüchtlinge von heute.

Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius, mahnte, jede Vertreibung, jede ethnische Säuberung, egal wann und durch wen sei immer ein Verbrechen. Selbstbestimmte Identität sei ein Natur- und ein Menschenrecht, sagte der CSU-Bundestagabgeordnete. (KNA)

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