Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Kirchen nehmen zur Situation in Flüchtlingsheimen Stellung

Schutz ja, Trennung nein

Flüchtlinge - Gibt es eine systematische Diskriminerung von Christen in Flüchtlingsunterkünften? Nein, sagen die beiden großen Kirchen. Deshalb raten sie von einer getrennten Unterbringung nach Religionen ab.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 12.07.2016

Das Ideal des friedlichen Zusammenlebens dürfe jedoch nicht zur Folge haben, dass einzelne Asylbewerber Übergriffen ausgesetzt würden, so der Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Wenn in einer Unterkunft der Schutz von Minderheiten nicht gewährleistet sei, könne eine getrennte Unterbringung eine sinnvolle Lösung sein. Gleiches gelte, wenn sich Konflikte ereigneten oder abzeichneten und eine Lösung nicht oder nur zu Lasten der Opfer erfolgen könne.

Seit Herbst 2015 gab es immer wieder Berichte, in denen von Übergriffen auf Christen und Jesiden in Flüchtlingsunterkünften die Rede war. Vereinzelt hatten Politiker, aber auch Seelsorger eine getrennte Unterbringung von Flüchtlingen unterschiedlicher Religion gefordert. Die DBK und die EKD sprachen sich zwar ebenfalls für einen wirksamen Minderheitenschutz, aber gegen eine strikte Trennung aus.

Oftmals Propaganda gegen den Islam

In der Stellungnahme heißt es nun, dass sich bisher kein klares Bild über das Ausmaß von Konflikten, bei denen Religion eine Rolle spiele, ergeben habe. An der jüngsten Erhebung des evangelikalen Hilfswerks "Open Doors" zu "religiös motivierten Übergriffen gegen christliche Flüchtlinge" bestünden erhebliche Zweifel. Außerdem schienen in zahlreichen Beiträgen zum Thema die Probleme in den Flüchtlingsheimen "vor allem ein willkommener Anlass zur Propaganda gegen muslimische Flüchtlinge und den Islam im Allgemeinen zu sein".

Bild: © KNA

Die Flüchtlinge leben häufig auf engstem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit zusammen. Dadurch kann es zu Konflikten kommen.

Die katholischen Diözesen, die evangelischen Landeskirchen und die kirchlichen Einrichtungen in Deutschland haben deshalb in den vergangenen Monaten eigene Befragungen zur Situation christlicher Asylbewerber in Unterkünften durchgeführt. Eine flächendeckende und systematische Diskriminierung von Christen und anderen religiösen Minderheiten sei dabei nicht festzustellen gewesen, heißt es. Vielerorts gelinge das Zusammenleben. Allerdings existiere ein erhöhtes Konflikt- und Gewaltpotenzial, das vor allem den Umständen geschuldet sei. Dazu zählten beengte Wohnverhältnisse, psychische Traumata sowie fehlende gesellschaftliche Teilhabe- und Beschäftigungsmöglichkeiten.

"Es liegen jedoch auch Berichte vor, wonach Christen und andere religiöse Minderheiten aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Ablehnung, Einschüchterung, Benachteiligung oder sogar Gewalt erfahren", so die beiden Kirchen. Auch wenn derartige Vorfälle nach derzeitigem Erkenntnisstand vergleichsweise selten seien, dürften sie keinesfalls bagatellisiert werden. Insbesondere in Berlin soll es immer wieder vorgekommen sein, "dass muslimische Mitarbeiter privater Sicherheitsdienste christliche Asylbewerber gezielt benachteiligten – beispielsweise indem sie Christen in Warteschlangen zurückdrängten". Vergleichsweise häufig werde berichtet, dass es zu Konflikten komme, wenn Angehörige unterschiedlicher Religionen in einem gemeinsamen Zimmer untergebracht werden.

In einer speziellen Situation befänden sich Asylbewerber, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. "Hier wird vergleichsweise häufig von körperlichen Übergriffen und der Schmähung religiöser Symbole bis hin zu Morddrohungen berichtet", erklären die Kirchen. Erschwerend komme hinzu, dass Konvertiten bisweilen auch bei muslimischen Sicherheitskräften und Dolmetschern auf deutliche Ablehnung stießen.

Themenseite: Auf der Flucht

Die Flüchtlingskrise fordert Staat, Gesellschaft und Kirchen mit ganzer Kraft heraus. Auch die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich umfangreich in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Informationen dazu auf der Themenseite "Auf der Flucht".

Die befragten Fachleute seien sich darin einig, dass die Einhaltung von Unterbringungsstandards ein entscheidender Faktor zur Vermeidung von Konflikten sei, schreiben die Kirchen. Konkret raten sie zu einem professionellen Konflikt- und Beschwerdemanagement in den Unterkünften. Hinsichtlich der Belegungszahl und baulichen Gegebenheiten der Unterkünfte müsse darauf hingearbeitet werden, "dass jedem Bewohner Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung stehen". Um Konflikte aufgrund unterschiedlicher Glaubens- und Lebensgewohnheiten zu vermeiden, sollte in Unterkünften auf "eine kultursensible Zimmerbelegung" geachtet werden. Asylbewerber benötigten zudem eine adäquate psychosoziale Betreuung und die Möglichkeit, sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen.

Von großer Bedeutung sei auch das richtige Personal. Insbesondere Sozialarbeiter, Mitarbeiter der Rechts- und Verfahrensberatung, Dolmetscher und die Sicherheitskräfte sollten über grundlegende interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen verfügen. Gerade bei letzteren müsse darauf geachtet werden, dass ihr "weltanschaulicher Hintergrund nicht zur Diskriminierung von religiösen Minderheiten beiträgt".

Der Stephanuskreis der CDU/CSU-Bundestagsfraktion begrüßte die Stellungnahme der beiden Kirchen. Intern stehe man schon lange in regem Austausch und sei sich einig, dass Opfern von Übergriffen schnell geholfen werden müsse, zum Beispiel durch eigene Schutzräume, sagte der Vorsitzende Heribert Hirte am Dienstag in Köln. "Nicht hinter jeder Auseinandersetzung zwischen Menschen verschiedener Religionen steht ein Streit über die Religion", sagte er. Dennoch müsse man sichergehen, dass Christen auch in solchen Unterkünften sicher vor Diskriminierung seien.

12.07.2016, 15.50 Uhr: ergänzt um das Statement des Stephanuskreises

Von Björn Odendahl