Auch Caritas international klagt über eine wachsende Zahl an Angriffen und sogar Übergriffen auf Helfer, etwa in Syrien. "Unsere Partner müssen täglich neu abwägen, ob sie dringend erforderliche Hilfe leisten oder ob das Risiko für das eigene Personal zu groß ist", sagte der Leiter des Hilfswerks, Oliver Müller, am Donnerstag in Berlin.
"An Perversion kaum zu überbieten"
Die Art der Konflikte habe sich verändert, klagte Müller. Einzelne Gruppen, etwa der "Islamische Staat" (IS), respektierten die internationalen Prinzipien der humanitären Hilfe nicht. "Das bringt die Hilfe in Gefahr." Scharf kritisierte Müller Bombardements auf Krankenhäuser oder andere Hilfseinrichtungen, wie es sie in der Vergangenheit auch von westlichen Staaten gegeben habe. "Es ist an Perversion kaum zu überbieten, wenn Kampfjets Hospitäler mit Hunderten Zivilisten bombardieren und Ärzte um ihr Leben fürchten müssen, nur weil sie ihren Job machen, auf den sie zudem einen Eid geschworen haben", so Müller.
Themenseite: Auf der Flucht
Die Flüchtlingskrise fordert Staat, Gesellschaft und Kirchen mit ganzer Kraft heraus. Auch die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich umfangreich in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Informationen dazu auf der Themenseite "Auf der Flucht".
Zur ThemenseiteDabei ist gerade in Syrien die Lage dramatisch. "Selbst das beste Hilfsnetzwerk stößt in Syrien an seine Grenzen, weil die Konfliktparteien die Zugänge für humanitäre Hilfe in mehreren Teilen des Landes blockieren", berichtete Müller. Rund 4,5 Millionen Syrer seien von jeglicher Hilfe abgeschnitten. Eine dieser Regionen sei in Südsyrien an der Grenze zu Jordanien. Bei rund 40 Grad Celsius versuchten Zehntausende, dort in improvisierten Lagern zu überleben. Jordanien habe bereits mehr als 650.000 Schutzsuchende aufgenommen, aber auch diese Menschen hätten ein Recht auf Hilfe.
Für den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, bleibt der einzige Schutz für Hilfswerke eine neutrale Haltung gegenüber den Konfliktparteien. "Neutralität ist für uns extrem wichtig." So habe sich Caritas international in Afghanistan stets als unparteiischer Helfer gesehen und werde als dieser sogar von den Taliban respektiert. Dennoch habe auch in Afghanistan die Zahl der Übergriffe auf internationale Helfer jüngst zugenommen. "Die Sicherheitslage in dem Land spitzt sich von Tag zu Tag zu." Die Zahl der zivilen Opfer habe eine traurige Rekordmarke erreicht.
Doch auch mitten in Europa gebe es eine Flüchtlingskatastrophe, mahnte Neher. "Noch immer harren Zehntausende Flüchtlinge in den Balkanländern, in Griechenland und Italien aus. Viele dieser Menschen leben unter katastrophalen Zuständen." Mit dem Türkei-EU-Abkommen hätten sich die Probleme an den Grenzen nicht gelöst. Das mitverhandelte Umverteilungsabkommen funktioniere de facto nicht. "Viele EU-Staaten haben noch keinen einzigen Flüchtling im Rahmen der Kontigent-Übereinkunft einreisen lassen."
Der Caritas-Präsident appellierte an die südeuropäischen Länder, die Flüchtlinge nach humanitären Standards aufzunehmen. Zugleich forderte er alle Länder Europas auf, die Verantwortung für die Schutzsuchenden nicht auf Südeuropa oder auf Drittstaaten wie die Türkei oder Libyen abzuwälzen.
"Das ist mein Thema!"
Die Hälfte seiner Familie hat Fluchterfahrungen. Für ihn ein Grund mehr sich selbst für Schutzsuchende einzusetzen: Ein Beitrag über Ralf Eger und seine Aufgabe als Flüchtlingsbeauftragter der Diözese Augsburg.
Bistum AugsburgNeher sprach sich auch für mehr legale Zuwanderungswege nach Europa aus. Wenn die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer wegfalle, könnten Hunderte Menschenleben gerettet werden. Und wenn es klar wäre, wer zum Arbeiten komme und wer einfach Schutz suche, könne die Hilfe noch besser ausgerichtet werden.
Die Zahl der Krisen und Konflikte weltweit hat dabei zu einem Anstieg der Spenden und Zuschüsse für das Hilfswerk geführt. Insgesamt lagen die Zuwendungen im Vorjahr bei 85,24 Millionen Euro. Das entsprach einem Vorjahresplus von 24 Prozent.
Mehr Zuschüsse von Kirchen und Staat
Besondere Zuwächse gab es dabei bei den öffentlichen und kirchlichen Zuschüssen. Diese stiegen den Angaben zufolge im Vergleich zum Vorjahr von 34,6 auf 44,2 Millionen Euro an. Allein die Bundesregierung gab 8,5 Millionen mehr. Bei den Spenden und Stiftungsbeiträgen betrug das Plus acht Millionen Euro auf 38,4 Millionen.