Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, bei der Pressekonferenz zur Familiensynode am 16. Oktober 2014 im Vatikan.
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Wiener Kardinal äußert sich zu Problemen in der Integrationspolitik

Schönborn übt Selbstkritik beim Thema Asylpolitik

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn reflektiert seine früheren Aussagen zur Asylpolitik selbstkritisch. In einem Interview sprach er in diesem Kontext die Themen Integration und Gewalt im Islam an.

Wien/Bonn - 18.07.2016

"Es gibt aber einen Unterschied", sagte der Geistliche im Interview der Tageszeitung "Standard" (Montag). "Diese Flüchtlinge waren alle Europäer, hatten ungefähr dieselbe Kultur, viele dieselbe Religion. Selbst die Integration der Bosnier, die vielfach Muslime waren, ist durch die kulturelle Gemeinsamkeit schneller gegangen", so Schönborn. Jetzt habe man es mit einer Zuwanderung aus dem Nahen Osten sowie aus Afrika zu tun – "und da ist die kulturelle und religiöse Differenz sicher ein Faktor, der Sorge macht".

Dass es in Österreich nach einer Welle der Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen im Vorjahr nun auch viel Hass und Ablehnung gibt, erklärte Schönborn mit wachsenden Existenzängsten: In Österreich gehe man Schritt für Schritt von einer sehr prosperierenden Gesellschaft in eine Gesellschaft hinein, in der es vielen Menschen deutlich weniger gut gehe. Der Kardinal verwies dazu auf seine eigene Vita: "Ich bin aufgewachsen ohne Zentralheizung, ohne Kühlschrank, Klo am Gang etc. Ich habe erlebt, dass es jedes Jahr ein bisschen besser gegangen ist." Heute dagegen wachse eine Generation heran, "deren Zukunftsaussichten deutlich schlechter sind". Da seien "Spannungen unausweichlich".

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Die Kirche in Österreich macht Front gegen die geplante Verschärfung des Asylrechts wegen eines drohenden "Notstands". "Hier kann ich nur warnen: Wir sind Gott sei Dank weit entfernt von einem 'Notstand'", so Kardinal Schönborn. (Artikel von April 2016)

Mit Blick auf ein steigendes Gewaltpotenzial und vermehrte Terrorakte im Namen der Religion brauche es "klarere Stellungnahmen von islamischen Autoritäten", sagte Schönborn weiter. "Der Terror hat zurzeit ein islamisches Etikett - ob zu Recht oder nicht". Die Gewaltakte der jüngeren Vergangenheit stammten von Muslimen, nicht von Christen, Ex-Christen oder Menschen anderer Religionen. Nach den Worten des Kardinals ist das "ein großes Problem für den Islam, mit dem er sich auseinandersetzen muss".

Schönborn: Christentum hat eigene Gewaltakte aufgearbeitet

Schönborn sagte weiter, auch dem Christentum sei "nicht zu Unrecht vorgeworfen" worden, dass es auf eine "schlimme Gewaltgeschichte" zurückblicke. Auf die Frage, ob das Christentum "das Gewaltkapitel aufgearbeitet" habe und sich nun distanziere, was beim Islam noch nicht der Fall sei, antwortete Schönborn: "Ja, das ist so." Ehrlicherweise müsse er aber anführen, dass die christliche Distanzierung vom Antisemitismus und von den Gewaltexzessen der Religionskriege noch nicht alt sei. "Ohne den Schrecken des Holocaust hätte es wahrscheinlich nicht das klare Bekenntnis gegen den Antisemitismus gegeben", sagte der Kardinal.

Die "Kernfrage" angesichts von Schreckenstaten wie jener in Nizza ist für Schönborn: "Warum wird jemand zum Terroristen? Wie kommt es, dass sich jemand in einen Lastwagen setzt und, alle inneren Grenzen überschreitend, einfach in die Menge fährt und Männer, Frauen und Kinder tötet? Woher kommt diese schwere Störung des Menschseins?" Religiöser Fanatismus sei sicher ein Teil der Antwort darauf, könne das aber nicht vollständig erklären. "Da gibt es eine Komponente des Wahnsinns", sagte der Kardinal.

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Der Wiener Kardinal trat Behauptungen entgegen, das Schreiben von Papst Franziskus zu Ehe und Familie habe keinen lehramtlichen Charakter. In diesem Sinne hatten sich konservative Kardinäle geäußert.

Im Interview äußerte sich Schönborn auch zu innerkirchlichen Themen. So sei Papst Franziskus trotz großer Zustimmung auch mit einer intensiven Debatte konfrontiert. Während der Papst "eine große Akzeptanz in Milieus hat, die sonst mit der Kirche nicht so viel zu tun haben", gebe es gleichzeitig "eine doch sehr starke, signifikante innerkirchliche Opposition, die sich aktiv und lautstark engagiert", sagte der Kardinal. Im Bewusstsein dieser Situation habe ihm Franziskus kürzlich gesagt: "Wir müssen versuchen, die innerkirchlichen Opponenten liebevoll zu gewinnen."

Zugleich wandte sich Schönborn gegen die vereinfachende Beschreibung einer Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen: "Das Evangelium ist weder konservativ noch liberal, es ist herausfordernd", sagte er. Der Geistliche verwies zudem darauf, dass Franziskus bei Reformen bewusst auf Debatten und Prozesse setze: "Es werden Dinge in Gang gesetzt, und es kommt Bewegung hinein." (kim/KNA)