Abseits der Norm
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Studie "Liturgische Akteure: Normen und gottesdienstliche Praxis" gestartet

Abseits der Norm

Gründonnerstag ohne Fußwaschung oder Karfreitag ohne Kommunionfeier? Priester weichen immer wieder von liturgischen Vorgaben ab. Warum sie das tun, wollen zwei Würzburger Theologen untersuchen.

Von Sophia Michalzik |  Würzburg - 05.05.2015

Einer von ihnen ist Martin Stuflesser. Gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Religionspädagogen Hans-Georg Ziebertz, will der Professor für Liturgiewissenschaft herausfinden, warum Priester, Diakone oder Pastoralreferenten Änderungen im liturgischen Ablauf vornehmen. Die Idee dazu lieferte eine ältere Diplomarbeit, die die Osterfeier im Dekanat Würzburg-Innenstadt untersuchte; Gibt es am Gründonnerstag eine Fußwaschung? Am Karfreitag die Kommunionfeier? Und wie viele und welche Lesungen werden in der Osternacht gelesen? Im Jahr 2010 wiederholte man am Lehrstuhl die Befragung und konnte so, nach 25 Jahren, Vergleichsdaten erheben.

Die Forscher stellten fest, dass es Änderungen im Ablauf der Liturgie gab. So wurde beispielsweise in einigen Fällen die Lesung aus Genesis 22 in der Osternacht ganz bewusst weggelassen. In dieser Lesung stellt Gott Abraham auf die Probe und fordert die Opferung seines einzigen Sohnes Isaak. Es stellte sich nun bei der Befragung heraus, dass diese Lesung jedoch nicht beliebig weggelassen wurde, sondern wohl weil man meinte, das darin zum Ausdruck kommende Gottesbild sei zu grausam - man empfand es als unpassend für das Fest der Auferstehung. "Das neue Projekt soll nun genau solche Motivationen stärker untersuchen", sagt Stuflesser.

Qualitätsmerkmal "katholische Messe"

Die Haltung der Kirche zu dem Thema ist eindeutig: "Deshalb darf durchaus niemand sonst, auch wenn er Priester wäre, nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern", heißt es in der Liturgie-Konstitution "Sacrosanctum Concilium" (SC) des Zweiten Vatikanischen Konzils. "Es ist nicht beliebig, was wir da Sonntag für Sonntag feiern", sagt Stuflesser. Denn dass die katholische Messe überall auf der Welt gleich sei, sei ein Qualitätsmerkmal.

Porträt eines dunkelhaarigen Mannes.
Bild: © Privat

Martin Stuflesser ist Priester der Diözese Mainz und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius Maximilians-Universität in Würzburg.

Und dennoch: Es gibt Abweichungen von der Norm. Doch schon beim Begriff "Norm" stellen sich die ersten Probleme. Der Duden umschreibt dieses Wort mit Vorschrift, Regel oder Richtlinie für die Durchführung von Verfahren. In der katholischen Kirche meint eine Norm Vorgaben für den Ablauf der Liturgie. Eine solche Norm ist etwa, dass die Leseordnung für die Messfeier am Sonntag neben dem Evangelium zwei Lesungen vorsieht. Entscheidet sich der Priester vor Ort gegen eine zweite Lesung, handelt er aber nicht zwangsläufig gegen die liturgische Norm, denn: Die deutschsprachige Fassung des Messbuchs erlaubt, dass eine der beiden Lesungen "aus pastoralen Gründen" entfallen kann. "Doch was ist ein pastoraler Grund?", fragt Stuflesser. "Warum sieht der eine Priester vor Ort die Situation als gegeben an, alle vorgesehenen Lesungen verwenden zu können, ein anderer Priester, der in derselben Pfarrei nur einen Sonntag später aushilft, aber nicht?"

Das Forschungsprojekt will die hier vorliegenden Motivationen auf Seiten derer, die die Liturgie gestalten, nun genauer untersuchen. Aus diesem Grund beschränkt sich die Untersuchung zunächst auf die der Liturgie vorstehenden Hauptamtlichen, also Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten. Theologisch gesehen sei natürlich die gesamte zum Gottesdienst versammelte Gemeinde Trägerin der Liturgie, ergänzt Stuflesser. "Auf die Gestaltung der Liturgie haben jedoch diejenigen, die der Feier vorstehen, einen besonderen Einfluss." Ziebertz und Stuflesser schließen daher nicht aus, das Projekt nach dieser ersten Runde auch in einem dann größerem Rahmen fortzuführen, und dabei alle Gruppierungen, die an der Feier der Liturgie beteiligt sind, zu befragen.

Stuflesser plädiert für neutraleren Begriff

Wer im Internet zum Thema sucht, stößt schnell auf das Wort "Liturgiemissbrauch" – ein Wort, das Stuflesser in seinem Projekt vermeidet. Das Wort "Missbrauch" sei seit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche eindeutig belegt. Und eine Lesung aus der Osternacht wegzulassen sei nicht mit dem Missbrauch eines Kindes zu vergleichen, so der Theologe. Stuflesser plädiert hier für den neutraleren Begriff der "Normabweichung". Klare Grenzüberschreitungen gibt es aber dennoch – unabhängig von der Wahl des Fachterminus.

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Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger". Die Zeichentrickserie erklärt auf einfache und humorvolle Art zentrale Begriffe aus Kirche und Christentum. In dieser Folge geht es um die Messe und ihre Bedeutung im christlichen Glauben.

Ein Beispiel ist hier die Exodus-Lesung in der Osternacht, die den Auszug aus Ägypten behandelt. "Die Lesung vom Durchzug durch das Rote Meer darf nie ausfallen", heißt es im Lektionar. Passieren tut es dennoch. "Das ist ein Problem", sagt Stuflesser. Denn die Feier der Osternacht funktioniere nicht ohne diese Lesung. "Das ist die Ur-Heilstat Gottes, ohne die wir Ostern nicht verstehen können."Die Befreiung des Volkes Israel ist der heilgeschichtliche Hintergrund für die Auferstehung Jesu. "Wenn der Pfarrer das seiner Gemeinde nicht mehr vermitteln kann, stellt sich die Frage, was die Gemeinde da in ihrer Osternacht noch feiert", meint der Liturgiewissenschaftler.

Als mögliche Antwort auf das Handeln von Priestern oder Pastoralreferenten in solchen Fällen vermutet Stuflesser die Annahme, dass die Gläubigen beispielsweise die Lesung aus dem Alten Testament nicht verstehen würden. "Aus der Vermutung wird dann ein Urteil gefällt", sagt er und nennt dieses Phänomen "Hermeneutik des Verdachts".

"Hermeneutik des Verdachts"

Stuflesser verweist in diesem Zusammenhang auch auf das Gleichnis vom Sämann: "Wir wissen nicht, wohin das Wort Gottes fällt." Liturgie habe nicht den Anspruch, dass jeder immer alles zu 100 Prozent verstehe. "Jeder nimmt sich aus dem Gottesdienst das mit, was für seine Lebenssituation in diesem Moment das Passendste ist." Das könne die Fürbitte, das Danklied oder eben ein Vers aus jener alttestamentlichen Lesung sein.

Die "Hermeneutik des Verdachts" bestehe aber auch andersherum, erklärt der Liturgiewissenschaftler. So werde er häufig mit Anfragen konfrontiert, wo jemand meint, eine Normabweichung beobachtet zu haben. "Hinterher hat sich herausgestellt, dass der Pfarrer lediglich von seinem Auswahlrecht Gebrauch gemacht hat." Denn das Messbuch und das Lektionar bieten an verschiedenen Stellen ganz bewusst mehrere Möglichkeiten zur Auswahl an: zwischen der Kurzfassung und der Langfassung einer Lesung, zwischen diesem Hochgebet oder einem anderen, zwischen den Messtexten vom Tag und denen eines nicht-gebotenen Heiligen-Gedenktages. Nur: Das weiß oft keiner.

Ein Beispiel: Ein Pfarrer liest in der Fastenzeit in diesem Jahr am dritten Fastensonntag das Evangelium aus dem Lesejahr A (Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen), obwohl gerade Lesejahr B und damit eigentlich das Evangelium von Jesus im Tempel vorgesehen ist. "Das ist in der Leseordnung ausdrücklich als Möglichkeit so vorgesehen", erklärt Stuflesser. "So etwas kann man auch gut über den Pfarrbrief erklären."

Studie soll Debatte versachlichen

Als "Liturgiepolizei" wollen Stuflesser und sein Kollege Ziebertz aber auf keinen Fall wahrgenommen werden. Die Ergebnisse die Befragung werden anonymisiert: "Wir werden dem Bischof anschließend keine Namen mit Priestern vorlegen, die von der liturgischen Norm abgewichen sind", sagt er. Zudem hoffe er, dass die Studie zur Versachlichung der Debatte beitrage – auch, weil im Internet vielfach mit Diffamierungen gearbeitet werde. Stattdessen sollen die Normabweichungen untersucht und daraus dann Schlüsse gezogen werden. "Gibt es vielleicht sogar Normabweichungen, die so flächendeckend auftreten, dass man sich fragen muss, wie sinnvoll die Norm ist?"

Als Beispiel nennt Stuflesser die Kommunionausteilung am Karfreitag, die laut Messbuch klar vorgesehen ist, aber in erstaunlich vielen Gemeinden nicht stattfinde. "Diese Gemeinden knüpfen damit an die liturgische Tradition der frühen Kirche an, wo die Kommunion ursprünglich gerade nicht zur Karfreitagsliturgie gehörte", so der Theologe. Denn eine Kommunionausteilung an alle Gläubigen ist erst seit der Reform der Karwoche durch Papst Pius XII. (1955/56) vorgesehen, zuvor habe allein der Vorsteher kommuniziert. "Man wird sich also angesichts einer weit verbreiteten liturgiewissenschaftlichen Diskussion der Frage 'Karfreitag – mit oder ohne Kommunionfeier?' und angesichts des Befundes, dass viele Gemeinden die liturgische Norm schlicht ignorieren, fragen müssen, was dies für die zukünftige liturgische Praxis bedeutet. Oder anders formuliert: Wie sinnvoll ist in diesem Fall die Norm?"

"Wir wollen die liturgische Norm nicht für unantastbar erklären", betont Stuflesser. Und er ergänzt: "Auch Normen, das zeigt der Blick in die Liturgiegeschichte, haben sich gewandelt und werden sich weiter wandeln." Schon das Zweite Vatikanum hatte deshalb festgehalten, dass die konkrete Feiergestalt der Liturgie durchaus wandelbar ist: "Denn die Liturgie enthält einen kraft göttlicher Einsetzung unveränderlichen Teil und Teile, die dem Wandel unterworfen sind. Diese Teile können sich im Laufe der Zeit ändern, oder sie müssen es sogar, wenn sich etwas in sie eingeschlichen haben sollte, was der inneren Wesensart der Liturgie weniger entspricht oder wenn sie sich als weniger geeignet herausgestellt haben." (SC 21) Für Stuflesser ist klar: "Wenn Liturgie verändert wird, geschieht das nicht beliebig."

Infos zur Studie

Die Studie "Liturgische Akteure: Normen und gottesdienstliche Praxis" ist auf drei Jahre angelegt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Beginn der Interviews ist im Oktober, befragt wird in vier Bistümern mit unterschiedlichen Strukturen: ländlich, städtisch, volkskirchlich und eines aus dem Osten Deutschlands. Da die jeweiligen Ortsbischöfe den Befragungen noch zustimmen müssen, können die Namen noch nicht bekannt gegeben werden. Mit ersten Ergebnissen wird frühestens Anfang 2017 gerechnet.

Von Sophia Michalzik