Als die katholische Kirche ihrer Zeit weit voraus war
Frauenkongregationen als Wegbereiter der Emanzipation

Als die katholische Kirche ihrer Zeit weit voraus war

Die katholische Kirche hat nicht unbedingt den Ruf, bei gesellschaftlichen Entwicklungen in der ersten Reihe zu marschieren. Doch laut der Historikerin Maria Anna Zumholz waren zumindest die katholischen Frauenkongregationen des 19. Jahrhunderts im Umgang mit seelischen und sozialen Notlagen sowie mit Blick auf die Emanzipation der Frau ihrer Zeit weit voraus.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 09.01.2019

Die Historikerin Maria Anna Zumholz beschäftigt sich in einem Forschungsprojekt mit den Frauenkongregationen, die sich im 19. Jahrhundert für arme und benachteiligte Menschen einsetzten. Ihre These: Die Kongregationen waren Pionierinnen sozialer Arbeit und in ihrem emanzipierten Frauenbild ihrer Zeit weit voraus. Im Interview mit katholisch.de spricht sie über die Ergebnisse ihrer Forschung.

Frage: Frau Zumholz, wie war die Situation der Frauen im 19. Jahrhundert?

Zumholz: Frauen besaßen im deutschen Kaiserreich kaum Rechte. Sie waren praktisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen: Sie durften nicht die Universität besuchen, sie durften nicht wählen und keine politischen Vereine gründen. Selbst in der gemeinnützigen Fürsorge konnten sie sich kaum engagieren. Die Männer verteidigten ihre Räume gegen Frauen – auch in den sozialen Bereichen.

Frage: Wie haben katholische Frauen auf diese Situation reagiert?

Zumholz: Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Frauenkongregationen. Im Gegensatz zu den klassischen Orden waren die Kongregationen nicht angelegt auf ein Leben hinter Klostermauern, sondern auf ein Wirken in der Welt. Ihre Mitglieder wollten berufstätig sein – das war für die damalige Zeit etwas vollkommen Ungewohntes. Die Kongregationen waren für Frauen sozusagen ein Ort der Emanzipation, denn sie wollten unabhängig von männlicher Aufsicht und nur ihrem Gewissen verpflichtet sein. Die erste Kongregation, der es gegen Widerstände in der katholischen Kirche gelungen ist, nicht zur Klausur verpflichtet zu werden, war die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Frankreich gegründete Gemeinschaft der Vinzentinerinnen. Sie hatten sich der Krankenpflege verschrieben – und diesem Beruf konnten sie nicht im Kloster nachgehen. Die Vinzentinerinnen legten keine ewigen Gelübde ab, sondern Gelübde auf Zeit und ihre damalige Tracht war der Kleidung bürgerlicher Frauen angepasst. Die erste deutsche Kongregation in der Tradition der Vinzentinerinnen war die 1808 in Münster gegründete Gemeinschaft der Clemensschwestern. Zwischen 1840 und 1860 setzte dann eine wahre Gründungswelle von Kongregationen ein, die sich neben der Krankenpflege vor allem der Mädchenbildung annahmen.

Maria Anna Zumholz ist stellvertretende Leiterin der Arbeitsstelle Katholizismus- und Widerstandsforschung an der Universität Vechta.

Frage: Hat die Emanzipation ihre Wurzel also in den Frauenkongregationen?

Zumholz: Die Frauenkongregationen sind nicht die Wurzel, aber Wegbereiter der Emanzipation. Sie ermöglichten Frauen, die nicht heiraten wollten, ein selbstbestimmtes Leben, indem sie ihnen einen Zugang zu einer Ausbildung und zu beruflichen Tätigkeiten verschafften. Die Kongregationen entwickelten ganz neue Berufsbilder für Frauen und schufen dazu auch die passenden Ausbildungsstätten. Sie prägten insbesondere den Beruf der Krankenschwester, der Lehrerin und der Kindergärtnerin. Schon im 19. Jahrhundert unterhielten die Schwestern Lehrerinnenseminare, später dann auch staatlich anerkannte Krankenpflegeschulen und sozialpädagogische Seminare. Indem sie soziale Berufe für Frauen entwickelten, haben sich die Kongregationen doppelt verdient gemacht: einmal um die Emanzipation, aber auch als Pionierinnen der sozialen Arbeit. Doch leider wird diese Leistung kaum gewürdigt.

Frage: Wie meinen Sie das?

Zumholz: Als Pionierin der sozialen Arbeit wird in der Forschung meist Alice Salomon genannt, eine Sozialreformerin, die 1908 eine erste soziale Frauenschule in Berlin gründete. Doch die Frauenkongregationen nahmen sich bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sozialer Notlagen an. Außerdem brachten die Schwestern schon damals auch psychologische Aspekte in die Krankenpflege ein. Sie sahen nicht nur körperliche Leiden, sondern auch seelische Probleme. Damit waren sie ihrer Zeit weit voraus.

Frage: Warum wird das so wenig gesehen?

Zumholz: Die Kongregationen hatten und haben den Ruf, eher "katholisch-rückwärtsgewandt" zu sein. Außerdem arbeiteten sie im Verborgenen. Sie machten ihre Arbeit nicht für Geld oder Ansehen, sondern weil sie sich in der Nachfolge Christi sahen.

Ehrung für Frauenkongregationen: Schwester Kunigunde

Eine der Frauen, die ihr Leben in den Dienst der Kongregationen stellten, war die 1914 geborene Theresia Schepers. Sie schloss sich nach Abitur unter dem Ordensnamen "Kunigunde" der Marianischen Jungfrauen-Sodalität in Mesum an. "Sie entschied sich bewusst gegen eine eigene Familie, machte in der Kongregation eine Ausbildung und gehörte der ersten Generation staatlich geprüfter Kindergärtnerinnen an", erklärt Maria Anna Zumholz. Bis ins hohe Alter setzte sie sich für Mädchen und hilfsbedürftige Menschen ein. Das würdigt jetzt auch der Landesfrauenrat Niedersachsen und widmet ihr ab Mai einen sogenannten "Frauenort", mit denen das Land bedeutender Frauen in seiner Geschichte gedenkt.

Frage: Wie sah denn im 19. Jahrhundert die katholische Amtskirche das Engagement der Frauenkongregationen?

Zumholz: Sie wurden durchaus unterstützt. Beispielsweise setzte sich Johann Georg Müller, der ab 1847 Bischof von Münster war, stark für die Frauenkongregationen ein. Aber auch die Pfarrer vor Ort sahen deren Engagement durchaus positiv. So überraschend das klingen mag: Die berufliche Tätigkeit der Frauen wurde in der katholischen Kirche weitaus höher geschätzt als in der evangelischen Tradition. Martin Luther hatte ein ganz restriktives Frauenbild. Für Frauen gab es aus seiner Sicht nur eine einzige Bestimmung: Sie mussten heiraten. In der katholischen Kirche hat man hingegen die älteren Traditionen aufrechterhalten und ein eheloses Leben als "Braut Christi" im Dienst der Kirche als ein hohes Gut angesehen. Im 19. Jahrhundert war die katholische Kirche mit der Entwicklung von Frauenberufen und der Betonnung der Mädchenbildung in Bezug auf die Emanzipation absolut wegweisend.

Frage: Gab es in der evangelischen Kirche oder in der säkularen Gesellschaft keine ähnlichen Aufbrüche?

Zumholz: In der evangelischen Kirche gab es nichts Ähnliches. Da waren zwar die Diakonissen, aber diese standen unter der männlichen Leitung eines "Hausvaters", während die katholischen Kongregationen ihre Oberinnen und Generaloberinnen demokratisch wählten. Und weltlichen Frauengruppen war es ja weitgehend verboten, im öffentlichen Raum eigenständig tätig zu sein.

Was sind Kongregationen?

Die Kongregationen unterscheiden sich von den klassischen Orden. Diese sind meist schon älter und waren auf strenge Klausur und Gebet angelegt. Die meisten Kongregationen entstanden erst im 17. und 18. Jahrhundert und waren auf das Wirken in der Welt angelegt. Seit 1983 unterscheidet das Kirchenrecht jedoch nicht mehr zwischen Orden und Kongregationen.

Frage: Wie hat sich die Arbeit der Kongregationen von der Industrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg gewandelt?

Zumholz: Der Beginn war durch eine große Aufbruchstimmung und durch Enthusiasmus geprägt. Einen ersten Einschnitt gab es dann in den 1870er Jahren durch den Kulturkampf, in dessen Folge viele Kongregationen das Deutsche Reich verlassen mussten. Auch anschließend war ihnen weiterhin etwa die Tätigkeit im Elementarschulwesen untersagt. Ab 1908 durften Frauen dann Universitäten besuchen, zur Zeit der Weimarer Republik genossen sie immer mehr Rechte – etwa das Frauenwahlrecht, das gerade seinen 100. Geburtstag gefeiert hat. Auch diesen neuen Bedingungen passten sich die Kongregationen an und entwickelten immer neue Ideen, wie sie das Leben der Frauen weiter verbessern konnten: Sie unterhielten Mädchengymnasien, Frauenoberschulen, Berufsschulen und Haushaltungsschulen. Zusätzlich zu den Krankenhäusern begannen sie, auch Sozialstationen zu etablieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die Attraktivität der Kongregationen geradezu schlagartig nach. Die Eintrittszahlen brachen massiv ein, die Kongregationen litten schon seit dem frühen 20. Jahrhundert unter stark verkrusteten Strukturen. Heute sind für junge Frauen tatsächlich eher wieder kontemplative Orden attraktiv. Ein selbstbestimmtes Leben ist für sie inzwischen selbstverständlich, sie suchen eher nach einer ausgeprägten Spiritualität.

Frage: Was können wir heute noch aus der Arbeit der Frauenkongregationen damals lernen?

Zumholz: Die Arbeit der katholischen Krankenschwestern unterschied sich gravierend von der Arbeit von Krankenschwestern und -pflegern heute. Die Schwestern waren Tag und Nacht für die Patienten da, sahen den ganzen Menschen, übernahmen Verantwortung. Dafür haben die Krankenschwestern und -pfleger heute gar keine Zeit mehr. Die Einsicht, dass der Mensch aus Körper und Seele besteht, muss vor allem vom Krankenhausmanagement und den Krankenkassen wieder viel stärker berücksichtigt werden. Die in der Mädchenbildung tätigen Kongregationen sahen Bildung und Ausbildung als grundlegende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen aus allen sozialen Schichten wie auch zur Behebung sozialer Notlagen an – und dieser Grundsatz ist bis heute aktuell.

Von Gabriele Höfling