Erzbischof Stephan Burger (vorne) und sein Vorgänger Robert Zollitsch
Bild: © KNA
Freiburger Erzbischof im Interview zur Missbrauchsaufarbeitung

Burger: Vorgänger Zollitsch hat bei Missbrauch Fehler gemacht

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger sieht bei seinem Amtsvorgänger Robert Zollitsch Fehler im Umgang mit sexuellen Missbrauchstaten durch Priester. Er verwies auf einen bestimmten Fall und sagte: "Ich muss davon ausgehen, dass mein Amtsvorgänger von diesen Vorgängen gewusst hat."

Von Volker Hasenauer (KNA) |  Freiburg - 07.11.2018

Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Mittwoch in Freiburg sprach Erzbischof Burger über Fehler bei Missbrauchsaufarbeitung. Er verwies auf den Fall Oberharmersbach im Ortenaukreis, wo ein Gemeindepfarrer von Ende der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre zahlreiche Jugendliche missbraucht haben soll. Vor einer Aufarbeitung nahm sich der Pfarrer das Leben. - Zugleich kündigte Burger an, die Aufarbeitung und Missbrauchsprävention im Erzbistum Freiburg fortzusetzen.

Frage: Herr Erzbischof, für die bundesweite Studie zu Missbrauch im Raum der katholischen Kirche wurden Tausende Personalakten ausgewertet. Im Erzbistum Freiburg fanden sich dabei Hinweise, dass Informationen zu Missbrauchstaten zum Schutz der Täter entfernt wurden. Wie viele Akten sind betroffen?

Burger: Genau kann ich das nicht eingrenzen. Aber es ist eindeutig, dass es wiederholt Manipulationen gab. Die meisten liegen sehr lange zurück. Und klar ist, dass sich dies nicht wiederholen darf. Dafür habe ich nun Vorsorge getroffen. Etwa indem alle Seiten in Personalakten durchnummeriert werden müssen. Dies war bislang nicht der Fall und machte es leichter, Dinge verschwinden zu lassen.

Frage: Sie sehen ein 'bewusstes Vertuschen' von Missbrauchsfällen. Worauf beziehen Sie sich dabei? Wer ist dafür verantwortlich?

Burger: Ein Fall ist Oberharmersbach. Dort hat ein Gemeindepfarrer von 1968 bis Anfang der 1990er Jahre Jugendliche missbraucht. Dass die Bistumsleitung damals Fehler gemacht hat, hat bereits mein Vorgänger als Erzbischof, Robert Zollitsch, eingeräumt. Ich muss davon ausgehen, dass mein Amtsvorgänger von diesen Vorgängen gewusst hat.

Frage: Aber detailliert aufgearbeitet wurde der Fall nie. Etwa um herauszufinden, welche Strukturen die jahrelangen Missbrauchstaten begünstigten oder warum die Stimme von Betroffenen nicht gehört wurde.

Burger: Den Fall umfassend aufzuarbeiten, wäre eine eigene wichtige Aufgabe. Andererseits gibt es Betroffene, die nicht wollen, dass alles noch mal aufgerollt wird. Ich habe vor kurzem das Gespräch mit der Gemeinde gesucht. Dabei ist mir klar geworden, dass es vielen Betroffenen wichtig wäre, von Alterzbischof Zollitsch noch einmal ein Wort zu hören. Dass er signalisieren würde, dass auch er Fehler gemacht hat. Aber das ist natürlich seine Entscheidung, die ich ihm nicht abnehmen kann.

Themenseite: Missbrauch

2010 wurde erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Seitdem bemüht sich die Kirche um eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Bei ihrer Vollversammlung veröffentlichen die deutschen Bischöfe am 25. September 2018 eine Studie, die die Missbrauchsfälle im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1946 und 2014 dokumentiert.

Frage: Stehen Sie im Blick auf Oberharmersbach und die Missbrauchsaufarbeitung allgemein im Kontakt mit ihrem Amtsvorgänger?

Burger: Im Moment nicht, aber ein Gespräch wäre mir sehr wichtig. Auch, um von seiner Seite die Einschätzungen und Wahrnehmungen zu erfahren.

Frage: Der Pfarrer in Oberharmersbach forderte bei Ihrem Besuch, Zollitsch nicht mehr mit Aufgaben zu betrauen, weil er das Vertrauen verspielt habe.

Burger: Der Alterzbischof ist nur noch sehr selten im Namen der Erzdiözese unterwegs. Aber natürlich hat er noch viele Termine, wo er für Vorträge oder Gottesdienste angefragt ist. Das steht ihm frei.

Frage: Experten stellen Ihrer Diözese ein gutes Zeugnis für die Präventionsarbeit gegen Missbrauch aus. Zugleich hat die bundesweite Studie gefordert, kirchliche Strukturen zu überprüfen, weil sie den Machtmissbrauch begünstigen können. Wie gehen Sie damit um?

Burger: Wir haben eine Fachgruppe eingesetzt, die diesen Fragen nachgeht, um Machtmissbrauch und Klerikalismus zu verhindern. Aufgabe von Priestern und allen Kirchenmitarbeitern ist es, sich in den Dienst für andere zu stellen, und nicht Macht über sie auszuüben. Dies ist mir ein wichtiges Anliegen. Zum anderen bleibt die Präventionsarbeit eine ständige Herausforderung. Es geht darum, alle Mitarbeiter dauerhaft für dieses Thema zu sensibilisieren.

Frage: Gehört dazu auch ein neues Nachdenken über Sexualmoral oder Zölibat?

Burger: Diese Diskussionen werden sicher weitergehen, dem dürfen wir nicht ausweichen. Deshalb stehen diese Fragen auch auf der Tagesordnung der Deutschen Bischofskonferenz.

Von Volker Hasenauer (KNA)