Der Nevigeser Mariendom wird nachts angestrahlt.
Projekt wirbt für Gotteshäuser des 20. und 21. Jahrhunderts

Damit "modern" bei Kirchen kein Schimpfwort bleibt

Nach ihrer Lieblingskirche gefragt, würden wohl nur wenige Menschen ein Gotteshaus des 20. oder 21. Jahrhunderts nennen. Die "Straße der Moderne" will das ändern. Das Projekt des Deutschen Liturgischen Instituts will für Meisterwerke der modernen Sakralarchitektur werben und diese besser erlebbar machen.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 02.07.2019

Als das Institut für Demoskopie Allensbach die Deutschen vor einigen Jahren in einer Umfrage darum bat, ihre Lieblingskirchen zu beschreiben, konnten die Befragten neben verschiedenen Adjektiven auch aus drei unterschiedlichen Architekturepochen wählen: Barock, Gotik und Romanik. Moderne Kirchen aus dem 20. und 21. Jahrhundert kamen nach Auffassung des Instituts demnach nicht als Lieblingskirchen in Frage.

Der Allensbacher Fragebogen machte sich damit – ob bewusst oder nicht – eine weit verbreitete Sichtweise zu Eigen. Denn moderne Kirchen haben es in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich immer noch schwer. Vielen Menschen gelten die Gotteshäuser, die in den vergangenen Jahrzehnten gebaut wurden, als düstere Betonbunker ohne jeglichen Charme. Vor allem Kirchenbauten der 1960er bis 1980er Jahre – der Epoche des sogenannten Brutalismus – stoßen mit Blick auf die verwendeten Baumaterialien, ihre Konstruktionsweise und ihre oftmals einfache Formensprache vielfach auf Ablehnung.

Große Sorge vor Verlust moderner Kirchen

Besonders deutlich zeigt sich das schlechte Image moderner Kirchen regelmäßig bei den Debatten um die mögliche Aufgabe nicht mehr benötigter Gotteshäuser. Meist sind es in diesen Diskussionen die "Betonkirchen" aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, die auch von vielen Gläubigen als verzichtbar deklariert werden. Architekten, Denkmalschützer und Historiker sind entsprechend alarmiert: Sie befürchten, dass insbesondere viele Kirchen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den kommenden Jahren entwidmet und abgerissen werden könnten.

Wie baut man heute Kirchen?

Werden Kirchen nur noch profaniert und abgerissen – oder auch neue gebaut? Katholisch.de hat bei den deutschen Diözesen nachgefragt und mit einem Kirchenarchitekten über seine Arbeit gesprochen. (Artikel von November 2017)

Damit es nicht soweit kommt, sondern im Gegenteil die Bedeutung moderner Kirchen stärker entdeckt und gewürdigt wird, hat das Deutsche Liturgische Institut (DLI) in Trier im Jahr 2015 das Onlineprojekt "Straße der Moderne" gestartet. Ähnlich wie die "Romantische Straße" in Baden-Württemberg und Bayern oder die "Straße der Romanik" in Sachsen-Anhalt, die jeweils bedeutende Sehenswürdigkeiten wie Burgen, Kirchen und Klöster miteinander verbinden, will das DLI mit seinem Projekt auf besondere Kirchenbauten des 20. und 21. Jahrhunderts aufmerksam machen und für deren architektonischen Wert werben.

"Unsere Internetseite will die Meisterwerke des modernen Kirchenbaus präsentieren. Noch mehr aber ist sie eine Einladung, Architektur zu erleben", sagt Projektleiter Andreas Poschmann. Der promovierte Theologe arbeitet seit 1993 beim DLI und hat die "Straße der Moderne" maßgeblich initiiert. Einer der Beweggründe dafür war ein persönliches Erlebnis: Als Poschmann vor einigen Jahren in Frankreich im Urlaub war, wollte er auch die vom berühmten Architekten Le Corbusier errichtete Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp besuchen. "Dabei habe ich festgestellt, dass man zu dieser bedeutenden Kapelle kaum Hinweisschilder findet und der Kirchenbau auch in meinem Reiseführer nur am Rande abgehandelt wurde", so der 55-Jährige im Gespräch mit katholisch.de.

Moderne Kirchen sind oft nur schwer zu finden

In Deutschland ist die Situation seiner Ansicht nach ähnlich. Auch hier seien viele Gotteshäuser des 20. und 21. Jahrhunderts nur schwer zu finden – weil sie meist außerhalb der Stadtzentren stünden, häufig nicht wie eine klassische Kirche aussähen und touristisch kaum erschlossen seien. Das habe unter anderem zur Folge, dass die architektonische und kulturelle Bedeutung dieser Kirchen noch längst nicht ausreichend erfasst sei. "Angesichts dieses Befunds haben wir überlegt, wie man den Schatz moderner Kirchen besser auffindbar machen kann", erzählt Poschmann von den Anfängen des Projekts.

Das Ergebnis dieser Überlegungen finden Internetnutzer unter der Adresse www.strasse-der-moderne.de. Dort hat das DLI in den vergangenen vier Jahren beinahe im Wochenrhythmus Porträts katholischer und evangelischer Kirchen publiziert; inzwischen sind auf der Seite Texte zu rund 190 prägenden Sakralbauten aus dem gesamten Bundesgebiet abrufbar. "Ursprünglich hatten wir uns für das Projekt eine Obergrenze von 200 Kirchen gesetzt. Tatsächlich werden wir am Ende aber wohl rund 220 Kirchen auf der Seite präsentieren", so Poschmann. Vermutlich bis Ende des Jahres solle es soweit sein.

Ein jüngeres Beispiel für modernen Kirchenbau: Die Kirche St. Marien in Schillig an der Nordsee.

Ausgewählt werden die Kirchen vor allem nach architektonischen, liturgischen und emotionalen Qualitäten. "Wie zeitgemäß und innovativ war der Kirchenbau zu seiner Entstehungszeit? Welche Tradition und welches Raumkonzept wurden aufgenommen? Welche bauhistorische Entwicklung hat der Bau angestoßen?", nennt Poschmann einige der Auswahlkriterien. Darüber hinaus habe man von Anfang an auch das Ziel verfolgt, möglichst alle Regionen in Deutschland und alle wichtigen Architekten des 20. Jahrhunderts mindestens mit einem Gotteshaus in der Übersicht zu berücksichtigen. Angesichts dieser Fülle an Kriterien habe der Auswahlprozess mitunter einer "Quadratur des Kreises" geglichen, erzählt der Projektleiter.

Die Kirchen, die es in die "Straße der Moderne" geschafft haben, werden auf der Internetseite umfangreich dargestellt. Zu jedem Gotteshaus finden sich neben einem Foto genaue Gebäudebeschreibungen mit Grundrissen, Erläuterungen zum liturgischen Konzept und vorhandenen Ausstattungsgegenständen sowie Angaben zur Geschichte des Gotteshauses und zum Architekten. Hinzu kommen grundlegende Informationen wie die Adresse der Kirche, die Öffnungszeiten und die regelmäßigen Gottesdienstzeiten. Zur besseren geografischen Orientierung sind die Kirchen auf Basis der Bundesländer sechs verschiedenen Regionen zugeordnet, wobei Bayern und Nordrhein-Westfalen angesichts der Vielzahl porträtierter Gebäude jeweils eigene Regionen bilden.

Kirchen eröffnen besonderen Blick auf die moderne Gesellschaft

Geschrieben werden die Kirchenporträts von mehr als 40 Autoren – darunter vor allem Theologen und Kunsthistoriker, aber auch gut informierte "Laien". Fachwissenschaftlich begleitet wird das Projekt von einem neunköpfigen Kuratorium, dem unter anderem der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, und der emeritierte Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards angehören.

Für Andreas Poschmann hat sich die Arbeit der vergangenen Jahre auf jeden Fall gelohnt. Deutschland sei ein Land mit einer weltweit einzigartigen Dichte moderner Kirchenbauten. Diese seien ein Spiegel und ein Motor der internationalen Architekturgeschichte. Mit der "Straße der Moderne" wolle man diesen Schatz sichtbarer machen. Gerade Kirchenbauten des 20. und 21. Jahrhunderts lüden dazu ein, besucht und entdeckt zu werden. Oft im Schatten ihrer "älteren Geschwister" stehend, eröffneten sie mit ihrer manchmal reduzierten, manchmal komplexen Architektursprache und Ausstattung einen besonderen Blick auf die moderne Gesellschaft. "In ihnen ist ablesbar, was Christen glauben und wie sie ihren Glauben feiern", so der Theologe.

Von Steffen Zimmermann