Männer mit Kippa
Historiker Israel Yuval über den christlichen Einfluss auf das Judentum

"Das Christentum ist die Mutter, das Judentum die Tochter"

Papst Johannes Paul II. hat die Juden als ältere Geschwister der Christen bezeichnet. Israel Yuval glaubt, dass es genau andersherum ist, und sagt, das Christentum ist die Mutter des heutigen Judentums. Warum er zu diesem Schluss kommt, erläutert der Historiker im Interview.

Von Andrea Krogmann (KNA) |  Jerusalem - 08.04.2019

Das rabbinische Judentum, wie wir es heute kennen, hat seine Identität in der Auseinandersetzung mit dem entstehenden Christentum geformt, sagt der Professor für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, Israel Yuval. "Das Christentum ist in diesem Sinne die Mutter und das Judentum die Tochter, nicht umgekehrt", sagt er im Interview in Jerusalem. Spuren der antichristlichen Abgrenzung finden sich laut dem akademischen Leiter der "Mandel School for Advanced Studies in Humanities" unter anderem in jüdischen Festen wie Purim und Pessach.

Frage: Herr Yuval, Sie haben kürzlich eine antichristliche Lesart von Purim angeboten. Worauf basiert Ihre These?

Yuval: Es gibt Hinweise auf eine Parallele zwischen dem biblischen Judenfeind Haman in der Purimgeschichte und Jesus, darunter der Name "Purim", der sich aus dem hebräischen Wort für Lose ableitet, das auch in der Passionsgeschichte auftaucht. Haman wurde nach den biblischen Berichten anders als landläufig angenommen nicht an Purim, sondern wie Jesus in der Zeit um Pessach hingerichtet.

Die Gleichsetzung von Haman und Jesus könnte das Haman-Schlagen erklären, eine Tradition, bei der immer dann mit Rasseln und Rätschen gelärmt wird, wenn der Name Haman in der Estherrolle gelesen wird. Damit bekommen antichristliche Ressentiments einen innerlichen Ausdruck. Der an Purim ausgedrückte Hass auf Haman ist sozusagen im Freud'schen Sinne eine Sublimierung für unsere Gefühle für Jesus. Das ist selbstverständlich eine anthropologisch-historische Deutung - schwer zu sagen, bis zu welchem Ausmaß diese Sprache auch von den Teilnehmern so verstanden wurde.

Frage: Gibt es Quellen, die Ihre Lesart zu stützen?

Yuval: Es gibt ein Dekret des Kaisers Theodosius II. aus dem 5. Jahrhundert, das Juden die Verbrennung von Haman-Puppen sowie von kreuzähnlichen Elementen verbietet, was als Missachtung des christlichen Glaubens gedeutet wurde. Ferner gibt es ebenfalls aus der Spätantike einen Bericht des Kirchengeschichtsschreibers Sokrates Scholastikos, der auf eine aus dem Ruder gelaufene Purimfeier deuten könnte, bei der ein christlicher Junge entführt und an ein Kreuz gebunden wurde und schließlich an den Folgen der Misshandlung starb. Michelangelos Darstellung des gekreuzigten Haman in der Sixtinischen Kapelle in Rom deutet darauf, dass auch Christen eine Verbindung von Haman und Jesus sahen.

Frage: Das heißt, es gibt Elemente jüdischer Gewalt gegen Christen oder gegen Nichtjuden?

Yuval: Es gibt keine aktive Gewalt gegen Menschen, sondern liturgisch sublimierte Aggression - etwa gegen das Christentum als Religion, gegen die christliche Symbolik.

Vor der Torahlesung in der Synagoge werden Segenssprüche vorgelesen. Darin sieht Historiker Israel Yuval eine Abgrenzung vom Christentum.

Frage: Sie sagen, das Christentum als die jüngere Religion hat Einfluss auf die Mutter Judentum und ihre Liturgien genommen?

Yuval: Der christliche Einfluss ist die DNA der jüdischen Religion, die historisch durch diesen Konflikt geformt wurde. Das Christentum ist in diesem Sinne die Mutter und das Judentum die Tochter, nicht umgekehrt. Der hunderte Jahre später entstandene Talmud ist eine Reaktion auf das Neue Testament, die Pessach-Haggadah eine Polemik zu Ostern: In ihr fordert der jüdische Gelehrte des 1. Jahrhunderts, Rabban Gamliel, dass jeder Jude an Pessach die drei Worte Pessach (Opfer), Mazza (ungesäuertes Brot) und Maror (Bitterkraut) benutzen muss. Die Parallele zum Christentum - Lamm Gottes, Leib Christi, Passion - ist unschwer zu erkennen. Gamliel kommentiert in Abgrenzung, um den Symbolen ihren christlichen Schein zu nehmen.

Oder nehmen wir das Beispiel der Segenssprüche vor der Torahlesung an Schabbat: Darin betonen wir, dass Gott uns erwählt hat, uns die wahre Torah und das ewige Leben gegeben hat. Jede dieser Äußerungen impliziert zugleich die Zurückweisung der Alternative. Hierin spiegelt sich der Konflikt mit dem Christentum und der Erlösung. Es geht letztlich um die Frage, wer die Schlüssel zum Himmel hat.

Frage: Wie verbreitet ist Ihre Lesart der christlichen Beeinflussungen?

Yuval: Sie sprechen mit jemandem, der unter dem Verdacht steht, in allem eine antichristliche Äußerung zu sehen und davon besessen zu sein. Ich irritiere mit meiner Lesart Juden wie Christen gleichermaßen. Juden wollen nicht hören, dass das, was sie am Schabbat in der Synagoge beten, christlich beeinflusst ist. Keine Kultur will beeinflusst werden, Einfluss ist geradezu zum Symbol von Imperialismus und Dominanz geworden. Auch auf christlicher Seite herrscht Zurückhaltung, auch wenn es in den letzten Jahren immer mehr Kreise gibt, die gern zuhören.

Frage: Nach Jahrhunderten der Abgrenzung: Wie stehen Juden und Christen heute zueinander?

Yuval: Wenn jemand vom Mars auf der Erde landete und von keiner der beiden Religionen eine Ahnung hätte, er würde kaum Unterschiede entdecken. Meine Generation ist die erste, die diese engen Beziehungen thematisieren kann: Es gibt keinen Hass, keine Furcht. Wir wissen um die dunklen Kapitel. Aber dass es Judenverfolgung gab, heißt nicht, dass Juden immer hundertprozentig gerecht waren. In diesem neuen Blick auf dunkle wie positive Aspekte unserer Begegnung als Schwestern erziehen wir unsere Studierenden und helfen damit einer neuen Generation zu mehr Toleranz und Verständnis.

Von Andrea Krogmann (KNA)