Im Gebetsraum des "Gebetshauses" wird 24 Stunden am Tag gebetet.
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Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer sieht Rolle rückwärts

"Das 'Mission Manifest' bedeutet eine Versektung der Kirche"

"Versektet" und "evangelikal" – so wäre die Kirche, wenn es nach den Autoren des "Mission Manifests" geht: Das findet jedenfalls die Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer. Für sie ist das kein Comeback der Kirche, sondern sogar eine Rolle rückwärts.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 10.10.2018

Die Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer hat gemeinsam mit dem Fundamentaltheologen Magnus Striet ein Buch mit dem Titel "Einfach nur Jesus? Eine Kritik am 'Mission Manifest'" herausgegeben. Es ist eine Reaktion auf das Buch von Johannes Hartl, der das Gebetshaus in Augsburg gegründet hat, von Karl Wallner, Zisterzienser und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerk Missio in Österreich, und von Bernhard Meuser, Ideengeber und Mitverfasser des Youcat. Ihre Kritik an dem Buch ist deutlich. Im Interview erklärt sie, warum.

Frage: Frau Nothelle-Wildfeuer, was ist Ihr Hauptkritikpunkt am "Mission Manifest"?

Nothelle-Wildfeuer: Was mich daran ganz grundsätzlich stört, ist, dass das "Mission Manifest" die Versektung und Evangelikalisierung der katholischen Kirche bedeutet. Das zugrundeliegende Kirchenverständnis ist deutlich reduziert, denn die Dimension der Diakonia fällt hier völlig weg. Dieser Dienst an Menschen und Gesellschaft ist aber konstitutiv für die Identität von Kirche. Auch die Theologie soll komplett ausgeklammert werden. Der Weg soll "von den Höhen der Theologie zur Einfachheit des Kerygmas" führen. Es heißt da, dass der Glaube an das Evangelium allein genüge. Das aber ist zu wenig. Wir brauchen die Vernunft, um etwa biblische Inhalte exegetisch richtig einzuordnen. Wir können nicht aus dem Evangelium beliebig auswählen, was uns passt. Die Autoren des Buches haben zehn Thesen entwickelt, die ich höchst problematisch finde. Mein Hauptkritikpunkt bezieht sich auf die Mentalität des "Einfach nur Jesus", mehr brauche es nicht. Aber unser Glaube ist kein Glaube, bei dem man den Verstand an der Garderobe abgibt. Wir brauchen eine fundierte und kritische Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten, sonst wird er fundamentalistisch. Und es braucht eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung in der Gesellschaft, sonst wird es weltfremd.

Frage: Mehr als 4.000 Personen haben aber dieses Manifest unterschrieben, auch einige Bischöfe.

Nothelle-Wildfeuer: Wenn man bedenkt, dass bei der "Mehr"-Konferenz nach deren eigenen Auskunft 11.000 Teilnehmer dabei waren, finde ich 4.000 Unterzeichner relativ wenig. Viele Punkte in dem "Mission Manifest" sind äußerst fragwürdig, dass ich das selber aufkeinen Fall unterschreiben würde.

Frage: Aber der Begriff der Mission gehört doch wesentlich zum Christsein?

Nothelle-Wildfeuer: Ja, das stimmt. Mission bedeutet Sendung. Aber in diesem Manifest wird unter Mission etwas ganz anderes verstanden: Es geht vorrangig um Lobpreis, um Fasten, um Gebet, um Bekehrung und um eine Hinwendung zu Gott in einem ganz engen abgekapselten Sinne. Ich nenne ein paar Beispiele: Flüchtlinge sollen mit einem Jesusfilm bekehrt werden, dafür gibt es sogar ein eigenes Starterpaket. Gebetskreise finden nur in coolen Locations statt, statt im Pfarrsaal. Jeder, der Christ werden will, braucht dazu ein einmaliges Glaubens- und Bekehrungserlebnis, Taufe allein genügt offenkundig nicht. Damit wird ein Elitechristentum aufgemacht, und es werden die ausgeschlossen, die noch auf der Suche sind und zweifeln. Christen haben aber in der Kirche auch ein Recht darauf, in der Kirche auch einmal hinter der Säule zu stehen. Was wäre unsere Kirche ohne die, die noch unterwegs sind, die noch suchen und fragen, die noch etwas lernen wollen. Wo bleiben sonst die Hiobs unserer Gesellschaft, die durch Tod und Leid mit existentiellen Fragen konfrontiert sind, denen schnelle und vorgefertigte Lösungen nicht genügen? 

"Mehr"-Konferenz des katholisch-charismatischen Gebetshauses in Augsburg.
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"Mehr"-Konferenz des katholisch-charismatischen Gebetshauses in Augsburg.

Frage: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Nothelle-Wildfeuer: Wenn, wie in meinem Bekanntenkreis passiert, auf die Frage nach dem Sinn und dem Warum von Krankheit und Leid eines Menschen die Antwort eines Gebetshaus-Anhängers lautet, dass der kranke Mensch früher wohl zu wenig gebetet habe, sonst wäre er jetzt nicht so krank, dann bin ich wirklich entsetzt. Was ist das für ein Gottesbild. Das wäre ja ein einfacher Mechanismus: Wer genug betet und fastet, der wird schon sein Wunder von Gott erhalten. Und wenn nicht? War dann das Gebet nicht intensiv, nicht innig oder nicht lang genug? Ist Gott für mein Leiden verantwortlich? Ich finde so ein Verständnis sehr problematisch. Ich überlege gerade, wie Missbrauchsopfer auf solche vorgefertigten Antworten reagieren könnten. Schlimm! Was für ein falsches Gebets- und Gottesverständnis das ist. Ich glaube, dass die Vertreter des "Mission Manifest" viel zu klein denken von Gott. Ich kann nur hoffen, dass die, die solche Antworten auf ihre Fragen nach dem Sinn bekommen, sich nicht komplett aus Gram von der Kirche abwenden. Wir müssen uns die Liebe Gottes nicht herbeibeten, nicht verdienen, Gott liebt uns bedingungslos. Das müsste eigentlich immer wieder deutlich werden, denn das ist die Frohe Botschaft

Frage Dennoch zieht das Gebetshaus in Augsburg viele Fans an…

Nothelle-Wildfeuer: Ja, die Veranstalter haben erkannt, was in der Kirche defizitär ist. Das prangern sie deutlich in ihrem Manifest und in den ausführlicheren Thesen an. In unserem Buch weisen auch alle Autoren darauf hin. Aber welche Verachtung für die Bemühungen, den Glauben zu leben, spricht daraus, wenn es heißt, dass solch ein bloß konventionelles Christsein nicht einmal für den Misthaufen reiche? So schreibt es einer der Mission Manifest-Autoren tatsächlich wörtlich. Natürlich läuft nicht alles rund in unseren Kirchengemeinden. Vieles ist lau, und manchmal fehlt der Pep. Es gibt genügend Anlässe zur Kritik. Es werden die Finger in die Wunde gelegt. Aber schon der Diagnose fehlt jede soziologische und historische Vergewisserung. Und das andere ist die Therapie. Es werden viele Dinge genannt, die nicht neu sind und mit denen sich Kirchengemeinden schon lange beschäftigen. Ich frage nur: Helfen aber stattdessen ausschließlich Gebet und Lobpreis rund um die Uhr? Als ausschließliche Therapie und Lösung? An keiner Stelle im Buch gibt es den Versuch, die Nöte der Menschen ernst zu nehmen oder ihr Suchen und Fragen empirisch zu erklären. So einfach und naiv kann Kritik nicht sein. Die Kirche hat schon viele schlechte Zeiten hinter sich, aber sie ist noch nie untergangen. Wir sollen sicher nicht die Hände in den Schoß legen, aber Christen unter dauerndem Hochleistungsdruck sind auch keine Lösung und kein Ausweis für Erlösung.

Frage: Was ist Ihre Lösung für die Kirche von heute?

Nothelle-Wildfeuer: Papst Franziskus spricht von einer verbeulten Kirche. Er sagt, die Kirche solle wie ein Feldlazarett sein. Da wird auch nicht primär gepredigt, sondern den Menschen geholfen, damit sie überleben können. Die soziale Dimension ist ein wesentliches Element von Kirche. Die sozial-karitative und auch gesellschaftlich-politische Seite der Diakonie fehlt in dem Buch "Mission Manifest" komplett. Doch wenn die Diakonie ausfällt, dann ist das nicht mehr Kirche.

Der promovierte Theologe Johannes Hartl ist Gründer und Leiter des "Gebetshauses" in Augsburg.
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Der promovierte Theologe Johannes Hartl ist Gründer und Leiter des "Gebetshauses" in Augsburg.

Frage: Würden Sie das Gebetshaus als Sekte bezeichnen?

Nothelle-Wildfeuer: Ja, das Gebetshaus und seine Anhänger haben Züge von einer sektiererischen Ausrichtung. Es gibt in der katholischen Kirche scheinbar auch so etwas wie freikirchliche oder katholische Evangelikale, mit denen haben wir es hier zu tun. Interessant ist, dass das Gebetshaus keine diözesane Einrichtung ist und auch gar nicht sein will, weil sie damit offen für Freikirchen sein kann.

Frage: Aber Johannes Hartl zieht die Leute in seiner Kirche wie magisch an …

Nothelle-Wildfeuer: Das stimmt. Johannes Hartl inszeniert seine Veranstaltungen als Mischung zwischen Predigt und lässigem Entertainment. Mit seiner Schwarz-Weiß-Malerei spricht er vor allem die jüngeren und konservativen Kreise an. Für mich weisen viele seiner Reden demagogische Züge auf. Zahlreiche Youtube-Videos geben Anteil und Einblick in das Gebetshaus und seine Veranstaltungen. Das, was ich da höre und sehe, schreckt mich ab. Viele lassen sich von seinen Worten betören. In Hartls Ausführungen klingt alles einfach und ohne Wenn und Aber. Differenzierungen und komplexe Wirklichkeiten, von denen auch das Zweite Vatikanum gewusst hat, sind ausgeklammert.Ich finde wenig Positives am Gebetshaus. Klar ist es erfreulich, wenn auf der Mehr-Konferenz so viele junge Leute ihren Glauben feiern. Aber ist es weniger wertvoll, und hier schließe ich mich Erik Flügge und seiner Kritik an dem Manifest an, wenn über 100.000 sozial engagierte Jugendliche bei der 72-Stunden-Aktion des BDKJ mitmachen, wenn über 300.000 Sternsinger durch die Straßen ziehen? Aber ich frage auch: Wer sind wir Menschen, dass wir festlegen, was für Gott reicht? Das im Manifest angekündigte Comeback der Kirche halte ich eher für eine Rolle rückwärts. Mit diesem Manifest scheint es mir kaum möglich, die Menschen der heutigen Gesellschaft mit ihrer kritischen Nachfrage, mit ihrer Sprache und in ihrem Alltag zu erreichen.

Frage: Welche Reaktionen erwarten Sie auf Ihr Buch?

Nothelle-Wildfeuer: Wir möchten mit unserem Buch einen Diskurs anstoßen und einen Dialog eröffnen, indem wir die Probleme auf den Tisch legen. Ich würde mich freuen, wenn es Reaktionen der Verfasser sowie Anhänger des "Mission Manifest" gäbe. Auf solche Gespräche freue ich mich.

Von Madeleine Spendier

Buchtipp

Das Buch "Einfach nur Jesus?: Eine Kritik am 'Mission Manifest'", herausgegeben von Ursula Nothelle-Wildfeuer und Magnus Striet, erscheint am 15. Oktober im Herder-Verlag.