"Mehr"-Konferenz des katholisch-charismatischen Gebetshauses in Augsburg.
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"Mission Manifest" will ein Comeback der Kirche durch Glaube und Gebet

Nur mal schnell die Kirche retten

"Pointiert", "polarisierend" und "provokant" will das Buch "Mission Manifest" sein – und diesen Anspruch erfüllt es durchaus. Das Ziel: Mit zehn Thesen wollen die namhaften Autoren die Kirche retten.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 07.01.2018

"Mission Manifest" versteht sich als Begleitband für eine neue kirchliche Bewegung. Die Idee dazu entstand bei einem Treffen von sechs Katholiken im Juni 2017 im Gebetshaus in Augsburg. Sie alle einte eine existentielle Sorge: Ist die Kirche in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch zu retten? Oder steuert sie geradezu frontal auf eine Wand zu? Wird in einigen Jahrzehnten noch mehr übrig sein als ein marginaler Rest? Mit diesem Szenario wollten sich die sechs keinesfalls abfinden – und formulierten ein "Manifest für ein Comeback der Kirche", das vor allem auf Mission, Gebet und Rückbesinnung auf das Evangelium setzt. Die Autoren berufen sich dabei auf das Apostolische Schreiben "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus, in dem auch das Kirchenoberhaupt einen missionarischen Aufbruch in der Kirche fordert. 

Bei den Ideengebern handelt es sich um Katholiken ganz unterschiedlicher Herkunft: Johannes Hartl natürlich, der Leiter des Gebetshauses Augsburg, Karl Wallner, Zisterzienser und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerk Missio in Österreich, Bernhard Meuser, der Ideengeber und Mitverfasser des Youcat; der junge katholische Medienmacher Martin Iten aus der Schweiz, der Theologe Paul Metzlaff, der bei der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz arbeitet und das Projekt als Privatperson unterstützt, sowie Benedikt Michal, Geschäftsführer der Koordinierungsstelle JAKOB, einer Einrichtung der Österreichischen Bischofskonferenz im Bereich der Jugendarbeit. Zur Ausformulierung der Thesen für das Buch "Mission Manifest" sprachen sie weitere gleichgesinnte Autoren an, darunter die Publizistin Sophia Kuby, Katharina Fassler, Mitbegründerin von "Nightfever", und Maximilian Oettingen, Leiter der Loretto-Gemeinschaft.

Johannes Hartl ist promovierter katholischer Theologe und Gründer des Augsburger Gebetshauses.

Inhaltlich ist das Buch eine schonungslose Analyse der Kirche, die sich aus Sicht der Autoren in einem katastrophalen Zustand befindet. Mittlerweile gehe es ums "Eingemachte":  Das "dekorative Christentum", das die Menschen nur am Rand berühre, zerbröckele wie Gips. Ohne eine "Re-formation" habe die Kirche keine Zukunft, sondern werde "abgelegt wie ein aus der Mode gekommenes Kleidungsstück". Die traditionellen Instrumente der Pastoral griffen nicht mehr, konventionelle Wege der Glaubensweitergabe seien verschüttet. Als Ausweg präsentieren die Autoren ihre zehn Thesen: Künftig müssten die Menschen ihr Leben wieder durch eine "klare Entscheidung" Jesus übergeben, statt nur gewohnheitsmäßig Christen zu sein. Die Mission im eigenen Land müsse finanziell und personell zur ersten Priorität der Kirche und die Inhalte des Glaubens neu gelernt werden. Der Erfolg dieser Mission schließlich hänge vom Gebet ab.

Wer den Thesen der Autoren zustimmt, kann über die Website der Bewegung beitreten und sieht dann, welche anderen religiösen Gemeinschaften und Bewegungen das auch schon getan haben. Rund 100 sind es nach Angaben des Herder-Verlags schon jetzt, auch mehrere Bischöfe, darunter Kardinal Rainer Maria Woelki und Bischof Stefan Oster, gehören zu den Erstunterzeichnern.

Ob aus dem Manifest eine große innerkirchliche Bewegung wird, wird sich noch erweisen. Den Autoren ist hoch anzurechnen, dass sie inmitten der Kirchenkrise eine echte Debatte anstoßen wollen. Und dafür braucht es angesichts scheinbar endloser und ermüdender Debatten in den Bistümern um neue Strukturen zugespitzte, aufrüttelnde Argumente, wie Hartl und Co. sie liefern.

Bild: © katholisch.de

Was bleibt von punktuellen Events, wie Taize-Jugendtreffen oder Weltjugentagen? Hier eine Aufnahme eines Gebets im Basler Münster während des 40. Europäischen Jugendtreffens der Gemeinschaft von Taize in Basel 2017.

Dennoch provoziert das "Mission Manifest" auch einige kritische Gegenfragen. Bisweilen schießt die berechtigte Kritik über das Ziel hinaus, wird einfach zu schwarz gemalt – etwa in Bezug auf die Gemeinden. Dort verstehe man bisweilen noch nicht, "dass eine andere Zeit gekommen ist" heißt es in einem Kapitel, das "Feuer und die Liebe" des Glaubens seien bisweilen nicht mehr spürbar. In einer Aufzählung von Quellen authentischer Gotteserfahrungen für Jugendliche kommt vieles vor – von Taize, über Alphakurs, Prayerfestival, Lobpreis in einem Gebetshaus, Jugendwallfahrt – aber die ganz normale Gruppenstunde in der Gemeinde oder bei den Pfadfindern fehlt. Diese herkömmlichen Angebote, die jede Woche überall in Deutschland stattfinden, mögen auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so sexy sein. Am Ende erreicht die Kirche damit aber viel mehr junge Leute als mit einmaligen Events. Und möglicherweise gibt es ja auch Christen, denen ein "normaler" Gemeindegottesdienst viel mehr zusagt, als das aufregende spektakuläre Treffen, die persönlich den Glauben bei den Pfadfindern genauso oder besser erfassen als bei der Ewigen Anbetung oder dem Lobpreis.

Eine weitere Gegenfrage entsteht, wenn die Autoren der Kirche Angst vor Veränderung vorwerfen. Der Aufbruch, den sie als Antwort auf diese Angst vorschlagen, besteht vor allem in der Mission und der Rückbesinnung auf Jesus als den Ursprung des Glaubens. Das ist zu begrüßen – man kann mit Recht fragen, ob noch überall, wo Kirche drauf steht, noch ausreichend Jesus drin ist. Trotzdem gibt es in der Kirche doch auch andere große Aufbrüche und Versuche zur Veränderung: Was ist etwa mit der Diskussion um Wiederverheiratete oder den Umgang mit Homosexuellen? Hier ringt die Kirche mit sich, befindet sich in einer echten, schmerzlichen Diskussion. Kann nicht auch das ein authentisches Zeugnis sein, das die Menschen vom Glauben überzeugt?

So spricht das "Mission Manifest" wahrscheinlich nur einen Teil der Gläubigen an – beim Comeback für die Kirche darf aber auch der Rest nicht vergessen werden. Zu schade wäre es, wenn beim Aufbruch der einen die anderen auf der Strecke blieben.

Von Gabriele Höfling

Die zehn Thesen von "Mission Manifest"

These 1: Uns bewegt die Sehnsucht, dass Menschen sich zu Jesus Christus bekehren.

These 2: Wir wollen, dass Mission zur Priorität Nummer eins wird.

These 3: Wir glauben, dass die Chancen nie größer waren als jetzt.

These 4: Wir sprechen alle Menschen in unseren Ländern an und machen keinen Unterschied.

These 5: Wir glauben, dass unsere Mission so kraftvoll sein wird, wie es unsere Gebete sind.

These 6: Wir danken allen Christen außerhalb der katholischen Kirche, die heute schon mit Hingabe missionieren, taufen und Menschen zu Jesus führen.

These 7: Wir müssen die Inhalte des Glaubens neu entdecken.

These 8: Wir wollen missionieren, nicht indoktrinieren.

These 9: Wir brauchen eine "Demokratisierung" von Mission.

These 10: Wir müssen uns selbst zur Freude des Evangeliums bekehren, um andere zu Jesus führen zu können.

"Mission Manifest"

Das Buch "Mission Manifest" von Johannes Hartl, Bernhard Meuser und P. Karl Wallner OCist ist im Herder-Verlag erschienen und hat 240 Seiten. Es kostet 20 Euro.