Deutsche Bischöfe zeigen sich zum Jahreswechsel selbstkritisch
Die Silvesterpredigten der Oberhirten

Deutsche Bischöfe zeigen sich zum Jahreswechsel selbstkritisch

Die Predigten der deutschen Bischöfe zum Jahreswechsel zeigen deutlich, dass 2018 vor allem wegen des Missbrauchs durch Kleriker ein düsteres Jahr für die Kirche war. Umso mehr bräuchte es nun verschiedene Reformen.

Bonn - 31.12.2018

Die katholischen Bischöfe haben zum Jahreswechsel ihren Willen zu einer Erneuerung der Kirche bekräftigt. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der Kirche habe viele Menschen verunsichert und auch bei Priestern und Bischöfen zu Ratlosigkeit, Zweifeln und Ohnmachtsgefühlen geführt, bekannten mehrere Bischöfe. Nötig seien eine kritische Begleitung, mehr Beteiligung und Strukturen, die Missbrauch und Machtmissbrauch verhinderten.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärte, die Notwendigkeit einer Erneuerung sei für die Kirche "gerade in den letzten Jahren und Monaten deutlich geworden angesichts des Versagens und der Unfähigkeit, auf Herausforderungen und Missstände angemessen zu reagieren". Mit Blick auf "das ungeheure Geschehen des sexuellen Missbrauchs" brauche es unabhängige Überprüfung, so der Erzbischof von München und Freising.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf rief Christen zu einer Rückbesinnung auf. Sein eigener Glaube sei wie jener vieler Katholiken angesichts des Ausmaßes von sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche erschüttert worden. "Ich hätte mir eine derartige dunkle Seite der Kirche nie vorstellen können. Aber es gibt sie, da ist nichts zu beschönigen", sagte Kohlgraf.

Reue, Wiedergutmachung, Bekehrung

Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode kündigte an, die Bistumsleitung werde sich in den ersten Tagen des neuen Jahres mit der weiteren Aufarbeitung von Missbrauchsfällen beschäftigen. "Das, was wir heute erleben - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit - ist keine kurze Episode in der Geschichte der Kirche", warnte Bode. Es werde die Kirche vielmehr noch lange begleiten. Das müsse Antrieb sein für neue Überzeugungen und Haltungen.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick mahnte in Bezug auf die Missbrauchsfälle, Fehlverhalten zu bekennen, die Täter zu bestrafen und Wiederholung oder Rückfälle "mit allen Mitteln" zu verhindern. Nötig seien sowohl Reue, Wiedergutmachung und Bekehrung bei jedem Einzelnen, aber auch die Veränderung von Strukturen, die solche Taten begünstigten oder deckten. "Unsere Worte werden nur wirken, wenn sie durch unsere Taten gedeckt sind", betonte Schick.

Erzbischof Ludwig Schick

Ludwig Schick ist Erzbischof von Bamberg und Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz.

Münsters Bischof Felix Genn bekundete die Hoffnung auf eine Erneuerung der Kirche "von innen her". Die Ergebnisse der von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie hätten "schwere Schatten" auf die katholische Kirche geworfen. Er habe Verständnis für Menschen, die 2018 aus der Kirche ausgetreten sind. Trotzdem bitte er jeden zu prüfen, ob er nicht dazu beitragen könne, "durch seinen Einsatz und seine Solidarität die Kirche zu reinigen und zu heilen", so Genn.

Eichstätter Bischof lässt Finanzskandal untersuchen

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke kündigte mehr Einsatz zur Vorsorge gegen sexuellen Missbrauch an. Seine Diözese setze dabei weiterhin auf Präventionsarbeit, die künftig personell gestärkt werde, sagte er bei seiner Silvesteransprache im Eichstätter Dom. "Sie soll beitragen zu einer Atmosphäre der Offenheit und des Respekts voreinander, in welcher Dunkelkammern des Schweigens und des Verdrängens möglicher Untaten keinen Platz haben", erklärte Hanke. Zu lange hätten Missbrauchsopfer "kein Gehör gefunden und noch weniger Gerechtigkeit und Solidarität angesichts des ihnen zugefügten Leids". Er sei seinem Generalvikariat dankbar, dass bei der Aufarbeitung der Personalakten in diesem Kontext von Anfang an mit einem Staatsanwalt zusammengearbeitet und die Staatsanwaltschaft zur Beurteilung von Fällen einbezogen worden sei, so Hanke.

Auch bezüglich des Finanzskandals seines Bistums setze er auf die Untersuchung durch die Justiz. Auch wenn manch "selbst ernannte Richter auf der Straße" bereits ihr Urteil in der Sache gefällt hätten, solle man nun die Justiz und die Juristen ihre Arbeit tun lassen. "Wir wollen aus dem, was sich zugetragen hat, für die Zukunft lernen und uns vor allem wieder mit voller Hingabe der Pastoral widmen." - Das Bistum hatte im Februar bekanntgegeben, durch die Vergabe ungesicherter Darlehen für Immobilienprojekte in den USA womöglich viel Geld verloren zu haben. Die Rede ist von bis zu 50 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt.

Aachens Bischof Helmut Dieser erklärte, die Beschlüsse der Bischofskonferenz zu mehr Aufklärung und mehr Prävention von Missbrauchsfällen sollten in einer gemeinsamen Versammlung aller diözesanen Räte am 2. Februar beraten und auf das Bistum angewendet werden. "Die ganze Gesellschaft schaut darauf, ob wir uns dem nun wirklich weiter stellen und wie. Und das soll auch so sein", betonte der Bischof.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck sprach von einer "Zeitenwende" in Folge des Missbrauchsskandals. Themen wie Priesterbild und Weiheamt, Hierarchie, Zölibat, Frauenamt und Sexualmoral dürften nicht länger zum Tabu erklärt werden, sagte er laut Redemanuskript in der Neujahrsmesse am Dienstag. Der Essener Bischof mahnte zugleich, bei aller notwendigen Umgestaltung der Kirche deren Grundfeste nicht zu zerstören.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sprach sich für eine bessere Prävention aus, sagte aber auch, dass die Erneuerung der Kirche nicht von einer Anpassung an zeitgeist-diktierte Vorstellungen oder durch Verbilligung der biblischen Botschaft zu erwarten sei. Die Geschichte zeige, "dass wahre Erneuerung immer aus einem tieferen Gehorsam gegenüber der Botschaft des Evangeliums, aus einer tieferen Liebe zu Christus, aus einer verstärkten Bemühung um Katechese und Verkündigung sowie aus einer radikaleren Christus-Nachfolge erwachsen sind", so Voderholzer.

Kardinal Woelki würdigt Europa als Friedensgarant 

Für den Trierer Bischof Stephan Ackermann hat die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs positive Nebeneffekte. So sei es "gut und richtig, wenn auch die dunklen Seiten der Kirche ans Licht kommen, und überkommene Kirchenbilder, die nicht mehr der Realität entsprechen - ihr vielleicht nie entsprachen - zerbrechen", sagte der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich. Man dürfe nicht vergessen, dass der Preis für ein strahlendes Bild der Kirche oft "der verschwiegene Schmerz und die stille Enttäuschung der Opfer" gewesen sei.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki würdigte die Rolle des geeinten Europas als Friedensgarant - und rief Christen zur Teilnahme an der Europawahl im kommenden Mai auf. Das "gemeinsame Haus Europa" sichere den Frieden, sagte Woelki am Montagabend im Kölner Dom. Die Menschen hätten sich so sehr an die Sicherheit Europas, an Freiheit und den Schutz der Würde der menschlichen Person gewöhnt, dass sie offensichtlich nicht mehr wüssten, was sie da aufs Spiel setzten.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker rief zum Einsatz für den Frieden auf. "Frieden beginnt mit dem Glauben an die Rettung", erklärte er. Die Erhaltung oder Schaffung des Weltfriedens hänge wesentlich davon ab, ob Menschen überhaupt noch an Rettung und Erlösung glaubten.

Der Würzburger Bischof Franz Jung rief dazu auf, Herausforderungen mutig anzunehmen. Oft lähmten die Angst vor Veränderung und die Größe der Probleme, die man kommen zu sehen meine, erklärte Jung weiter. Als "Techniken der Verzagtheit" kritisierte er das Aussitzen von Schwierigkeiten sowie das Schönreden von Misserfolgen.

Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann rief die Christen zum Eintreten gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen auf. Gott setze darauf, "dass wir seinen Segen gegen allen Hass, gegen alle Ausgrenzung und Unmenschlichkeit von Haus zu Haus an die Türen schreiben", sagte Wiesemann. Die Menschheit dürfe sich nicht von nationalen Egoismen und Angstmachern blenden lassen, sondern müsse "zu Trägern der Hoffnung werden - damit die Zukunft für unsere Kinder und Enkel leuchtet".

Scham und Entsetzen bleiben zurück

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hob den Wert von Beziehungen zwischen den Menschen und der Menschen mit Gott hervor. Nicht der Zeitenlauf und auch nicht so sehr das, was darin passiert, habe Gewicht im Leben, sagte er. Entscheidend seien die Erfahrungen des Angenommen-Seins, der Zuwendung und Geborgenheit sowie der Menschlichkeit und des Erbarmens.

Der Fuldaer Diözesanadministrator Karlheinz Diez bezeichnete 2018 mit Blick auf die Kirche als "ein Jahr mit vielen Dunkelheiten". Zurück blieben "Scham und Entsetzen über das, was jungen Menschen in unserer Kirche angetan wurde. Es bleiben Schuld und ein immenser Vertrauensverlust", so der vorübergehende Leiter der Diözese. Die Kirche müsse sich mit berechtigten Vorwürfen, aber auch mit bitterer Häme auseinandersetzen.

An "Stunden der Niedergeschlagenheit" erinnerte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger im Freiburger Münster. Es falle nicht immer leicht, Gott Dank zu sagen "für all das Gute, Schöne und Heitere, das uns allen widerfahren ist, aber genauso für das Dunkle, das Herausfordernde und das Traurige". Auch die negativen Erfahrungen seien nicht sinnlos: "Nicht selten erfahren wir gerade im Bedrängenden die Gegenwart und Hilfe des Herrn!"

Der Passauer Bischof Stefan Oster appellierte an Christen, bereit für Veränderungen zu sein. Viele Menschen hätten sicher schon einmal den Satz "Du hast dich gar nicht verändert" gehört. Dieser Satz sei nett gemeint, aber nicht wünschenswert. "Bei dem, der einfach nur so bleiben will, wie er ist, da lehrt die Erfahrung, dass sich Veränderungen dann eben schleichend und unbemerkt ergeben - und zwar für alles, was ich laufen lasse. Die schlechte Angewohnheit wird noch schlechter." Daher solle man lieber bereit dazu sein, jeden Tag von Gott authentischer gemacht zu werden.

Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa forderte Christen dazu auf, in eine lebendige Beziehung mit Jesus zu treten. "Jede Gelegenheit zu suchen, ihm zu begegnen, und anderen eine solche Gelegenheit der Begegnung mit ihm zu vermitteln suchen, das bedeutet lebendig glauben", sagte er im Augsburger Dom. Zdarsa ergänzte demnach, Christus stehe "nicht hinter uns als unsere Vergangenheit, sondern vor uns als unsere Zukunft". Jesus garantiere als guter, wahrer Hirte für den Sinn im Leben. "Ja, er ist selber der Weg, die Wahrheit und das Leben", fügte Zdarsa hinzu.(luk/KNA)

1.1.2019, 10:55 Uhr: Ergänzt um die Bischöfe Ackermann, Becker, Dieser, Hanke, Jung, Oster, und Woelki; 12:25 Uhr: Ergänzt um die Bischöfe Voderholzer und Zdarsa; 18:30 Uhr: Ergänzt um Bischof Overbeck