Kardinal Müller: Keine Verbindung zwischen Missbrauch und Zölibat
"Eine diskriminierende Unterstellung"

Kardinal Müller: Keine Verbindung zwischen Missbrauch und Zölibat

Laut der Missbrauchsstudie werden Priester weitaus häufiger des Missbrauchs beschuldigt als Diakone. Kardinal Gerhard Ludwig Müller wehrt sich dennoch gegen den Schluss, dass zölibatär lebende Priester besonders zu Sexualverbrechen neigten.

Rom/Köln - 01.01.2019

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, sieht keine Verbindung zwischen der vorgeschriebenen Ehelosigkeit katholischer Priester und dem vielfachen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen. "Es ist eine diskriminierende Unterstellung, dass Menschen, die freiwillig dem Ruf Jesu in diese Lebensform folgen, besonders disponiert zu Sexualverbrechen wären", so Müller gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

"Den abscheulichen sexuellen Missbrauch von Heranwachsenden zu benutzen, um eine im Evangelium Christi begründete Lebensform zu bekämpfen, nur weil sie dem rein innerweltlichen Denken unverständlich und anstößig erscheint, ist nichts anderes als menschenverachtende Ideologie." Durch die Aufhebung des Zölibats würde keine einzige Straftat verhindert, so Müller in dem per Mail geführten Interview.

Die Autoren der im September vorgestellten Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche hatten eine Debatte über den Zölibat angeregt. Priester werden nach den Ergebnissen der Studie fünfmal häufiger auffällig als Diakone – die heiraten dürfen.

Bereits kurz vor Weihnachten schrieb Müller in einem Gastbeitrag für katholische Blogs, dass der sexuelle Missbrauch von manchen Akteuren innerhalb der katholischen Kirche instrumentalisiert werde, um eigene Interessen durchzusetzen. "Man will das sakramentale Priestertum mit der Missbrauchskrise aus den Angeln heben." Als Reaktion auf die Missbrauchsstudie hatten viele deutsche Bischöfe zu Reformen in der Kirche aufgerufen – dies war auch Thema in vielen Silvesterpredigten der Oberhirten.

Bischof Voderholzer gegen Instrumentalisierung des Missbrauchs

Müllers Nachfolger in Regensburg, Bischof Rudolf Voderholzer, sprach sich dabei für eine bessere Prävention aus, sagte aber auch, dass die Erneuerung der Kirche nicht von einer Anpassung an zeitgeist-diktierte Vorstellungen oder durch Verbilligung der biblischen Botschaft zu erwarten sei. Die Geschichte zeige, "dass wahre Erneuerung immer aus einem tieferen Gehorsam gegenüber der Botschaft des Evangeliums, aus einer tieferen Liebe zu Christus, aus einer verstärkten Bemühung um Katechese und Verkündigung sowie aus einer radikaleren Christus-Nachfolge erwachsen sind", so Voderholzer.

"Völlig kontraproduktiv" sei "das durchsichtige Vorhaben, den Missbrauch nun zu instrumentalisieren, um lange schon verfolgte kirchenpolitische Ziele jetzt durchzudrücken". Nicht die katholische Sexualmoral habe zu Verbrechen geführt, sondern deren Missachtung. "Ich kann auch nicht verstehen, wie man in diesem Zusammenhang behaupten kann, der Missbrauch von Macht sei Bestandteil des Erbguts der Kirche. Tatsache ist, dass Auflehnung gegen Gott, Versuchbarkeit und Neigung zur Selbstverkrümmung zum Erbgut des Menschen in Adam und Eva gehören." - Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer hatte kürzlich gesagt, Machtmissbrauch stecke "in der DNA der Kirche". (luk/dpa/KNA)

1.1.2019, 12:20 Uhr: Ergänzt um Bischof Voderholzer