Deutsche Religionslehrer fordern Bischöfe zu umfassenden Reformen auf
Offener Brief verlangt Partizipation der Lehrer am synodalen Weg

Deutsche Religionslehrer fordern Bischöfe zu umfassenden Reformen auf

Sie fordern eine Kehrtwende in der kirchlichen Sexuallehre, das Ende eines repressiven Umgangs mit kritischen Theologen und den Abbau aller Schranken durch das Amtsverständnis der Kirche: Der Verband der katholischen Religionslehrer hat einen offenen Brief an die deutschen Bischöfe formuliert.

Bonn - 05.06.2019

Die katholischen Religionslehrer Deutschlands haben die deutschen Bischöfe zu umfassenden Reformen aufgerufen. Notwendig sei unter anderem ein "Umdenken in Fragen von Sexualität insbesondere auch von Homosexualität", heißt es in einem offenen Brief vom Montag. Insgesamt listet der Bundesverband der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien zehn Reformpunkte auf, die es brauche "wenn Kirche und Glaube überhaupt eine Zukunft haben sollen".

Die Lehrer begrüßen in ihrem Brief die Initiative zu einem synodalen Reformweg als "ernsthaften Schritt in die richtige Richtung". Gleichzeitig fordern sie Partizipation daran ein. Man tue das "aus der Verantwortung heraus, dabei mitzuhelfen, dass die Kirche als glaubwürdige Gemeinschaft der Glaubenden zukunftsfähig wird". Allerdings bringe man sich erst dann mit der eigenen "theologischen und pädagogischen Expertise" ein, sobald erste klare Schritte im Hinblick auf die Umsetzung ihrer Forderungen gegangen werden.

Während ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen hatten die deutschen Bischöfe einen verbindlichen "synodalen Weg" beschlossen, bei dem es um die Zukunft der Kirche in Deutschland gehen soll. Als Themen stehen unter anderem die kirchliche Sexualmoral, die Rolle der Frau sowie die priesterliche Lebensform auf der Agenda. Kurz nach dem Beschluss hatten einige Bischöfe allerdings vor zu hohen Erwartungen gewarnt oder sich sogar vom "synodalen Weg" distanziert.

Kritische Stimmen als Chance wahrnehmen, nicht als Störfaktor

Neben einem "ehrlichen Blick in die eigenen Reihen im Hinblick auf die Themen Sexualität, Homosexualität und Beziehungsfähigkeit" fordern die Lehrer in ihrem Brief auch das Ende eines repressiven Umgangs mit "innovativ denkenden" Theologen. "Kritische, auch unbequeme Stellungnahmen müssen als Chance wahrgenommen werden, nicht als Störfaktor". Außerdem seien mutigere Schritte in der Ökumene notwendig – "vor allem selbstkritische Schritte auf dem Weg zum Abbau aller Schranken, die im katholischen Amtsverständnis begründet sind".

Weiter fordern die Lehrer "eine lernende Kirche, die offen ist für neue Impulse und kritische Anfragen", "eine Christologie und Ekklesiologie, die den Jesus der Evangelien in den Mittelpunkt stellen" und "eine dienende Kirche, sowohl im solidarischen Dienst an der Welt als auch im Hinblick auf die Umsetzung subsidiärer Leitungsstrukturen".

In Deutschland gebe es rund 70.000 katholische Religionslehrer, die als Vertreter "unseres Glaubens und unserer Kirche wahrgenommen" würden, heißt es in dem Brief. Die große Mehrheit unterrichte an öffentlichen Schulen und begegne insbesondere dort der weltanschaulichen Pluralität, die die heutige Gesellschaft kennzeichne. Allerdings würden sich die grundlegenden Werte und Tugenden, die Schülern vermittelt werden sollten, in der Amtskirche nicht wiederfinden. Stattdessen würden sie konterkariert von "religiöser Machtaufladung in einem klerikalistischen priesterlichen Selbstbild", durch die "Dämonisierung von Sexualität" oder durch Ausgrenzung wiederverheirateter Geschiedener.

Der Brief der katholischen Religionslehrer steht unter der Überschrift "Zukunft der katholischen Kirche – Wie geht's weiter? Religionslehrer beziehen Position!" Er ist von Mitgliedern des Bundesverbandes sowie der Bundes- und Landesverbände unterzeichnet. (bod)

Bild: © BKRG

Der Vorstand des Bundesverbandes der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien e.V.

Die zehn Forderungen im Wortlaut:

  1. Wir fordern eine lernende Kirche, die offen ist für neue Impulse und kritische Anfragen, die ernst macht mit der Rede von Gott, der sich immer neu in der Geschichte offenbart (Ex 3,14ff.). Eine lernende Kirche, die ehrlich zuhört und in dem, was andere sagen, ein Licht erkennt, „das ihr helfen kann, das Evangelium tiefer zu verstehen.“ (vgl. Christus vivit, Nr. 41).
  2. Wir fordern, dass anspruchsvolle, diskursiv betriebene Theologie in kirchlichen Strukturen und kirchlicher Verkündigung angemessen Berücksichtigung findet.
  3. Wir fordern das Ende eines repressiven Umgangs mit innovativ denkenden Theolog*innen. Kritische, auch unbequeme Stellungnahmen müssen als Chance wahrgenommen werden, nicht als Störfaktor.
  4. Wir fordern eine Christologie und Ekklesiologie, die den Jesus der Evangelien in den Mittelpunkt stellen, der einen Gegenentwurf zu aller menschlichen Versuchung der Macht darstellt (Mt 4,8ff.).
  5. Wir fordern im Sinne einer Nachfolge Jesu eine dienende Kirche, sowohl im solidarischen Dienst an der Welt als auch im Hinblick auf die Umsetzung subsidiärer Leitungsstrukturen.
  6. Wir fordern eine “Verheutigung” theologischer Sprache in allen kirchlichen Handlungsräumen und die mutige Übersetzung dogmatischer Formeln, so dass Menschen die befreiende Botschaft des Glaubens als lebendig machend wahrnehmen können.
  7. Wir fordern ein Umdenken in Fragen von Sexualität insbesondere auch von Homosexualität, die Wertschätzung der menschlichen, körperlichen Verfasstheit verbunden mit der Freude am Körper und der eigenen Sexualität. Dringend notwendig erscheint ein ehrlicher Blick in die eigenen Reihen im Hinblick auf die Themen Sexualität, Homosexualität und Beziehungsfähigkeit.
  8. Wir fordern mutigere Schritte in der Ökumene, vor allem selbstkritische Schritte auf dem Weg zum Abbau aller Schranken, die im katholischen Amtsverständnis begründet sind.
  9. Wir fordern im Blick auf den angekündigten synodalen Prozess aus jedem (Erz-)Bistum eine Auskunft, wie dieser umgesetzt und als handlungsleitend konkretisiert wird.
  10. Wir fordern verbindliche Maßnahmen der Umsetzung des anstehenden synodalen Prozesses und ein Ernstnehmen des Glaubens aller Gläubigen (sensus fidei). Wenn der Geist weht, wo und in wem und wie er will, wenn – wie wir glauben – der Geist in den Gliedern wie in den Häuptern der Kirche wirksam ist, dann ist das Prinzip der Partizipation für den anstehenden Prozess absolut notwendig.

Der komplette Brief im Wortlaut hier.