Die Revolution hat begonnen
Die Vatikanbank legt erstmals einen Geschäftsbericht vor

Die Revolution hat begonnen

Die Revolution hat schon begonnen, als die Kardinalskommission zur Kurienreform sich am Dienstag gerade einmal zu ihrer ersten Zusammenkunft in der päpstlichen Privatbibliothek eingefunden hatte. Und das in einer Institution, die lange eher Sorgenkind denn Vorzeigeschüler war: der Vatikanbank IOR. Das päpstliche Finanzinstitut veröffentlichte am Dienstagmorgen um acht Uhr auf seiner Internetseite erstmals in seiner rund 70-jährigen Geschichte einen detaillierten Geschäftsbericht .

Vatikanstadt - 01.10.2013

Das wäre vor einiger Zeit noch so unwahrscheinlich erschienen wie ein Papst mit Dauerwohnung im Gästehaus. Aus dem Bericht geht unter anderem hervor, dass das IOR seinen Gewinn im Jahr 2012 auf 86,6 Millionen Euro mehr als vervierfacht hat. Revolutionär sind weniger die veröffentlichten Zahlen im Einzelnen als vielmehr der Umstand selbst. Das "Institut für die religiösen Werke", das immer wieder wegen angeblicher schwarzer Konten und Geldwäsche in die Schlagzeilen geriet und sich gegenüber der Öffentlichkeit bis vor kurzem hermetisch abschottete, wird zum Vorreiter der Transparenz.

Dieses Signal dürfte auch den Druck auf andere Kurienbehörden erhöhen, öffentlich Rechenschaft abzulegen. Dazu gehörte etwa die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten, die den Haushalt des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaats erstellt. In den vergangenen Jahren wurden diese Budgets auf nicht einmal zwei Seiten vorgestellt. Außer dem jeweiligen Gesamtvolumen und dem Überschuss oder Defizit enthielten diese Berichte kaum eine weitere Zahl.

Auch Güterverwaltung des Heiligen Stuhls könnte Zahlen bald offenlegen

Zu denken wäre auch an die Güterverwaltung des Heiligen Stuhls, bekannt unter dem Kürzel Apsa, die unter anderem einen großen Teil des vatikanischen Immobilienbesitzes verwaltet. Wie jüngste Aussagen ihres früheren verhafteten Oberbuchhalters Nunzio Scarano offenbarten, legte sie anscheinend ebenfalls Geld für Dritte an. Auch die vatikanische Missionskongregation wäre zu nennen, die ebenfalls über beträchtlichen Immobilienbesitz verfügt. Offizielle Zahlen zu ihren Vermögenswerten gibt es bis heute nicht. Die Apsa und die Missionskongregation sollen jedoch zu den größten Immobiliensteuerzahlern Roms gehören.

Porträtfoto von Ernst von Freyberg.

Ernst von Freyberg ist Aufsichtsratsvorsitzende der Vatikanbank. Nach den Worten von Papst Franziskus soll das auch so bleiben.

Dem Vernehmen nach sollen die vatikanischen Finanzinstitutionen zwar während der ersten Zusammenkunft der Kardinalskommission nicht Gesprächsthema sein. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass IOR, Apsa und Co. zu einem späteren Zeitpunkt vom Papst mit den Kardinälen erörtert werden. Zuvor dürfte Franziskus die Berichte der zwei Kommissionen abwarten, die er zur Berichterstattung über das IOR und die sonstigen Finanzinstitutionen eingesetzt hat.

Welches Ausmaß die Aufräumarbeiten haben, die gegenwärtig im IOR im Gange sind, ließ ein unbestätigter Bericht der Tageszeitung "Corriere della Sera" erahnen, der ebenfalls am Dienstag veröffentlicht wurde. Demnach soll das IOR 900 seiner bislang rund 19.000 Kunden aufgefordert haben, ihr Konto bei dem Finanzinstitut zu kündigen. Die Angeschriebenen erfüllen laut "Corriere della Sera" nicht das strenge Anforderungsprofil des Hauses oder führen Konten, auf denen verdächtige Transaktionen registriert wurden.

Seit Mitte Mai wurden bislang rund 4.000 Konten kontrolliert

Das IOR wollte den Bericht weder bestätigen noch dementieren: "Wir kommentieren unsere Kundenbeziehungen grundsätzlich nicht", sagte ein Sprecher am Dienstag. Zugleich wies er jedoch darauf hin, dass die Überprüfung der Konten durch die Kontrolleure der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Promontory voll im Plan sei. Seit Mitte Mai wurden bislang rund 4.000 Konten von den externen Wirtschaftsprüfern kontrolliert.

Was aus der Vatikanbank in Zukunft wird, ist offen. Papst Franziskus bekannte Ende Juli, er wisse noch nicht, ob sie in seiner gegenwärtigen Form fortbestehen, in einen Sozialfonds umgewandelt oder ganz abgeschafft werde. Was das IOR derzeit ist, beschreibt dessen Aufsichtsratsvorsitzender, Ernst von Freyberg , im Jahresbericht so: "eine konservativ geführte Finanzinstitution der katholischen Kirche, die ihr hilft, das Wort Gottes in der ganzen Welt zu verbreiten".

Von Thomas Jansen (KNA)