Die Sixtinische Kapelle als totales Spektakel
Kolumne: Römische Notizen

Die Sixtinische Kapelle als totales Spektakel

Michelangelos "Jüngstes Gericht" läuft seit einem Jahr als permanente Multimedia-und-Live-Show in Rom. Lohnt ein Besuch? Und muss man überhaupt noch in die echte Sixtinische Kapelle? Unsere Kolumnistin Gudrun Sailer verrät es Ihnen.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 18.03.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Schnell, bunt, barrierefrei und viel Blink-Blink, das wäre meine Zusammenfassung in Minimalvariante. "Giudizio Universale – Michelangelo and the Secrets of the Sistine Chapel" (Jüngstes Gericht – Michelangelo und die Geheimnisse der Sixtinischen Kapelle) ist eine sehr aufwändige Show, die munter Genres, Techniken und Sinneseindrücke mixt. Lichteffekte, Bühnennebel, Lasershow, eine Handvoll Tänzer/Schauspieler, die mit schönen Kostümen und falschen Kandelabern durch die Reihen des Publikums schreiten, und viele, ganz viele Projektionen von Fresken, vorne, oben, an den Seiten, über 270 Grad (wissen Sie, wieviel das ist? Ich weiß es jetzt). Einmal zieht sogar Weihrauchduft durch die Reihen, dezent nur; zum Glück sind wir hier noch nicht ganz so weit fortgeschritten wie im sogenannten 4D-Kino, wo die Sessel wackeln, wenn auf der Leinwand eine lustige Kutschenfahrt zu sehen ist, während Maschinen den Leuten Wind ins Gesicht pusten und andere Maschinen ihnen den Geruch von Pferdeäpfeln und Kohle zufächeln. Ein wenig Weihrauch, sonst nichts für die Nase im "Giudizio Universale". Dafür sind die Effekte fürs Auge bombastisch. Und mit das Beste ist die Musik, auch wenn ich das erst unten verraten wollte.

Protagonisten des Spektakels sind zweifelsfrei die Fresken der Sixtina selbst. Weil das allein offenbar zu langweilig wäre, verpackt die Show die Weltklasse-Kunstwerke in einen sorgfältig ausbuchstabierten Erzählrahmen. "Storytelling" nennt sich das heutzutage, der Gedanke dahinter ist, dass beim Zuschauer nur hängenbleibt, was ihn emotional fesselt, was als packende oder rührende Geschichte mundgerecht serviert ist.

Papst Benedikt in der "Kammer der Tränen"

Erzählt wird also, wie das widerstrebende Bildhauer-Genie Michelangelo sich erst mit dem bärtigen und mächtigen Papst Julius II. wegen der Deckenfresken der Sixtina auseinandersetzt und dann 20 Jahre und manche Katastrophe später mit Clemens VII. wegen der Stirnwand mit dem "Jüngsten Gericht". Hier wird es stellenweise arg didaktisch. Der Künstler und der Papst, mit Tiara auf dem Kopf, was sonst, durchschreiten nachts mit besagten Kandelabern die auszumalende Kapelle und analysieren die schon vorhandenen Cinquecento-Fresken in den unteren Bildreihen. Übrigens: Musik und auch die Dialoge in der Show kommen vom Band (Italienisch, per Kopfhörer auch auf Deutsch). Die Tänzer/Schauspieler bewegen nicht die Lippen, aber damit man versteht, dass die Stimmen zu ihnen gehören, gestikulieren sie die Dialoge mit. Man kann das "ausdrucksstark" finden. Muss man aber nicht.

Das ganze Spektakel kommt wie ein übervoller Kessel Buntes daher, Bibelzitate, Sternschnuppen, Briefzeilen in brauner Tinte auf Pergament, das Ritual der Papstwahl in der Sixtina (ein Tänzer mimt hinter Plexiglas in der "Kammer der Tränen" Papst Benedikt unmittelbar nach seiner Wahl), Luftaufnahmen von Rom heute und Rechnersimulationen von der Baustelle von Sankt Peter mit noch offener Kuppel, über die man quasi fliegt und dabei einen Blick auf die Baumaschinen des 16. Jahrhunderts erhascht. Das alles ist faszinierend, mitunter bild-schön. Aber auch eine Spur dick aufgetragen.

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Vatican News".

Und dann, von ganz nahe, immer und immer wieder die Fresken. Die Schöpfung, Gott mit Eva und Engeln in der rosa Blase, die aussieht wie ein Gehirn oder ein Uterus, und der Finger, der Adam ins Leben ruft. Der Ausdruck auf den Gesichtern der in die Hölle Fahrenden, die Augen der Teufel. Die Muttergottes schmiegt sich beschwichtigend an den Sohn, der mit gewaltiger Geste richtet in alle Ewigkeit. Das irisierende Blau des Himmels. Die fliegenden, fallenden, steigenden oder von Engeln aus den Gräbern gezogenen Figuren. Sie kommen so nahe, wie man sie im Original niemals sehen könnte, außer als Restaurateurin auf dem Gerüst. Das ist das kalkulierte Geschenk dieser Show, der Grund, hinzugehen.

Damit die Menschlein auf der Bühne in der Aufmerksamkeit des geschätzten Publikums nicht zu sehr abfallen gegenüber den rundherum projizierten Meisterwerken, müssen die Tänzer dauernd laufen. Keiner darf mal drei Sekunden irgendwo ausharren, das passt nicht ins Konzept. Hin und wieder stellen sich die zwei Hauptakteure auf eine Drehscheibe im Boden und rotieren dann wie auf einer Servierplatte angerichtet, gleichzeitig still und umeinander kreisend, eine Art, ja, Ringkampf zwischen dem Papst und dem Künstler. Wenn Michelangelo malt, schwebt er an unsichtbaren Seilen im Bühnenraum, schlägt Volten, dreht und reckt sich. Das sieht leicht und tänzerisch aus, als würde der Künstler den Gottvater nachahmen, den er gerade ebenso dynamisch-bewegt im Deckenfresko der "Schöpfung" verewigt. Ja, man hat sich was dabei gedacht.

"Dies Irae" ... von Sting

Die Musik, muss ich gestehen, ist mir anfangs gar nicht aufgefallen, vielleicht war das gestalterische Absicht wie beim sparsam dosierten Dufteffekt, damit das Hirn nicht so aus den Fugen gerät. Am Schluss aber kam eine Musik, die war fast überirdisch. Ein Song von Sting, der von "Police", der britischen Popband der 80er. Er hat für diese Show den mittelalterlichen Hymnus "Dies Irae" vertont. Die Komposition schält sich aus einem gregorianischen Chor, an dessen Spitze dann die Solostimme tritt. Sting singt auf Latein mit einem Hauch british accent (Latein ist belastbar, die norddeutsche Auslautverhärtung kann ihm ja auch nichts anhaben), und selbst wenn kaum jemand im Saal - außer die Seminaristen in Zivil – den Text versteht, entfaltet diese Musik einen Sog, dem schwer zu entrinnen ist. Zumal jetzt rundum die Figuren Michelangelos flirren. Jüngstes Gericht, Tag des Zorns. Sting singt den uralten Text, doch er mogelt einen wiederkehrenden Vers hinein, der klar von Papst Franziskus inspiriert ist: Deus miericordiae, Gott der Barmherzigkeit. Es endet in Dur.

Sicher ist, das Spektakel verdient als Genre ein eigenes Etikett, mein Vorschlag wäre "Schinken des 21. Jahrhunderts". Alle Geschütze sind aufgefahren und auf maximalen Effekt berechnet (der künstlerische Leiter Marco Balich designt sonst Eröffnungsshows für Olympische Spiele). Auf der Habenseite lässt sich auch das Theater verbuchen, es war früher die klassische Konzerthalle Roms, liegt fußläufig zum Petersplatz an der Via della Conciliazione und hat einwandfreie Plüschsessel. Fazit: "Giudizio Universale" kann man machen. Die echte Sixtina ist ja heute eher was für wirklich bußfertige Geister.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.