Beim Evangelischen Kirchentag diskutieren unter anderem Landesbischof Markus Dröge und Anette Schultner, Sprecherin der "Christen in der AfD".
Kirchentag debattiert über "Christen in der AfD?"

Dröge sieht kein christliches Menschenbild bei AfD

Die Einladung einer AfD-Politikerin zum Evangelischen Kirchentag hatte für viel Kritik gesorgt. Am Donnerstag saß Anette Schultner schließlich auf dem Diskussionspodium und musste sich verteidigen.

Berlin - 25.05.2017

Der Berliner Landesbischof Markus Dröge hat seine Kritik an der AfD bekräftigt. "Es steht kein christliches Menschenbild im Parteiprogramm der AfD", sagte er am Donnerstag auf dem Podium "Christen in der AfD?" beim Evangelischen Kirchentag in Berlin. "Was ich vielen abspreche, die sich als Christen in dieser Partei engagieren, ist, dass sie sich glaubwürdig als Christen engagieren." Sie würden vielmehr "als Feigenblatt missbraucht". Rund 30 Beamte schützten laut Polizeiangaben die Veranstaltung mit gut 500 Zuhörern in der Sophienkirche. Zahlreiche Menschen mussten wegen Überfüllung vor dem Gotteshaus warten.

Die Bundessprecherin der "Christen in der AfD", Anette Schultner, erklärte: "Auch in der Bibel wäre es undenkbar gewesen, dass ein Fremder in ein Land geht und dort sofort alle Rechte für sich reklamiert." Dem widersprach Bischof Dröge vehement: "Wir haben eine lange soziale Tradition aus der Bibel, die Fremden aufzunehmen und anzunehmen, wie sie sind." Das präge maßgeblich das christliche Menschenbild. "Wir können keine Unterschiede machen. Das ist ein großes Erbe der christlich-jüdischen Tradition, das Sie hier infrage stellen", so Dröge.

Schultner: Auch die AfD sieht das Elend und will helfen

Schultner betonte, auch die AfD sehe das Elend der Menschen und wolle helfen, aber "wir denken, es ist gut, wenn man den Menschen in ihrem natürlichem Lebensraum hilft". Die Politikerin, die einer evangelischen Freikirche angehört, erklärte, gefragt nach ihrem Verständnis von christlicher Nächstenliebe: "Das Gesetz der Nächstenliebe sagt nicht, jeden Menschen wie sich selbst zu lieben, sondern den Nächsten." Bischof Dröge erwiderte: "Im christlichen Verständnis der Liebe geht es nicht primär um die Liebe der Familie, Heimat und Tradition, sondern das spezifisch Christliche ist es, das zu lieben, was darüber hinaus geht: den Fremden und auch zu versuchen, den Feind zu lieben." Er räumte ein, dass dies ein "superhoher Anspruch" sei.

Linktipp: Scharfe Kirchenkritik auf dem AfD-Parteitag

mer wieder hatten Kirchenvertreter vor unchristlichen Positionen der AfD gewarnt. Auf dem AfD-Parteitag in Köln ernten sie dafür jetzt scharfe Kritik - samt Aufruf zum Kirchenaustritt. (Artikel von April 2017)

Dröge kritisierte, dass die AfD Positionen und Aussagen der Kirchen immer wieder verzerrt darstelle. Dahinter stecke eine gezielte Strategie, so der Bischof unter Verweis auf ein Strategiepapier der rechtspopulistischen Partei. Er betonte, dass er entgegen der "Propaganda der AfD" nie gesagt habe, dass es Christenpflicht sei, nicht in der AfD zu sein. Er habe vielmehr gesagt, dass es Christenpflicht sei, sich kritisch mit den Argumenten der Partei auseinanderzusetzen und zu widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt werde. "Ich finde es hoch problematisch, wie rechtspopulistisch in der AfD argumentiert wird, und ich finde, das steht einem Christen nicht gut an", so Dröge. "Wie kann ich mich als Christ in einer Partei engagieren, die Ängste schürt, Misstrauen schürt und Ausgrenzung predigt?"

Käßmann fühlt sich an "Arierparagraph" erinnert

Zuvor hatte die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, scharfe Kritik an der AfD geübt. Einige familienpolitische Passagen im AfD-Grundsatzprogramm erinnerten sie an den "so genannten kleinen Arierparagraphen der Nationalsozialisten: zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern". (KNA)