Ein Paar im Bett.
Siebter Teil der Reihe zum Dekalog

"Du sollst nicht ehebrechen!": Das sechste Gebot

Im Alten Israel stand Ehebruch unter Todesstrafe. Davon spricht der Dekalog nicht, doch auch im sechsten Gebot wird der Geschlechtsverkehr zwischen einer verheirateten Frau mit einem anderen Mann scharf verurteilt - im Vergleich zu anderen Gesetzen jedoch mit einer veränderten Bedeutungsnuance.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn - 12.05.2019

Der Ehebruch ist gemäß dem Alten Testament kein Kavaliersdelikt: "Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen." (Deuteronomium 22,22) Im Vergleich zu anderen altorientalischen Gesetzen ist das Alte Testament rigoros.

Im Codex Hammurapi, einer babylonischen Gesetzessammlung aus dem 18. Jahrhundert v. Chr., kann Gnade vor Recht gelten, wenn der betrogene Ehemann seiner Frau verzeiht: "Gesetzt, die Gattin eines Mannes ist ertappt worden, wie sie bei einem anderen Manne gelegen hat, so wird man sie (beide) binden und ins Wasser werfen. Gesetzt, der Gatte will seine Gattin leben lassen, so wird der König seinen Sklaven (auch) am Leben lassen." Die Gesetze des Alten Testaments bestehen hingegen auf die Todesstrafe sowohl für den Ehebrecher als auch die Ehebrecherin – in den Worten des Buches der Sprichwörter: "Wer Ehebruch treibt mit einer Frau, ist ohne Verstand, nur wer sich selbst vernichten will, tut das." (Sprichwörter 6,32)

Eine Frau betrachtet das Gemälde Christus und die Ehebrecherin von Lucas Cranach dem Älteren

Ehebruch ist auch im Neuen Testament ein Thema, das selbst in der Kunst aufgenommen wird: Eine Frau betrachtet das Gemälde "Christus und die Ehebrecherin" von Lucas Cranach dem Älteren.

Nicht nur die Ehe wird im Alten Testament als ein Gut angesehen, sondern auch die Ehefrau. In der hebräischen Sprache wird der verheiratete Mann als בַּעַל (gesprochen: ba’al) bezeichnet. Dieses Wort bedeutet nicht nur "Ehemann", sondern die Grundbedeutung ist "Besitzer/Eigentümer". Eine Ehefrau wird als ‎בְּעֻלַת בָּעַל (gesprochen: be’ulat ba’al) bezeichnet. Diese Wendung könnte man, um das Wortspiel der sich wiederholenden Wurzel abzubilden mit "des Gemahls Vermählte" übersetzen. Die zugrundliegende Bedeutung ist jedoch eine andere: die Ehefrau ist der Besitz des Ehemanns – wörtlich: "die, die der Besitzer besitzt".

Während in alttestamentlicher Zeit eine Mutterschaft unzweifelhaft nachgewiesen werden konnte, war die Vaterschaft immer nur eine angenommene. In einer Gesellschaft, in der die Erbfolge und auch die religiöse Zugehörigkeit patrilinear, also entsprechend der Abstammung vom Vater geregelt war, ist der Schutz der Ehe als Entstehungsort der nachfolgenden Generation grundlegend wichtig. Dementsprechend konnte nach dem alttestamentlichen Gesetz ein Mann nur die Ehe eines anderen Mannes brechen – nicht seine eigene – und eine Frau nur ihre eigene. Kurzum: Ehebruch ist der Geschlechtsverkehr irgendeines Mannes mit einer verheirateten Frau eines anderen Mannes.

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Jede Gesellschaft braucht ihre Regeln, denn ohne sie läuft alles drunter und drüber. Das "katholische Grundgesetz" bilden die Zehn Gebote.

Auch in den Zehn Geboten wird der Ehebruch ausdrücklich verboten. Kurz und prägnant steht dort: "Du sollst nicht die Ehe brechen." (Exodus 20,14; siehe auch Deuteronomium 5,18) Grammatikalisch gesprochen, richtet sich das Gebot an einen männlichen Plural. Diese Form kann jedoch auch Frauen als Angeredete einschließen – so sind in diesem Gebot wie im gesamten Dekalog alle Männer und Frauen Israels angesprochen. Nicht wird definiert, wer wessen Ehe bricht.

Im Buch Levitikus wird deutlich der Ehebruch als ein "Einbrechen" des Mannes in die Ehe einer Frau mit einem anderen Mann definiert: "Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin." (Levitikus 20,10) Und die hier verwendeten hebräischen Wörter für Ehebrecher (נֹאֵף, gesprochen: no‘ef) und Ehebrecherin (נֹאָפֶת, gesprochen: no‘efet), leiten sich von dem auch im sechsten Gebot verwendeten Verb für "ehebrechen" ab (נאף, gesprochen: na‘af). Scheinbar hat es zwei verschiedene Bedeutungen: Wenn Männer die Handelnden sind, dann brechen sie die Ehe eines anderen Mannes. Wenn Frauen die Handelnden sind, dann brechen sie die eigene Ehe. Diese Unterscheidung ist jedoch im sechsten Gebot so nicht explizit ausgedrückt, sondern ganz Israel ist aufgerufen, egal ob unverheiratet oder verheiratet, keine Ehe – also weder die eigene noch die eines anderen – zu brechen. Die Ehe wird als ein zu schützendes Gut definiert, ohne dass sie auf ein Besitzverhältnis reduziert wird.

Von Till Magnus Steiner