Ein umstrittener Ort
Über die Verleihung des Karlspreises im vatikanischen Königssaal

Ein umstrittener Ort

Die Sala Regia im Apostolischen Palast spiegelt den einstigen weltlichen Machtanspruch der Päpste wieder. Ein Zufall, dass Franziskus den Karlspreis ausgerechnet hier erhalten hat?

Von Ulrich Nersinger |  Vatikanstadt - 07.05.2016

Der Faszination, die von diesem Ort ausgeht, konnten sich auch die Teilnehmer der diesjährigen Karlspreisverleihung nicht entziehen – selbst jene nicht, die nur wenig über die Einbindung des Saals in das päpstliche Zeremoniell wussten.

Wie schon ihr Name andeutet, diente die Sala Regia in früheren Zeiten  dem festlichen Empfang gekrönter Häupter und ihrer Gesandten. Hier war auch der Ort, an dem der Papst die Tribute all jener entgegennahm, die ihm als Lehensherrn verpflichtet waren. Wer von den Gästen aus Aachen und ganz Europa mit den Themen der Malereien des Saales auch nur ein wenig vertraut war, sie in die Geschichte der Kirche und der Welt einordnen konnte, erhielt eine beeindruckende Gratislektion in der Vermittlung päpstlicher Politik, ihrer Ansprüche und deren Durchsetzung.

Das Bildprogramm der Sala Regia berührt den Betrachter, es lässt niemanden kalt, es bewirkt Bewunderung, aber auch Verstörung, in dem ein oder anderen Fall sogar Abscheu. Es zeigt die Übertragung von Ländereien an den Papst, die Exkommunikation unbotmäßiger Könige und Kaiser und deren Versöhnung mit dem Heiligen Stuhl, die Siege der Christenheit über die Feinde der Kirche, so die Seeschlacht von Lepanto (1571) – und die blutigen Ereignisse der Bartholomäusnacht von 1572, die grausame Ermordung der Hugenotten in Frankreich. Zweck und Ausschmückung des Audienz- und Thronsaals spiegeln unzweideutig den einstigen weltlichen Machtanspruch der Päpste wieder.

In der Sala Regia im Vatikan wird Franziskus der Karlspreis verliehen.
Bild: © dpa

Jetzt wurde Papst Franziskus in der Sala Regia im Vatikan der Karlspreis verliehen.

Und ausgerechnet an diesem Ort findet die Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus statt! Doch die Wahl der Sala Regia als Bühne, als Szenarium für die Übergabe der renommiertesten Auszeichnung Europas könnte nicht besser gewählt sein. In der Begründung des Direktoriums der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises an Papst Franziskus werden die Schwächen, Krisen und Rückschläge angesprochen, die Europa in den letzten Jahren zu erleiden hatte, der dramatische Vertrauensverlust in dessen Institutionen nicht verschwiegen und festgestellt, dass viele Bürgerinnen und Bürger Europas verzweifelt Orientierung suchen.

Botschaft der Hoffnung in dramatischer Lage

In dieser dramatischen Lage sendet Franziskus eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung aus. Das Direktorium zitiert den Papst mit den Worten der Rede, die er im November 2014 vor dem Europäischen Parlament hielt: "Die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte; das Europa, das mutig seine Vergangenheit umfasst und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, um in Fülle und voll Hoffnung seine Gegenwart zu leben. Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten und in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist und Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens ist. Das Europa […], das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!"

Bis ins 19. Jahrhundert hinein fand sich am Vorabend des Hochfestes der Apostel Petrus und Paulus der Papst in der Sala Regia ein. Dort erwartete er die Abgesandten der Städte und Länder, die ihm als obersten Lehensherrn tributpflichtig waren. Doch in dieser Zeit erschien niemand mehr zu dieser Jahr für Jahr durch päpstliche Boten erfolgten Aufforderung. Und so blieb dem Papst nichts anderes übrig, als mit einer vorbereiteten Formel feierlich, aber ohne Aussicht auf Erfolg Protest gegen die Verweigerung des Tributs zu erheben. Auch als Empfangssaal für gekrönte Häupter kam der Königssaal außer Gebrauch; Monarchen und Staatsoberhäupter werden heute in der fast familiären Atmosphäre der päpstlichen Privatbibliothek willkommengeheißen. Nur der alljährliche Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps findet noch in der Sala Regia statt – eine kleine, aber deutliche Reminiszenz an die Geschichte.

Ulrich Nersinger mit Papst Franziskus.
Bild: © Privat

Ulrich Nersinger übergibt Papst Franziskus eines seiner Bücher.

Der 6. Mai 2016 brachte nun die Entscheidungsträger Europas freiwillig in den Vatikan, an einem nicht unumstrittenen Ort, in einem Repräsentationssaal klarer politischer Forderungen. Der Papst ist heute nurmehr das Staatsoberhaupt des Vatikanstaates, eines winzigen Landes, das allein dem Zweck dient, seine Unabhängigkeit von fremdem Einfluss zu garantieren. Eine politische Oberhoheit über Europa und die Welt beansprucht der Papst nicht mehr. Doch mit dem Schwinden seiner weltlichen Macht ist seine moralische Autorität stetig gewachsen. In dieser Tradition steht auch Franziskus – und zwar in immer stärkerem Maße und eindrucksvoller Präsenz. 

In der Sala Regia schreibt man wieder Geschichte

Europa scheint vielen am Ende zu sein. Nicht unverschuldet durch sich selbst. Das Karlspreisdirektorium und die politische Prominenz haben dies erkannt. Die Protagonisten der EU sehen im Papst einen letzten Rettungsanker in schwierigen, schwersten Zeiten. Doch sie werden erkennen müssen, dass ihnen Papst Franziskus keine Gefälligkeitspolitik liefern wird.

In der Sala Regia schreibt man wieder Geschichte. Aber keine, die auf Macht oder Machtspiele baut. Die "Politik" des Papstes wird das Eingeständnis Europas zu einer klaren eigenen Identität einfordern, das Bekenntnis zu Werten, die nicht zuletzt in jüdisch-christlichen Wurzeln fußen. Sie wird auf das Eintreten für die unveräußerlichen Rechte der Menschen bestehen, die in ihm leben und zu ihm Zuflucht suchen, und zu einer tatkräftigen Solidarität mit dem Nächsten aufrufen. Und dies alles "mit den Augen der Barmherzigkeit", wie es der Wappenspruch des Pontifex Maximus verkündet, des "Obersten Brückenbauers", der Brücken in und zu Europa schlagen möchte – in einer unverzichtbaren Kultur des Dialogs.

Zur Person

Der deutsche Theologe und Autor Ulrich Nersinger gilt als ausgezeichneter Vatikan-Kenner. Er schreibt unter anderem regelmäßig für den "Osservatore Romano". Mehrere seiner Bücher beschäftigen sich mit dem Innenleben des Kirchenstastes, so etwa der Band "Paul VI.: Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs" oder das Buch "Der unbekannte Vatikan". Nersinger lebt in Eschweiler in der Nähe von Aachen.

Von Ulrich Nersinger