Erzengel in der Hölle
Vor 70 Jahren starb Abbé Franz Stock

Erzengel in der Hölle

In der Nazizeit begleitete er zum Tode Verurteilte auf ihrem letzten Weg. Später wurde er zum wichtigen Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung. Heute vor 70 Jahren starb der Priester Franz Stock.

Von Felix Neumann |  Bonn - 24.02.2018

Dass aus der alten "Erbfeindschaft" zwischen Frankreich und Deutschland eine enge Partnerschaft werden sollte, durfte Franz Stock nicht mehr erleben: Vor 70 Jahren, 1948, ist der deutsche Priester in Frankreich gestorben, Jahre vor dem Élysée-Vertrag, der die Aussöhnung der einstigen erbitterten gegnerischen Nationen besiegelte. Dass nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg aber nicht – wie noch nach dem Ersten – Ressentiments zwischen Deutschen und Franzosen die Politik bestimmten, dass es zu einem echten Neuanfang kommen konnte, das ist auch diesem Paderborner Priester zu verdanken. Völkerverständigung, das war so sehr seine Berufung wie die zum Priesteramt, dass der Pariser Nuntius Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., bei seiner Totenfeier ausrief "Abbé Franz Stock, er ist nicht nur ein Name, er ist ein Programm." Ein Programm, das Stock trotz der Wirren des Krieges seit seiner Jugend verfolgt hatte.

Geprägt von der katholischen Jugendbewegung, zuerst beim Bund Neudeutschland, dann bei Quickborn, hatte er schon als Schüler an internationalen Jugendbewegungen teilgenommen. Da war es folgerichtig, dass er die Auslandssemester seiner Studienzeit in Frankreich verbrachte. Was heute selbstverständlich ist, war in den Zwanzigerjahren keineswegs Routine: Stock war nicht nur der erste Deutsche Seminarist in Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg - seit dem Mittelalter hatte kein Deutscher mehr am Pariser Institut Catholique Theologie studiert. Und ausgerechnet 1928, als die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg noch frisch und der neue Nationalismus schon am Horizont zu erahnen war, geschieht es doch: Stock geht für drei Semester in die französische Hauptstadt.

Da lag es nach seiner Priesterweihe auch nahe, dass 1934 sein Erzbischof, der Paderborner Kardinal Karl Joseph Schulte, an den Dortmunder Vikar Stock dachte, als ein neuer Seelsorger für die deutschsprachigen Katholiken in Paris gesucht wurde. Dessen Pariser Amtskollege, Kardinal Jean Verdier, kannte Stock noch von seinen Studien in Paris - ein Vertrauensverhältnis, das angesichts der steigenden Spannungen nach der "Machtergreifung" dringend nötig war für diese Aufgabe.

Begleitung zur Hinrichtungsstätte

Bis kurz vor Beginn des Krieges konnte er in Paris bleiben. Das freie Paris musste er 1939 verlassen, ins von den Nationalsozialisten besetzte Paris kehrte er schon 1940 zurück, als Pfarrer für die Deutschen und später zusätzlich als Standortpfarrer in den Wehrmachtsgefängnissen. "L'Archange en enfer" nannten ihn die Franzosen wegen dieses Dienstes: Erzengel in der Hölle. Hunderte zum Tode Verurteilte begleitete er auf ihrem letzten Weg zur Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valérien, nach manchen Berichten Tausende. In einem kleinen Notizbuch zeichnete er jede der Hinrichtungen auf, der er beiwohnen musste. Er setzte sich für die Gefangenen ein, versorgte sie mit Informationen und Nachrichten ihrer Angehörigen, über deren Ergehen sie eigentlich im Dunkeln gelassen werden sollten. Einige Todesurteile und Geiselerschießungen konnte er verhindern, auch unter den französischen Widerstandskämpfern erwarb er sich so Respekt: Von den vielen posthumen Ehren, die ihm zuteil wurden, ist eine besonders eindrücklich: Der Platz vor dem Pariser Widerstandsdenkmal "Mémorial de la France Combattante", ist nach ihm benannt.

Im August 1944 wurde Paris befreit, Truppen unter dem Befehl Charles de Gaulles marschierten in die besetzte Stadt ein. Stock blieb zusammen mit 600 verwundeten Wehrmachtssoldaten in einem Lazarett zurück. Als das gestürmt werden sollte, erkannte ihn der kommandierende Offizier: Er war in einem der Gefängnisse inhaftiert gewesen, in denen Stock gewirkt hatte. Der Sturm wurde abgeblasen. Dank Stock und der Dankbarkeit eines französischen Hauptmanns stand das Wehrmachtslazarett unter Schutz der Résistance, die Insassen waren sicher vor der Rache der Widerstandskämpfer.

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle (r.) und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichneten am 22. Januar 1963 im Pariser Elysee-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag.

Wieder entscheidet sich Stock dagegen, zurück nach Deutschland zu gehen. Obwohl die Kriegsjahre seine Gesundheit angegriffen hatten, blieb er, auch wenn das bedeutete, dass er als Kriegsgefangener gelten würde – und ein neuer Lebensabschnitt begann für Stock: Er wurde Regens. Ein Priesterseminar wie das, das er leitete, hatte es zuvor noch nie gegeben: "Séminaire des barbelés", "Stacheldrahtseminar" hieß die ungewöhnliche Ausbildungsstätte, die auf Betreiben der französischen Regierung und der Kirche in Frankreich und mit Unterstützung des päpstlichen Nuntius im Gefangenenlager "Dépôt 501" bei Chartres eingerichtet wurde. Alle Seminaristen, Theologiestudenten und Geistlichen unter den Kriegsgefangenen wurden dort zusammengezogen: Sie sollten ihre Studien fortsetzen, die jüngeren ihr Abitur machen, und vor allem: eine geistliche Ausbildung zu erhalten, die die Indoktrination der Nazis überwinden sollte. 950 Dozenten und Seminaristen waren im Stacheldrahtseminar – das größte Priesterseminar, das es je gab. Gut 600 Priester gingen daraus hervor, darunter die späteren Missionsbischöfe Emil Stehle und Bernhard Witte und der Dichter Lothar Zenetti. Unter den Absolventen, die nicht Priester wurden, war Josef Rommerskirchen, der Gründungsvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Der Journalist leitete dort die Lagerzeitung "Licht ins Dunkel", die die vom Päpstlichen Hilfswerk für die Kriegsgefangenen initiiert worden war.

Für Stock wie für die französische Kirche war das Stacheldrahtseminar ein wichtiges Zeichen für die noch kaum beginnende Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Der Kanonikus der Kathedrale von Chartres, Pierre André, nannte die Wirkungsorte Stocks, die Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valérien und das Stacheldrahtseminar "die beiden Fundamente der deutsch-französischen Aussöhnung und des vereinten Europas". Als das Seminar nach zwei Jahren aufgelöst wurde, wandte sich Stock an die Seminaristen in einer Abschiedsrede: "Eine von der Vorsehung gewollte Zahl von Heiligen wird genügen, unsere Epoche zu retten. Es ist die Vorsehung, die uns diesen Anruf zur Heiligkeit entgegenschleudert durch die Stimme der Geschichte, und wir müssen ihn hören, um der Welt die Botschaft von Freiheit und Frieden, Heil und Liebe zu bringen."

Das Seligsprechungsverfahren läuft

Stock selbst erlebte das geeinte Europa und die friedliche Partnerschaft Deutschlands und Frankreichs nicht mehr. Im Juni 1947 wurde das Seminar geschlossen, die letzten Seminaristen nach Hause geschickt, Stock ging wieder nach Paris. Im Februar 1948 starb Franz Stock dort plötzlich und unerwartet mit nur 44 Jahren. Immer noch war er Kriegsgefangener, sein Tod durfte in der Presse nicht veröffentlicht werden, seine Familie nicht einreisen. Nur wenige begleiteten ihn auf seinem letzten Weg.

Das Beispiel seines Lebens inspirierte viele, sich für die deutsch-französische Aussöhnung einzusetzen. In Deutschland gründete sich das "Franz-Stock-Komitee", in Frankreich schlossen sich die "Amis de Franz Stock" in Chartres zusammen. Die beiden Gesellschaften betreiben Jugendaustauschprogramme, Bildungsveranstaltungen und Ausstellungen zum Leben und Werk des Paderborner Priesters, in Chartres setzt eine von den beiden Vereinen getragene Jugendbegegnungsstätte die Versöhnungsarbeit fort – und das Erzbistum Paderborn bemüht sich, den Priester zur Ehre der Altäre zu erheben: Seit 2014 läuft das römische Verfahren zur Seligsprechung. Wann es abgeschlossen sein wird, ist noch nicht abzusehen. Aber auch ohne diese formelle kirchliche Anerkennung: Ein Patron der deutsch-französischen Freundschaft und der europäischen Aussöhnung ist Franz Stock bereits heute, 70 Jahre nach seinem frühen Tod.

Von Felix Neumann