Erzbischof Stefan Heße bei der Herbstvollversammlung 2015 der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda.
Hamburgs Erzbischof über Missbrauch und die diözesane Finanzkrise

Heße: Macht muss kontrolliert und geteilt werden

Um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche künftig zu verhindern, will Hamburgs Erzbischof Stefan Heße Machtstrukturen aufbrechen. Im Interview spricht er über Wege aus der Krise, die angespannte Finanzlage seiner Diözese und seine Haltung in der Flüchtlingsfrage.

Von Michael Althaus (KNA) |  Hamburg - 08.02.2019

Frage: Herr Erzbischof, vor einem Jahr haben Sie entschieden, bis zu 8 der 21 katholischen Schulen in Hamburg zu schließen. Würden Sie nach den Protesten den Entschluss noch einmal treffen?

Heße: Das Erzbistum Hamburg ist finanziell in einer ganz schwierigen Situation. Die diözesanen Gremien haben den klaren Auftrag gegeben, zu handeln und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Deshalb würde ich diese Entscheidung so nochmals treffen, um für unser Erzbistum und unsere Institutionen auch zukünftig Handlungsmöglichkeiten zu erhalten. Aber ich würde sie im Vorfeld intensiver mit den Betroffenen besprechen und bei der Verkündung möglichst persönlich an den betroffenen Standorten sein.

Frage: Welche Lehren ziehen Sie aus den Ereignissen?

Heße: Ich sehe, dass viele Menschen enttäuscht und verletzt sind. Wir haben daher im vergangenen Jahr viele Gespräche auch mit den Betroffenen geführt und arbeiten weiter an einem stärkeren Miteinander. Bei allen Schwierigkeiten habe ich den Eindruck, dass sich mittlerweile ein Verständnis für die Sachlage entwickelt.

Frage: Sechs Schulen sollen definitiv geschlossen werden. Für zwei weitere suchen Sie noch Sponsoren. Wie zuversichtlich sind Sie, dass diese beiden Schulen erhalten bleiben?

Heße: Ich hoffe, dass wir es mit externer Hilfe schaffen und setze große Hoffnungen auf die Gespräche, die wir derzeit führen. Unser Ziel ist der Erhalt und die Weiterentwicklung der Katholischen Schule Harburg und der Katholischen Sophienschule in Barmbek. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir jeweils zweistellige Millionenbeträge zusammenbekommen müssen. Es gibt keine Garantie. Aber wir tun alles, um es zu schaffen.

Frage: Zurzeit werden auch alle Immobilien einer Prüfung unterzogen. Was ist hier zu erwarten?

Heße: Wir haben von Anfang an gesagt, wegen der prekären Haushaltslage alle Bereiche unseres Bistums anzuschauen. Dazu gehören Immobilien wie etwa Kirchen, Gemeinde- und Pfarrhäuser. Im ersten Schritt erfassen wir nur den Bestand von Gebäuden, deren Zustand und Betriebskosten. Parallel entwickelt eine Arbeitsgruppe Kriterien und Verfahren, wie wir künftig mit unseren Immobilien umgehen. Es geht also noch nicht um die Aufgabe einzelner Gebäude.

Frage: Sie schlagen vor, dass einzelne katholische und evangelische Gemeinden Gebäude gemeinsam nutzen. Glauben Sie, dass die Idee bei allen deutschen Bischöfen auf Gegenliebe stößt?

Heße: Die Situation in Deutschland ist so unterschiedlich, dass ich das nicht als Masterplan für alle Diözesen betrachte. Im Erzbistum Hamburg leben wir in einer extremen Diaspora. Finanziell können wir uns nicht mehr alles leisten. Das geht der evangelischen Kirche nicht anders. Daher müssen wir kreativ sein und Alternativen entwickeln. Im Kieler Stadtteil Mettenhof teilen sich schon seit 1980 eine katholische und evangelische Gemeinde die Kirche und das Gemeindezentrum.

Frage: Um die prekäre Haushaltslage im Erzbistum Hamburg zu verbessern, fordern Sie einen Finanzausgleich zwischen den Diözesen. Wird das Thema bei der Vollversammlung der deutschen Bischöfe im März?

Heße: Das Thema interdiözesaner Finanzausgleich ist in der Bischofskonferenz auf jeden Fall gesetzt. Von der Umsetzung sind wir aber noch weit entfernt. Zunächst müssen alle Bistümer ihre Finanzen nach Handelsgesetzbuch bilanzieren, um eine Vergleichbarkeit herzustellen. Erst dann können wir sehen, welche Diözesen wirklich reich oder arm sind.

Papst Franziskus im Vatikan.

Papst Franziskus hat die Bischöfe der Weltkirche vom 21. bis zum 24. Februar zu einem Missbrauchsgipfel in den Vatikan geladen.

Frage: In wenigen Tagen findet ein Missbrauchsgipfel mit Bischöfen aus aller Welt im Vatikan statt. Welche Erwartungen haben Sie?

Heße: Der Papst will den Missbrauch als weltweites Thema platzieren, bei dem alle handeln müssen. Damit setzt er einen wichtigen Impuls. In Deutschland haben wir bei Aufarbeitung und Prävention bereits hohe Standards entwickelt. Andere Regionen haben da noch Nachholbedarf.

Frage: Aber auch in der deutschen Kirche ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Wie sollte sie nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im vergangenen Jahr weiter damit umgehen?

Heße: Eine wichtige Erkenntnis ist, die Perspektive von Betroffenen einzubeziehen. Im Erzbistum Hamburg versuchen wir das konkret unter anderem mit einem Projekt der Aufarbeitung in Neubrandenburg, wo wir einen besonders schweren Fall haben. Zudem entwickeln wir Schutzkonzepte für unsere Gemeinden, Schulen und Orte der Jugendarbeit. Wir schauen, wo Strukturen Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch begünstigen.

Frage: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche", sagte kürzlich der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Stimmen Sie dem zu?

Heße: (zögert) Machtmissbrauch ist etwas, vor dem niemand gefeit ist. Im Evangelium steht der kluge Ratschlag Jesu: "Bei euch aber soll es nicht so sein." Es braucht Macht zur Ausübung von Leitung, aber sie muss kontrolliert und geteilt werden. Ich persönlich verstehe mich nicht als Bischof, der Entscheidungen im stillen Kämmerlein trifft, sondern im Diskurs mit anderen. Bei Finanzfragen etwa beziehe ich immer den kürzlich neu eingerichteten Wirtschaftsrat mit ein.

Frage: Aber Sie haben in vielen Fällen das letzte Wort.

Heße: Ja, das ist so. Aber ich setze auf weitergehende Beteiligung. Gut finde ich den Vorstoß von Kardinal Marx, in seinem Erzbistum München und Freising künftig Laien stärker in die Verwaltungsleitung einzubeziehen.

Frage: Sind Sie dafür, konkretes Versagen von früheren oder auch aktuellen Amtsträgern zu benennen - etwa im Falle von Ketten-Versetzungen von Missbrauchstätern?

Heße: Dort, wo die Verantwortlichkeiten klar sind, müssen wir dazu stehen. Das Erzbistum Köln will im Rahmen der Aufarbeitung auch die Rolle der früheren und heutigen Verantwortlichen, Personalchefs, Generalvikare und Bischöfe klären. Dazu gehöre ich auch. Damals haben wir im Kreis der Verantwortlichen versucht, alle Probleme gut zu bewältigen. Ob unser Handeln nach heutigen Maßstäben das beste war, wird sich zeigen.

Frage: Zur bevorstehenden Europawahl betont die Kirche ihren Einsatz für ein gemeinsames Europa. Warum ist den Bischöfen das so wichtig?

Heße: Im Erzbistum Hamburg haben wir gerade das Fest unseres Patrons, des heiligen Ansgars, gefeiert. Dabei ist mir noch einmal bewusst geworden, wie europäisch er und andere Heilige wie Bonifatius oder Liborius gedacht haben. Der christliche Glaube und das daraus abgeleitete Menschenbild sind wichtige Grundlagen Europas. Das müssen wir als Kirche deutlich machen.

Frage: Nagelprobe für ein gemeinsames Europa ist die Bewältigung der Flüchtlingskrise. Welche Vorschläge haben Sie als Flüchtlingsbischof für eine Reform des europäischen Asylsystems?

Heße: Die beiden globalen Pakte zu Flucht und Migration sind ein Schritt in die richtige Richtung. Die Abkommen gehen über Europa hinaus und machen deutlich, dass Migration kein lokales, sondern ein weltweites Thema ist. Nur alle Länder gemeinsam können das Problem lösen. Für Asylbewerber brauchen wir klare Verfahrenswege, bei denen die Rechte des einzelnen Menschen im Mittelpunkt stehen. Und wenn jemand nicht in einem Land bleiben kann, muss auch die Rückführung gut geregelt sein.

Von Michael Althaus (KNA)