Pater Ansgar Wucherpfennig im Portrait
katholisch.de-Interview mit Pater Ansgar Wucherpfennig

"Ich habe nicht widerrufen"

Es war eine monatelange Hängepartie, doch seit Donnerstag ist klar: Pater Ansgar Wucherpfennig darf Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen bleiben. Nach zähem Ringen erteilte der Vatikan doch noch die notwendige Unbedenklichkeitserklärung. Im Interview mit katholisch.de spricht Wucherpfennig über die schwierigen Wochen, die hinter ihm liegen, und schildert seine Sicht der Dinge.

Von Gabriele Höfling |  Frankfurt - 17.11.2018

Es hat Monate gedauert, doch seit Donnerstag hat Pater Ansgar Wucherpfennig das notwendige "Nihil obstat" – die päpstliche Lehrerlaubnis, die es ihm erlaubt, seine Tätigkeit als Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen fortzusetzen. Wucherpfennig war unter Druck geraten, weil der Vatikan sich daran gestört hatte, dass der Jesuit sich in einem Interview kritisch zum Umgang der Kirche mit Homosexuellen und Frauen geäußert und Segensfeiern für homosexuelle Partnerschaften befürwortet hatte. Wie Wucherpfennig selbst die vergangenen Wochen erlebt und was für Lehren er aus der Auseinandersetzung gezogen hat, erzählt er im Interview.

Frage: Pater Wucherpfennig, waren Sie überrascht über die Entscheidung aus dem Vatikan?

Wucherpfennig: Ja, schon. Es hatte sich zuletzt zwar abgezeichnet, aber als die Entscheidung am Donnerstag kam, fand ich das doch überraschend. Gestern Abend habe ich dann auch erst einmal Sekt besorgt, um anzustoßen.

Frage: Bevor das "Nihil obstat" kam, haben Sie dem Vatikan eine Erklärung abgegeben. Haben Sie widerrufen?

Wucherpfennig: Nein, ich habe nicht widerrufen. Meine Erklärung ging ja auch nicht an den Vatikan, sondern an den Generaloberen der Jesuiten, Arturo Sosa. Der hat es dann an den Vatikan gegeben. In dem Schreiben steht, dass ich zu der Frage der Frauenordination und der moralischen Beurteilung von Homosexualität die einschlägigen Lehrschreiben berücksichtige und diese korrekt und fair wiedergebe, dass ich aber auch meine eigenen Fragen dazu stelle und diskutiere. Außerdem habe ich – als Christ und Wissenschaftler – die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass sich die Lehre in diesen beiden Punkten ändern und weiten wird. Das, finde ich, ist kein Widerruf, sondern gehört zum Wissenschaftsgeschäft: Ich muss ja immer andere Meinungen zunächst korrekt darstellen, bevor ich sie in Frage stelle oder kritisiere.

Frage:  Hat denn jetzt ihr Ordensoberer Pater Sosa die Verantwortung für Ihre "Rechtgläubigkeit" übernommen, also sozusagen für Sie gebürgt, wie das vor einigen Wochen in Medien als mögliche Lösung dargestellt wurde?

Wucherpfennig: Nein, ich bin ein freier Christ und bürge für mich selbst. Meines Wissens war diese Option auch nie auf dem Tisch, das war wohl eine Fehlinformation. Der Generalobere Pater Sosa hat mir aber aufgetragen, zu den beiden Themen weiter zu forschen und dabei die kirchlichen Auffassungen in schöpferischer Treue zu entwickeln. Die Lösung ist also im Orden zustande gekommen in Verhandlung mit der Bischofs- und der Glaubenskongregation. Was dort genau besprochen wurde, weiß ich nicht. Es gab keine direkte Kommunikation zwischen mir und dem Vatikan. Das ist eine lange Kette: Ich kommuniziere mit dem deutschen Provinzial Pater Siebner, der kommuniziert mit dem Generaloberen und "Ordenschef" Pater Sosa, der mit der Bildungskongregation und die spricht sich mit der Glaubenskongregation ab.

Linktipp: Vatikan erteilt "Nihil obstat" für Ansgar Wucherpfennig

Ansgar Wucherpfennig darf nun doch Rektor der Jesuitenhochschule in Frankfurt bleiben: Nach langem Ringen hat ihm die vatikanische Bildungskongregation nun doch die kirchliche Unbedenklichkeitserklärung erteilt.

Frage: Was bedeutet das Ergebnis denn jetzt de facto: Haben Sie nachgegeben oder der Vatikan?

Wucherpfennig: Es ist eine gütliche Einigung und die Beteiligten haben Ihr Gesicht wahren können. Die Kritik aus dem Vatikan beruhte auf einem Interview von mir, das schon zwei Jahre zurückliegt. Man muss meines Erachtens schon einige Kunst aufbringen, um daraus die vorgebrachten Einwände bezüglich Frauenweihe und  einer zu liberalen Haltung gegenüber Homosexuellen herauszulesen. Die Frage ist also, ob die Einwände auf einer fairen Grundlage vorgetragen wurden. Aber ich habe sie respektiert und darauf reagiert. Aufgrund der Stellungnahme, die ich abgegeben habe, wurde dann diese Einigung gefunden. Beide Seiten sind aufeinander zugegangen.

Frage: Bei beiden Themen Frauenweihe und Segnung für Homosexuelle hatten Sie die Lehre kritisiert, jetzt sollen Sie Aufsätze im Sinne der Lehre schreiben – haben Sie dazu schon Pläne?

Wucherpfennig: Das ist noch zu früh. Ich wollte zu beiden Themenfeldern sowieso weiter arbeiten. Die Kirche ist dort – das zeigt auch die MHG-Studie – an einem "Point of no Return" angekommen. Es muss offen diskutiert werden können, ohne Tabus. Deswegen finde ich solche Forschung angesagt, um sich innerhalb der Kirche zu verständigen und nach vertretbaren und verantwortbaren Positionen zu suchen.
Homosexualität hängt für mich mit dem allgemeineren Thema "Identität und Sexualität" zusammen. Dazu will ich im nächsten Semester eine Vorlesung anbieten, weiter forschen und zum Beispiel die kritischen Stellen aus den Paulusbriefen in einer historisch-kritischen Exegese genauer ansehen. Dazu war ich auch angefragt worden, weil es dazu immer wieder Fragen im seelsorgerlichen Umgang mit der Bibel gibt. Das Thema "Diakonat für Frauen" hatte der Papst ja selbst angesprochen. Dazu lässt das Neue Testament für Frauen und Männer dann meines Erachtens eine größere Aufgabenvielfalt und ein größeres Spektrum an kerygmatischen und seelsorglichen Aufgaben vor, als es heute landläufig gedacht wird.  Auch das wollte ich dann besprechen. Ob ich dann einen Artikel schreibe oder ein Buch daraus wird, weiß ich noch nicht.

Frage: Sie haben gesagt, sie wollen die Lehre als Ordensmann und Priester vollständig und verständlich darlegen, sie als Wissenschaftler und Seelsorger aber wenn nötig weiter kritisieren. Lässt sich diese Aufteilung von verschiedenen Rollen in einer Person überhaupt durchhalten?

Wucherpfennig: Das glaube ich schon. Als Priester und Wissenschaftler habe ich vielfach mit Rollenkonflikten zu tun. Meine persönliche Einstellung gegenüber Homosexualität hat sich sehr geändert durch Freundschaften und seelsorgliche Gespräche. Und aufgrund dieser Erfahrungen lese ich jetzt die Bibel anders und verstehe das Lehramt anders. Trotzdem habe ich diese Rollen in mir zu vereinen: Wenn ich gefragt werde, was die offiziellen Positionen der katholischen Kirche zu diesem Thema sind, dann gebe ich eine faire Auskunft dazu. Selbst, wenn ich damit nicht einverstanden bin. Natürlich könnte dieser Spagat einmal so weit werden, dass es mich zerreißt. Aber ich empfinde eher, dass die verschiedenen Rollenerwartungen insgesamt eine interessante Spannung ergeben.

Frage: Gibt es eine Art Kulturwandel im Vatikan – wäre vor zehn, zwanzig Jahren schon vorstellbar gewesen, dass jemand so viel Unterstützung bekommt und Rom dann "nachgibt"?

Wucherpfennig: Einen Kulturwandel sehe ich noch nicht. Ich bin zutiefst dankbar, dass sich der Limburger Bischof Georg Bätzing und mein Provinzialoberer Pater Siebner klar und deutlich hinter mich gestellt haben. Auch die große Solidarität aus Kirche und Gesellschaft empfand ich schon als ein neues Phänomen. Was den Vatikan betrifft, frage ich mich zum Beispiel, warum der Amtseid, den Johannes Paul II. 1990 eingeführt hat, nicht aufgehoben werden kann. Er verpflichtet nicht nur auf das außerordentliche Lehramt – also die Äußerungen von Konzilien und Päpsten – sondern auch auf das sogenannte ordentliche Lehramt, also alle Schreiben, Enzykliken, Instruktionen der Kongregationen. Wenn der Vatikan das zurücknehmen würde,  würde ich von einem Kulturwandel sprechen. Es entspricht fairem wissenschaftlichen Arbeiten, solche Dokumente zu berücksichtigen, aber sie müssen nicht nochmal durch eine eidliche Versicherung für alle Forscher und Priester festgelegt werden. Zumal Jesus ohnehin nicht gewollt hat, dass Christen schwören: Unser Ja zur Kirche, soll ein wahrhaftiges Ja sein, das genügt.

Menschen stehen im Atrium des Hörsaalgebäudes der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt
Bild: © KNA

Menschen stehen im Atrium des Hörsaalgebäudes der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt

Frage: Wie steht die wissenschaftliche Theologie jetzt da?

Wucherpfennig: Die Theologie sehe ich grundsätzlich trotz allem gestärkt. Unter Papst Franziskus gab es eine neue Öffnung kirchlicher Diskurse. Die sehe ich aktuell wieder in Gefahr – es ist unklar, ob die römischen Kongregationen solche Diskurse weiter zulassen oder wieder "an die Leine nehmen". Und in dem Kontext finde ich die Entscheidung in meinem Fall sehr begrüßenswert. Denn sie geht in die Richtung, die Papst Franziskus offenbar will: Dass die Kirche weitergeht. Andererseits ist ja bekannt, dass zurzeit mehrere Verfahren von Theologen und Theologinnen anhängig sind. Bei mir ist es eben nur öffentlich geworden. Und ich hatte Glück: Es ging nicht um den Lehrentzug, sondern um die Ernennung zum Rektor einer Hochschule. Bei anderen hängen Berufsverbote daran.

Frage: Manche sagen auch, das ausbleibende "Nihil obstat" war nur ein Missverständnis...

Wucherpfennig: Das glaube ich nicht. Beim Thema Frauenordination – ich hatte ja nur den Diakonat angesprochen – und Homosexualität gehen bei den römischen Kongregationen einfach rote Ampeln an. Das muss nicht unbedingt bei jedem Mitarbeiter der Fall sein, aber immerhin doch bei einigen. Und deswegen hat das "Nihil obstat" so lange gedauert.

Frage: Wie haben Sie die vergangenen Monate persönlich erlebt?

Wucherpfennig (überlegt lange): Ich würde sagen: Ende gut, alles besser. Einige Wochen hat mich die "Nihil obstat"-Frage sehr belastet. Es war eine schwierige Zeit des ständigen Überlegens, wie es doch noch eine Lösung geben kann. Durch den Konflikt bin ich mir aber auch nochmal klarer darüber geworden, was ich als Aufgabe der Theologie für wichtig halte: junge Theologen so auszubilden, dass sie fähig sind, sich mit Fundamentalismus auseinandersetzen und mit totalitären Auffassungen. Die zurückliegenden Wochen waren nicht einfach. Die breite Solidarität war dafür ein großer Auftrieb. Jetzt bin ich froh, dass es weitergeht.

Von Gabriele Höfling