Frau auf dem Petersplatz
Warum Frauen vor dem Vatikan demonstrierten

Jugendsynode: Die Hälfte der Menschheit ist ohne Stimmrecht

Die Jugendsynode im Vatikan hat begonnen. Erstmals sind dabei auch zwei Laien stimmberechtigt. Es sind Männer. Dagegen hat Petra Dankova vor den Toren des Vatikans demonstriert. Sie tat es nicht, weil sie die katholische Kirche hasst, sondern weil sie sie liebt. Ein Gastbeitrag.

Von Petra Dankova (übersetzt von Gudrun Sailer) |  Vatikanstadt - 08.10.2018

Am vergangenen Mittwoch stand ich zusammen mit Frauen aus vier Kontinenten vor den Toren des Vatikans und rief: "Klopf, klopf! Wer ist denn da draußen? Mehr als die Hälfte der Welt!" Ich habe noch nie etwas Derartiges getan. Aber es fühlte sich an wie der beste Ort, an dem ich gerade sein konnte. Vorbei kamen Kardinäle, Bischöfe und einige Laien, die an der Jugendsynode teilnehmen. Nur etwa zehn Prozent der Laien waren Frauen. Keine von ihnen hat bei der Synode ein Stimmrecht.

Der Vatikan hat dieses globale Treffen der katholischen Kirche über ein Jahr lang intensiv vorbereitet. Das Thema Jugend wurde gewählt, weil es entscheidend ist für die Zukunft der Kirche in einer sich verschärfenden Krise. Vor der Synode bat Papst Franziskus junge Menschen, ihre Hoffnungen und Schwierigkeiten frei heraus zu sagen. Die Vorsynode im März mit über 300 Teilnehmenden, jungen Frauen und Männern aus der ganzen Welt, zeigte deutlich, dass die Stellung junger Frauen in der katholischen Kirche nicht mehr mit der Stellung und den Bestrebungen junger Frauen in vielen Gesellschaften übereinstimmt. Die Jugendlichen schrieben: "Eine verbreitete Wahrnehmung vieler junger Menschen ist eine unklare Rolle der Frauen in der Kirche. Ist es schon für junge Menschen schwierig, ein Gefühl für Zugehörigkeit und Verantwortung in der Kirche zu entwickeln, dann ist es für junge Frauen noch viel schwieriger."

Erstmals dürfen Laien abstimmen - aber nur männliche

So war es dann ein schwerer Schlag, als Mitte September die Namen der Teilnehmer veröffentlicht wurden: Von neuem werden bei der Synode ausschließlich Männer abstimmen. Bis in die letzten Tage vor der Synode hatten viele Vatikanbeobachter noch Hoffnung, dass eine Frau als stimmberechtigtes Mitglied ernannt wird. Sie hatten einen guten Grund für diese Hoffnung: Neben den traditionell stimmberechtigten Kardinälen, Bischöfen und Priestern hatte der Papst zwei männliche Laien, nicht geweihte Ordensbrüder, als stimmberechtigte Vertreter der Ordensgemeinschaften der Männer akzeptiert. Das schuf einen Präzedenzfall: Die Priesterweihe war keine Voraussetzung mehr für das Stimmrecht. Dann würden wohl auch zumindest einige Ordensschwestern das Stimmrecht erhalten - genau wie die Ordensbrüder?

Petra Dankova
Bild: © Privat

Petra Dankova gehört der internationalen katholischen Fraueninitiative "Voices of Faith" an und ist lehrbeauftragte für Sozialarbeit an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt.

Diese Hoffnungen wurden vor einer Woche zunichte, als der Untersekretär der Synode, Bischof Fabio Fabene, auf die entsprechende Frage eines Journalisten antwortete: "Frauen sind bereits als Beobachterinnen anwesend und nehmen an der Synodenversammlung und den Kleingruppen teil, und sie haben ein Rederecht."

Ich war sprachlos, als ich das las. Meine Organisation, "Voices of Faith", setzt sich für die Gleichstellung der Frauen bei der Entscheidungsfindung in der Kirche ein. Hier gab es eine konkrete Gelegenheit, bei der keine lehrmäßigen Fragen im Weg standen - und wir bekamen zu hören, wir sollten froh sein, sprechen zu dürfen?

Frauen von Mitte 20 bis 70 demonstrierten

Viele andere gläubige Frauen, denen die katholische Kirche ein Anliegen ist, fühlten wie ich. So entwickelte sich eine Protestkampagne. Auf Facebook startete die Konferenz für Frauenweihe ("Women´s Ordination Conference") eine Aktion mit einem einfachen Schild, auf dem steht: "Votes for Catholic Women" (Stimmrecht für katholische Frauen). "Voices of Faith" zog mit – und bald waren es mehrere Organisationen und viele einzelne Frauen und Männer in verschiedenen Ländern, die sich unter Nutzung des Hashtags #Votesforcatholicwomen anschlossen.

Am Mittwoch – zum Synodenbeginn – stand schließlich eine Gruppe von uns auf dem Petersplatz in Rom. Ich war in guter Gesellschaft. Da waren Frauen aus Polen, Südafrika, Indien, den USA und vielen anderen Ländern; da waren Frauen, die sich leidenschaftlich für die Erweiterung der Rolle der Laien einsetzen und solche, die für Frauenweihe kämpfen; da waren Theologinnen, Schriftstellerinnen, Frauen, die in sozialen Diensten tätig sind; Frauen Mitte 20 und Frauen mit 60 oder 70 Jahren. Was viele von uns gemeinsam hatten, war, dass wir noch nie etwas Derartiges getan haben. Wir beteten zwei "Gegrüßet seist du Maria" für die Kirche, zu denen der Papst kürzlich alle Gläubigen eingeladen hatte, und dann haben wir gesungen: "Papst Franziskus, lass die Frauen wählen."

Touristen blieben neugierig stehen, als unsere Stimmen über den Platz drangen. Zwei irische Bischöfe erkannten eine von uns und kamen herüber, um uns zu begrüßen. Nach einer Viertelstunde friedlichem Singen traten Polizisten in Zivil in unseren Kreis ein. Ich werde nie vergessen, wie einer von ihnen aus nächster Nähe einer jungen Frau ins Gesicht schrie: "Stille! Stille!"

Wir können nicht schweigen

Nein, wir hatten genug Stille. Es gibt Schweigen über den Zweite-Klasse-Status der Frauen, Schweigen über sexuellen Missbrauch in der Kirche, Schweigen über die Ausgrenzung von Menschen, die in der Frage, wer als Familie zählt, nicht in den engen Horizont der offiziellen Lehre der Kirche passen. Es dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde, und wir sangen wieder, trotz der Befehle, still zu sein: "Klopf, klopf! Wer ist denn da draußen? Mehr als die Hälfte der Welt!"

Wir können nicht schweigen – nicht, weil wir die Kirche hassen, sondern weil wir sie weiterhin lieben. Die Kirche kann die gute Nachricht vom christlichen Glauben nur verbreiten, wenn sie lebt, was sie predigt - Gleichheit, Inklusivität, Würde. Als Konvertitin, die als Atheistin aufgewachsen ist, setze ich mich leidenschaftlich für diese Kirche ein und möchte, dass sie gedeiht und ihre prophetische Mission erfüllt.

Ein Stimmrecht für katholische Frauen auf der Synode wird nicht alle dringenden Probleme der Kirche lösen. Aber es wäre ein wichtiges Zeichen in schwierigen Zeiten, dass den vielversprechenden Worten von Papst Franziskus, der mehr Frauen in den Entscheidungsprozessen der Kirche einbinden möchte, echte Veränderungen folgen. Wenn wir die katholische Kirche erneuern wollen, sind Frauen zentral und nicht optional. Unser Schweigen ist nicht mehr selbstverständlich.

Von Petra Dankova (übersetzt von Gudrun Sailer)