Pilger an dem Ort der Marienerscheinung in Medjugorje.
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Manfred Hauke über angebliche Marienerscheinungen

Mariologe kritisiert vatikanischen Umgang mit Medjugorje

Im Umgang mit den angeblichen Erscheinungen im bosnisch-herzegowinischen Medjugorje macht der Vatikan nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie einen schweren Fehler.

Bonn - 06.08.2018

Der Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie, Manfred Hauke, hat den Umgang des Vatikans mit den angeblichen Marienerscheinungen von Medjugorje kritisiert. Der Vatikan müsste sich zunächst zur Echtheit des Phänomens selbst äußern, bevor er sich um die Seelsorge für die Pilger vor Ort kümmere. "Zuerst muss die Frage der Echtheit gestellt werden, erst dann kann die pastorale Antwort erfolgen", sagte der deutsche Dogmatik-Professor im Gespräch mit der Zeitung "Die Tagespost". Die "Trennung von Wahrheit der Botschaften und Seelsorge", wie sie der Vatikan derzeit im Umgang mit Medjugorje praktiziere, könne nicht befriedigen, so der im schweizerischen Lugano lehrende Hauke. Die "pastoralen Fragen" würden sich "nach einer Enthüllung der zugrunde liegenden Fakten und Skandale wahrscheinlich nach und nach von selbst lösen".

Papst Franziskus hatte den polnischen Erzbischof Henryk Hoser bereits im Februar 2017 zum Sondergesandten für Medjugorje ernannt und im Mai desselben Jahres zum Apostolischer Visitator. Sein Mandat umfasste allerdings nur die Prüfung des Pilgerwesens in dem Wallfahrtsort, kein Urteil über die Echtheit der Erscheinungen.

Weiter hielt Hauke dem Vatikan in dem Interview vor, einen "Mantel des Schweigens" über die sittlichen Skandale ausgebreitet zu haben, die mit den "Erscheinungen" in dem bosnisch-herzegowinischen Wallfahrtsort verbunden seien. "Diese skandalösen Tatsachen sind durchaus vergleichbar mit den Missbräuchen in Chile: Der Heilige Stuhl griff erst dann ein, als die Wahrheit nicht mehr zu verbergen war, weil die nichtkirchliche Presse auf Weltebene Interesse zeigte", so der Theologe. Er forderte vom Vatikan Mut zur Aufdeckung zahlreicher für die Kirche unbequemer Tatsachen. Auf welche Skandale sich Hauke hierbei konkret bezog, blieb offen.

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Manfred Hauke ist Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät von Lugano, Schweiz, und Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie.

Hauke kritisierte zudem ein kirchliches Jugendfestival in Medjugorje, das am Sonntag vom vatikanischen Botschafter in Bosnien-Herzegowina, Erzbischof Luigi Pezzuto, und dem von Papst Franziskus ernannten Apostolischen Visitator für  Medjugorje, Erzbischof Henryk Hoser, eröffnet worden war. Laut dem Zweiten Vatikanischen Konzil sollten nur jene Formen der Marienverehrung gefördert werden, die "vom Lehramt empfohlen wurden", so der Theologe. "Dazu gehört zweifellos nicht, am kommenden 5. August wiederum ein Jugendfestival zu feiern, das sich auf die Botschaft beruft, die Gottesmutter habe am 5. August 1984 ihren 2000. Geburtstag gefeiert."

Sind die Erscheinungen echt?

Benedikt XVI. (2005-2013) hatte 2010 eine Kommission unter Leitung des italienischen Kardinals Camillo Ruini eingesetzt, um den übernatürlichen Charakter der Ereignisse von Medjugorje zu klären. 2014 legte der Ausschuss seine Ergebnisse der vatikanischen Glaubenskongregation vor. Anschließend wurden sie dem Staatssekretariat übergeben.

Laut einem Medienbericht soll die Mehrheit der Kommissionsmitglieder die ersten sieben Erscheinungen, die sich zwischen dem 24. Juni und dem 3. Juli 1981 ereigneten, als authentisch eingestuft haben. Mehrheitlich Zweifel gab es laut dem Bericht über das noch unveröffentlichte Dossier an den folgenden rund 42.000 Visionen von Ende 1981 bis heute. Erstmals hatten drei - mittlerweile erwachsene - Hirtenkinder von Erscheinungen der Gottesmutter berichtet. Ein päpstliches Urteil über die Echtheit der Erscheinungen von Medjugorje steht immer noch aus.

Jährlich besuchen rund 2,5 Millionen Gläubige aus aller Welt Medjugorje. Offizielle Wallfahrten von Bistümer und Pfarreien sind eigentlich ohne die Anerkennung durch den Papst nicht möglich. Allerdings haben schon Kardinäle, Bischöfe und Tausende Priester Gläubige dorthin begleitet. (tja)