Eine Regenbogenfahne, auf der das Wort Frieden in verschiedenen Sprachen geschrieben ist, weht im Wind.
Serie: Propheten im Alten Testament

Micha, der Prophet der Pazifisten

Mit dem Appell "Schwerter zu Pflugscharen" ist der Prophet Micha zum Stichwortgeber der deutschen Friedensbewegung geworden. Doch das gleichnamige Buch im Alten Testament ist auch für die Geburt Jesu wichtig.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn/Jerusalem - 15.08.2018

"Mein Volk", so bezeichnet am Anfang des Buches Micha weder Gott noch ein König das Volk Israel, sondern der diesem Buch seinen Namen gebende Prophet. Micha aus Moreschet, einer 35 km südwestlich von Jerusalem gelegenen Siedlung, ergriff die Stimme für die kleinen Bauern fernab von den Machtzentren. Er droht den ungerechten Herrschaftseliten. Er verurteilt die Habgier der anderen Propheten. Er wehrt sich gegen die Großgrundbesitzer, die die Kleinbauern ausbeuten. Er kämpft für die Durchsetzung des Rechts im Alltag und für das schonungslose Aufdecken von Rechtsbrüchen. Wenn er von "meinem Volk" spricht, dann bezeichnet er damit nicht die Großgrundbesitzer, die als Feinde "meines Volkes" auftreten (Micha 2,8), noch die Politiker, die das Fleisch "meines Volkes" fressen (Micha 3,3), noch die anderen Propheten, die "mein Volk" verführen (Micha 3,5).

In den ersten drei Kapiteln spricht ein Dissident, dessen Worte nicht nur eine geistige, sondern auch eine politische Sprengkraft besitzen. Die unerbittliche Härte seiner Anklagen mündet in der Ankündigung von Unheil: "Darum wird um euretwegen Zion zum Acker, den man umpflügt. Jerusalem wird zu einem Trümmerhaufen, der Tempelberg zu überwucherten Höhen." (Micha 3,12).

Die goldene Kuppel des Felsendoms ist ein bekanntes Wahrzeichen Jerusalems. Er ist der älteste monumentale Sakralbau des Islams (etwa um 700 n. Chr.) und steht auf dem Tempelberg im südöstlichen Teil der Altstadt.

Gemäß der Überschrift des Buches soll er als Prophet in der Zeit von 759-697 v. Chr. gewirkt haben. Im ersten Kapitel findet sich die Ankündigung der Belagerung und Zerstörung Samarias, der Hauptstadt des Nordreiches (Micha 1,5-6), die sich 724-722 v.Chr. ereignete. 701. v. Chr. folgte der Vormarsch der Assyrer auf Jerusalem, der in Micha 1,8-16 beklagt wird. Jerusalem selbst wurde erst 586 v. Chr. von den Babyloniern erobert.

Nicht nur Unheilsprophet

Der von Micha verkündete Untergang traf somit erst lange nach seinem Tod ein. Das Buch Jeremia erzählt davon, dass ein Jahrhundert nach dem Wirken Michas dieser als Unheilsprophet bei den Ältesten Israels noch bekannt war. Als das Volk für Jeremia die Todesstrafe aufgrund seiner Ankündigung der Zerstörung des Tempels forderte, zitierten sie Michas Ankündigung der Zerstörung Jerusalems (Micha 3,12) und fragten die blutfordernde Menge: "Haben ihn etwa Hiskija, der König von Juda, und ganz Juda hingerichtet? Hat er nicht Gott gefürchtet und das Angesicht des Herrn besänftigt, sodass den Herrn das Unheil reute, das er ihnen angedroht hatte?" (Jeremia 26,19). Micha habe durch die Verkündigung des Unheils Reue und damit Heil bewirkt.

Im Buch folgt auf die Ankündigung des Unheils die Verheißung des Heils. Bereits in den düsteren Worten der ersten drei Kapitel wird die Sammlung der Verbannten und Vertriebenen angekündigt: "Sammeln, ja sammeln werde ich dich Jakob, insgesamt. Zusammenbringen, ja, zusammenbringen werde ich den Rest Israel." (Micha 2,12). In der angekündigten Zerstörung Jerusalems gibt es keinen Unterschied zwischen Gerechten und Ungerechten. Doch zugleich drängt die Verurteilung der Unterdrücker des Volkes zur Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Diese Thematik nehmen die folgenden Kapitel auf (Micha 4-5). Die Zerstörung Jerusalems ist vorausgesetzt, aber sie bedeutet nicht das Ende des Weges Gottes mit seinem Volk. Für den "Rest Israels" gibt es vielmehr eine Zukunft mit Gott in Jerusalem, die in den Worten Gottes im Hier und Jetzt beginnt: "Ich mache das Hinkende zum Rest und das Erschöpfte zu einem mächtigen Volk. Und der Herr ist ihr König auf dem Berg Zion von jetzt an und ewig." (Micha 4,7).

Die drei Könige aus dem Morgenland huldigen dem Jesuskind; über ihnen leuchtet der Stern von Bethlehem.

Die Erhöhung des Tempelbergs als Zentrum der Welt wird erwartet, zu dem die Völker wallfahrten und wo die feindlichen Nationen vernichtend geschlagen werden. Jerusalem wird zum Ort der Hoffnung auf einen neuen davidischen Herrscher. Diese Verheißung widerspricht im Exil dem Herrschaftsanspruch der Babylonier und dem Weltbild des persischen Reiches, dessen Provinz Juda nach dem Exil wurde.

Micha und die Geburt Jesu

Hunderte Jahre später noch zeigt der Autor des Evangeliums nach Matthäus, dass das Buch Micha Oppositionsliteratur ist. Als die Sterndeuter zu König Herodes kamen und ihm die Geburt Jesu als Geburt des neuen "Königs der Juden" verkündeten, erschrak er und die Schriftgelehrten verwiesen ihn auf das in Micha 5,1-3 angekündigte Heil: ein von Gott vorherbestimmter davidischer König wird in Betlehem geboren werden und Israel Frieden bringen. Die Ankündigung eines Heilsherrschers bedeutet Unheil für die amtierenden Herrschenden.

Doch das Buch Micha führt nicht nur durch das Unheil zum Heil, sondern warnt auch vor dem Unheil im Heil. Der dritte Teil des Buches Micha (6,1-7,7) zeigt die Möglichkeit eines Neuanfangs für das Gottesvolk auf, aber verweist zugleich darauf, dass diese Hoffnung aufgrund der Korruption in Jerusalem direkt wieder erstickt. Wenn das Recht nicht getan, Güte gegenüber dem Anderen nicht gelebt wird und die Wege Gottes nicht befolgt werden – wenn also Menschen- und Gottesliebe fehlen (Micha 6,8) –, dann bricht alle öffentliche und soziale Ordnung zusammen. Ein Neuanfang im Heil ist somit nur möglich, wenn das Unheil Israels dem Volk zur Lehre geworden ist.

Linktipp: Amos: Eine düstere und harte Gerichtsprophetie

Als Amos sein Prophetenbuch schreibt, geht es dem Land gut. Nach außen herrscht Friede und nach innen Wohlstand. Doch in dieser Situation tun sich soziale Abgründe auf: Bestechung, Ausbeutung, sexuelle Unterdrückung. So ruft der Prophet Amos zu einer Revolution.

Am Ende kulminiert die Lehre des Buches Micha im Gebet der Gemeinde Zions. Nun redet weder der Prophet noch Gott, sondern ein "Wir", das seine Schuld bekennt, Gott um Hilfe bittet, auf die Wiedererrichtung der staatlichen Selbstherrschaft hofft und Gottes Vergebungsbereitschaft preist. Am Anfang des Buches verkündet Micha das Kommen Gottes zum Gericht über die Verfehlungen und Schuld seines Volkes. Und am Ende, nach dem Exil, ist sich Israel bewusst, dass Heil nur in Gott zu finden ist, der sich an die Erniedrigten und Schwachen gebunden hat (Micha 7,8-9). Nur im Vertrauen auf ihn gibt es eine Zukunft für das übriggebliebene Israel: "Wer ist wie du, der Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Erbteils." (Micha 7,18)

Sein Name ist Programm

Der Name des Propheten Micha bedeutet ins Deutsche übersetzt: "Wer ist wie JHWH?". Für Micha und die hinter seinem Buch stehenden Nachfolger ist dies eine rhetorische Frage. Gott und seine Rechtsordnung sind mächtiger als alle Interessen eines Staates oder der Reichen. Die von ihm verlangte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist von Menschenliebe und Gottesliebe geprägt. Gott führt sein Volk – wenn nötig immer wieder – durch das Unheil zum Heil, von den Katastrophen des 8. Jahrhunderts zur endzeitlichen Erlösung. Bis es am Ende der Tage geschehen wird, dass die Völker zum Zion strömen und sagen werden: "Auf wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des Herrn von Jerusalem." (Micha 4,2)   

Von Till Magnus Steiner