Neuer Dokumentarfilm: Benedikt XVI. – ein Gescheiterter?
Bild: © KNA
Film "Verteidiger des Glaubens" über Joseph Ratzinger feiert Premiere

Neuer Dokumentarfilm: Benedikt XVI. – ein Gescheiterter?

Ein neuer Dokumentarfilm beleuchtet das Leben von Benedikt XVI. und zieht eine kritische Bilanz. Die These des Films: Obwohl Benedikt XVI. versucht habe, die Kirche und ihre Werte zu beschützen, habe er maßgeblichen Anteil daran, dass sie heute in ihrer wohl schwersten Krise stecke. Eine Filmkritik.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 14.05.2019

Als Benedikt XVI. Mitte April einen Aufsatz zur Kirchenkrise und ihren vermeintlichen Ursachen veröffentlichte, erntete der emeritierte Papst dafür überwiegend negative Reaktionen. Nicht so bei Christoph Röhl. Der Regisseur war im Gegenteil ziemlich erfreut über die Wortmeldung Benedikts – zumindest über die Veröffentlichung an sich. Denn eine bessere Werbung für seinen neuen Dokumentarfilm über das ehemalige Kirchenoberhaupt hätte sich Röhl wohl kaum wünschen können.

Fünf Jahre lang hat der britisch-deutsche Regisseur an dem Film "Verteidiger des Glaubens" gearbeitet. An diesem Dienstag nun wird das Werk, das katholisch.de vorab als erstes Medium in der finalen Fassung sehen konnte, auf dem Dokumentarfilmfestival DOK.fest in München uraufgeführt.

Papstporträt und kirchliche Zustandsbeschreibung

Der 90-minütige Film zeichnet überwiegend chronologisch den Lebensweg von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. nach – von dessen Priesterweihe im Jahr 1951 über seine Zeit als Theologieprofessor und Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation bis hin zum überraschenden Rücktritt vom Papstamt im Jahr 2013. Gleichzeitig ist der Film aber auch eine Art Bestandsaufnahme des aktuellen Zustands der katholischen Kirche nach den zahlreichen Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahre.

Benedikt XVI.: Wir waren Papst

Joseph Ratzinger war als Papst Benedikt XVI. acht Jahre lang das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Katholisch.de blickt in einem Dossier auf das Pontifikat des "deutschen Papstes" zurück.

Die zentrale These des Films: Obwohl Benedikt XVI. sein Leben lang versucht hat, die Kirche und ihre Werte vor der modernen Welt zu beschützen, hat er maßgeblichen Anteil daran, dass die Kirche heute in der wohl schwersten Krise ihrer Geschichte steckt. Um diese Sichtweise zu untermauern, orientiert sich Röhl an vielen bekannten Erzählungen über den Werdegang Joseph Ratzingers. So fehlt zum Beispiel nicht das oft zitierte "68er-Trauma", das Ratzinger nach Meinung vieler Beobachter als Professor in Tübingen erlitten hat und das aus dem einst fortschrittlich denkenden Theologen einen erzkonservativen Bewahrer der reinen katholischen Lehre gemacht habe.

Der Film zeichnet mit zunehmender Dauer das Bild eines Gescheiterten – vor allem, was den Umgang Benedikts XVI. mit den Missbrauchsfällen in der Kirche angeht. Großen Raum nimmt in diesem Zusammenhang der Fall der "Legionäre Christi" und ihres schillernden Gründers Marcial Maciel ein. Maciel hatte in der Gemeinschaft über Jahrzehnte ein System von Lügen und Missbrauch etabliert und – obwohl er öffentlich für den Zölibat eintrat – mehrere Kinder gezeugt. Der Film wirft dem Vatikan und Benedikt XVI. vor, trotz umfassender Kenntnisse über Maciel nicht genug gegen den Ordensmann unternommen zu haben – auch weil führende Kurienkardinäle finanzielle Zuwendungen von den Legionären erhalten hätten.

Ernüchternder Blick auf das Benedikt-Pontifikat

Doch auch darüber hinaus malt der Film Benedikts Bilanz als Papst in düsteren Farben: Der Missbrauch in den USA, Irland und Deutschland – hier vor allem bei den lange Jahre von Benedikts Bruder Georg Ratzinger geleiteten Regensburger Domspatzen –, die "Vatileaks"-Affäre um gestohlene Dokumente und Korruption im Kirchenstaat sowie der Finanzskandal um Benedikts Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone – Röhls Bilanz der Benedikt-Jahre beschränkt sich auf Ernüchterndes.

Passend zu diesem negativen Blick sind auch die Protagonisten gewählt. Zwar konnte Röhl mit Kurienerzbischof Georg Gänswein und dem maltesischen Erzbischof Charles Scicluna – einem ehemaligen Mitarbeiter Ratzingers in der Glaubenskongregation – für seinen Film auch zwei wichtige Vertraute Benedikts interviewen. Die Bewertung von dessen Leben überlässt der Regisseur aber überwiegend kritischeren Stimmen – etwa dem Jesuiten Klaus Mertes, dem amerikanischen Kirchenrechtler Thomas Doyle und dem vom Vatikan gemaßregelten irischen Priester Tony Flannery. Mertes etwa sieht Benedikts Rücktritt im Jahr 2013 nicht nur als persönliches Scheitern, sondern als "Scheitern einer Ära".

Regisseur Christoph Röhl.

Röhl, der atheistisch erzogen wurde und in seinem Leben – jedenfalls aus religiösen Gründen – nur wenige Kirchen von innen gesehen hat, kam über seinen Dokumentarfilm über den Missbrauch an der Odenwaldschule erstmals auch mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Berührung. Danach habe er viel über das "System Kirche" und den kirchlichen Machtmissbrauch gelesen. Gleichzeitig habe er sich erstmals näher mit der Person Joseph Ratzinger beschäftigt. "Ich habe schnell gemerkt, dass man anhand seiner Person, seiner Ansichten, seiner Gesten zeigen kann, wie diese Kirche denkt", so Röhl vor wenigen Tagen in einem Interview.

Professionell produzierter Film mit starken Bildern

Röhl konnte für seinen Film – trotz einer zwischenzeitlich wackligen Finanzierung – offenkundig aus dem Vollen schöpfen. Das zeigt sich etwa am umfangreich verwendeten Archivmaterial mit historischen Filmaufnahmen von Joseph Ratzingers Priesterweihe und des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Auch die Drehorte, die den Regisseur in den vergangenen Jahren unter anderem in den Vatikan, Benedikts bayerische Heimat, die USA und Irland geführt haben, sind imposant. Entstanden ist ein professionell gemachter Film mit vielen starken Bildern und interessanten Interviewpartnern, die mit ihrer Meinung über das emeritierte Kirchenoberhaupt nicht hinter dem Berg halten.

Trotz der spürbaren Voreingenommenheit gegenüber Benedikt XVI. und einiger allzu küchenpsychologisch daherkommender Deutungsversuche des Handelns des deutschen Papstes ist Röhls Film insgesamt durchaus sehenswert. Gerade Zuschauern, die bislang nur wenig mit Benedikts Leben und Wirken vertraut sind, kann der Film einen ersten Zugang in die Thematik ermöglichen. Für in der Kirche beheimatete Katholiken, die das Pontifikat des inzwischen 92-Jährigen und die Probleme jener Jahre aus größerer Nähe miterlebt haben, bietet der Film dagegen nur wenig neue Erkenntnisse. Ob die vom Regisseur erhoffte tiefere Auseinandersetzung mit dem Benedikt-Pontifikat auch jenseits der üblichen innerkirchlichen Zirkel Wirklichkeit wird, wird sich aber erst zeigen, wenn der Film im Herbst in die Kinos kommt.

Von Steffen Zimmermann