Eine Frau nimmt einen Organspendeausweis aus ihrem Portemonnaie.
Zum "Tag der Organspende" werden verschiedene Modelle diskutiert

Organspende: Neue Debatte über "Widerspruchslösung"

Am Tag der Organspende wird erneut die sogenannte Widerspruchslösung diskutiert. Gesundheitsminister Spahn will die Bereitschaft zur Organspende steigern, Mediziner und Krankenkassen auch. Die Kirche pocht auf Freiwilligkeit.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 02.06.2018

Am ersten Samstag im Juni – dem bundesweiten Tag der Organspende – wird wieder über die Regelungen in Deutschland zur Organentnahme nach dem Tod diskutiert. Denn wenn ein Mensch stirbt, kann er anderen das Leben als Organspender retten. Die meisten Deutschen finden das gut, trotzdem wird kaum einer Spender – und die Debatte berührt auch ethische Aspekte.

Mit einem Gesetzesvorstoß und einer breiten öffentlichen Debatte will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende steigern. Jeder sollte sich einmal im Leben der Thematik stellen und entscheiden, ob er im Todesfall Organe spenden würde, sagte Spahn am Freitag in Kiel. Dies sei man den derzeit rund 10.000 Patienten schuldig, die in Deutschland auf den Wartelisten für eine Transplantation stünden. Rund 40 Prozent der Deutschen haben dem Minister zufolge einen Organspender-Ausweis, 84 Prozent begrüßen Umfragen zufolge die Option im Grundsatz. "Also, da ist noch Potenzial", sagte Spahn.

Spahn kündigte an, nach der Sommerpause im September einen Gesetzesentwurf vorzulegen, um eine bessere finanzielle Ausstattung der Kliniken zu erreichen. "Ob ich darüber hinaus einen Vorschlag mache, das lasse ich mir noch offen bis September", sagte Spahn mit Blick auf die Diskussion über die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung oder einer verpflichtenden Entscheidungslösung. Diese hatte Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) zuletzt vorgeschlagen.

Patientenschützer und Kirche kritisieren Widerspruchslösung

Bislang muss sich niemand in Deutschland erklären, ob er zu einer Organspende bereit ist oder nicht. In Ländern wie Frankreich, Italien oder den Niederlanden gilt die Widerspruchslösung: Jeder Mensch ist danach Organspender, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit Blick auf die Diskussion über die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung oder einer verpflichtenden Entscheidungslösung: "Ob ich darüber hinaus einen Vorschlag mache, das lasse ich mir noch offen bis September".

Mediziner und Krankenkassen sprachen sich am Freitag für die Widerspruchslösung aus, um die Zahl der Organspender in Deutschland zu erhöhen. Demnach wäre grundsätzlich jeder Bundesbürger im Todesfall automatisch Organspender, sofern er dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hat.

Patientenschützer verwiesen dagegen auf verfassungsrechtliche Bedenken und die geltende Rechtslage. Demnach dürfen Organe im Todesfall nur dann entnommen werden, wenn der Betroffene dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat oder die Angehörigen dies nachträglich als Willen des Verstorbenen angeben.

Auch für die katholische Kirche in Deutschland ist eine Widerspruchsregelung bisher nicht akzeptabel: Nach ihrer Ansicht muss die Organspende eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben - sonst könne man nicht mehr von einer Spende sprechen. Der KKV-Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung warb für eine "Kultur der Organspende, wie wir sie aus anderen Ländern kennen". Dazu sei ein Spender-Ausweis grundsätzlich eine "gute Option".

Erinnerung an den Manipulationsskandal

Kritisch steht einer Widerspruchregelung auch Rudolf Henke gegenüber, der Vorsitzende der Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund. Das Transplantationswesen lebe vom Vertrauen der Menschen - und Henke glaubt nicht, dass das Vertrauen durch eine Widerspruchslösung gestärkt wird: "Es ist eher das Gegenteil zu befürchten." Man müsse mit den Leuten reden, sie überzeugen und die Organisation der Organtransplantation in den Kliniken verbessern.

Linktipp: "Ein zuverlässiges Kriterium"

Um Orientierung in der Debatte rund um Organspende und Hirntod zu bieten, hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Handreichung veröffentlicht. Darin betont sie, dass die Organspende ein "großherziger Akt der Nächstenliebe" sei. (Artikel aus dem Jahr 2015)

Massive Kritik übte die Deutsche Stiftung Patientenschutz. "Nach dem Manipulationsskandal 2012 und intensiven Diskussionen hat der Bundestag festgestellt, dass Schweigen keine Zustimmung ist", so Vorstand Eugen Brysch: "Damit war die Widerspruchslösung vom Tisch, die auch verfassungsrechtlich hoch bedenklich ist." Weiter nannte Brysch es "höchstgradig manipulativ, dass nun eine Krankenkasse mit einer Onlinebefragung die mehrheitliche Zustimmung der Deutschen zur Widerspruchslösung suggeriert. Schließlich wurde nicht die ganze Bevölkerung befragt, sondern nur die Barmer Versicherten, und darüber hinaus nur diejenigen, die online erreichbar sind."

Krankenkasse: Barmer-Versicherte für Widerspruchslösung

Die Krankenkasse Barmer veröffentlichte eine als repräsentativ bezeichnete Umfrage unter ihren eigenen Versicherten, in der sich 58 Prozent der Teilnehmer für eine Widerspruchslösung aussprachen. Zugleich stieg der Anteil der Barmer-Versicherten, die einen Spender-Ausweis besitzen, seit April 2017 von 30 auf 36 Prozent.

Die Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie forderte hingegen eine rasche Einführung der Widerspruchslösung. Zur Begründung verwiesen die Mediziner darauf, dass mehr als 14.000 Menschen in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan warteten; drei davon stürben täglich. "Während Patienten hierzulande durchschnittlich sechs Jahre auf eine Niere warten, sind es in Österreich nur 18 Monate und in Spanien sogar nur 12 Monate", hieß es. Österreich und Spanien gehören zu den 17 Ländern in Europa, in denen die Widerspruchslösung bereits gilt. (mit Material von dpa und KNA)

Von Agathe Lukassek