Prophetisch, pointiert, bisweilen populistisch
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Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach wird 80

Prophetisch, pointiert, bisweilen populistisch

Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach ist für seine andauernde Kritik an der Sozialpolitik und die linke Auslegung des Jesuitenseins bekannt. Heute wird der Pater 80 Jahre alt.

Von Felix Neumann |  Bonn - 15.07.2017

"Diese Wirtschaft tötet!" – das könnte ein Zitat von Friedhelm Hengsbach sein, eins, bei dem viele betreten zur Seite schauen. Natürlich, der Hengsbach wieder: Der Dauer-Kritiker der Sozialpolitik, der Linksausleger der Jesuiten, der im wissenschaftlichen Beirat der Globalisierungskritiker von Attac mitarbeitet, der Gewerkschaften berät, der für die Vermögenssteuer stritt.

"Diese Wirtschaft tötet!" – das ist aber ein Zitat eines Ordensbruders von Hengsbach. Papst Franziskus hat es geschrieben, in "Evangelii Gaudium", der ersten programmatischen Schrift seines Pontifikats. Nach all den Jahren der Opposition ist Hengsbach plötzlich im päpstlichen Mainstream angelangt. Unter Benedikt XVI. und Johannes Paul II. sah er eine "innerkirchliche Lähmung"; Franziskus, so erzählt er der Katholischen Nachrichten-Agentur, habe dagegen eine "Rebellion von oben" gestartet. Unkritisch steht Hengsbach dem Papst aber nicht gegenüber.

Unkritisch sein, das gehört so gar nicht zum Wesen des stetigen Mahners, der heute 80 Jahre alt wird. Für Hengsbach redet der Papst zu viel von Barmherzigkeit, wo er eigentlich von Gerechtigkeit reden sollte – auch innerhalb der Kirche brauche es gerechte Strukturen und nicht nur barmherzige Zuwendung. Bei Gerechtigkeitsfragen macht er keine halben Sachen; zum Engagement für Gerechtigkeit in der Welt gehört auch das für Gerechtigkeit in der Kirche. Zölibat, Frauenpriestertum, Sexualmoral: Hengsbach lässt keines der Reizthemen aus. Unglaubwürdig ist für ihn, wer wegsieht, wenn sich "im eigenen Laden ein Sumpf ungerechter Verhältnisse ausbreitet".

Linktipp: Zeitrebellen gesucht

Der Pater und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat ein Buch geschrieben, in dem er sich energisch gegen ein sich ständig erhöhendes Lebenstempo wendet. Im Interview verrät der Jesuit, wer aus seiner Sicht schuld ist an der Rastlosigkeit der Gesellschaft, warum Zeit so knapp ist und warum es dringend sogenannte Zeitrebellen braucht. (Artikel von Januar 2013)

Denn bei aller Kritik: Der "eigene Laden", das ist für Hengsbach von Anfang an die Kirche. Mit zwanzig Jahren trat er in den Jesuitenorden ein, heute lebt er in einer Kommunität des Ordens in Ludwigshafen, das Gebet in der Gemeinschaft ist ihm wichtig. Auf die bei den Jesuiten üblichen Studien der Philosophie und Theologie folgte ein Wirtschaftsstudium in Bochum. Widmete er sich 1976 in seiner Doktorarbeit noch der "Assoziierung afrikanischer Staaten an die EG", hatte er spätestens 1982 mit seiner Habilitationsschrift sein Thema gefunden: "Die Arbeit hat Vorrang", lautet der programmatische Titel. 1985 wird er auf den Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt berufen, wo zuvor sein Lehrer Oswald von Nell-Breuning, der Nestor der katholischen Sozialethik, lehrte. 1992, ein Jahr nach dessen Tod, wird er Gründungsdirektor des nach Nell-Breuning benannten Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.

Fundierte Kritik mit ethischem Fundament

Mit Nell-Breuning verbindet Hengsbach viel: das gesellschaftliche Engagement, das nicht ohne den Glauben auskommen kann, die Beschäftigung mit der Würde der Arbeit, die kritische Zeitgenossenschaft – aber auch die ernsthafte Beschäftigung mit den ökonomischen Grundlagen. Wohlfeiles Meinen und unfundierte Kritik ist ihre Sache nicht. "Normative Grundsätze können nicht gemolken werden, sondern sind nur als Spurensuche einer Antwort auf situative Herausforderungen hilfreich", schrieb Hengsbach einmal: Kritik ohne ein solides wirtschaftswissenschaftliches Fundament trägt nicht. Natürlich hat Hengsbach etwa klare ethische Kriterien, wie Geld anzulegen ist. "Ein christlicher Anleger muss im Zweifel dazu bereit sein, zugunsten seiner Überzeugungen auf höhere Renditen zu verzichten", sagt Hengsbach, der als Ordensmann nicht in die Verlegenheit kommt, eigenes Geld anlegen zu müssen. Aber wäre es so, dann auch mit finanziellem Sachverstand: "Natürlich würde ich meine Anlage so weit wie möglich über die verschiedenen Vermögensklassen streuen." Da redet einer, der seine Forderungen nicht nur ethisch begründen, sondern auch ökonomisch fundieren kann – immer wieder laden auch Unternehmen und Banken Hengsbach zu Vorträgen ein, nicht nur katholische Sozialverbände und Akademien.

2005 wurde Hengsbach emeritiert. Ruhestand bedeutet das für ihn aber nicht – erst recht nicht, als 2008 die internationale Finanzkrise ausbrach und Hengsbach sich wieder einmal auf der richtigen Seite der Geschichte fand: Davor hatte er immer gewarnt. Kapital als Selbstzweck, die Abkoppelung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft, ein Regelwerk ohne ethische Rückbindung. Typisch für seine Argumentation: Eine Individualisierung, eine Psychologisierung der Krise als Ergebnis der Gier von einzelnen greift für ihn zu kurz. "Wenn die Spielregeln unfair sind, kann von den Spielern nicht erwartet werden, dass sie sich tugendhaft oder heroisch verhalten", sagte er 2008 in einem der vielen Interviews, in denen er zur Krise befragt wurde.

Linktipp: Wider die Tyrannei der Beschleunigung

Wie kann der Mensch wieder Herr seiner Zeit werden? Darüber referierte der Jesuit und Gesellschaftsethiker Friedhelm Hengsbach anlässlich des "Jahr des Aufatmens" im Bistum Osnabrück. (Artikel von September 2015)

Hengsbachs Meinung ist gefragt: Pointiertes Formulieren gehört zu seinen Stärken. Er, der aus dem Stand komplizierte volkswirtschaftliche Zusammenhänge referieren kann, hält viel von einer plastischen, verständlichen Sprache, die je nach Empfänger mal prophetisch, mal populistisch klingen kann. "Eine Wirtschaft, die dem Geld absolute Macht einräumt und so viele Menschen zu Abfall macht, die ist nicht gerecht", ist so ein typischer Hengsbach-Satz. Kein Wunder, dass er 2009 in die Jury für das "Unwort des Jahres" berufen wurde. Dass "betriebsratsverseucht" das Rennen machte, dürfte wohl sein Verdienst sein.

Gegen ein Europa unter deutscher Führung

Heute widmet sich Hengsbach vor allem Europa. Gerade ist sein jüngstes Buch erschienen: "Was ist los mit dir, Europa?", fragt er. Er greift damit die Frage auf, die Papst Franziskus anlässlich der Verleihung des Karlspreises stellte. Dass Europa, wie Angela Merkel immer wieder betont, keine "Sozialunion" sei, davon will Hengsbach nichts hören. Er betont dagegen, dass in den europäischen Verträgen Solidarität und eine Angleichung der Lebensverhältnisse in den Mitgliedsländern als Ziele ausgegeben sind. Die EU braucht eine demokratische Verfassung, davon ist er überzeugt. Scharf kritisiert er den Kurs eines "Europas ungleicher Geschwindigkeiten" unter der Führung Deutschlands, "das dazu neigt, die politische Dimension der Union auf Wirtschaft, Geld und Waffen zu verkürzen".

Still ist Friedhelm Hengsbach also auch mit 80 nicht. Aber immerhin so staatstragend, dass ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Glückwunschschreiben schickt. "Ihr Blick gilt stets den Strukturen, die dazu führen, dass Menschen ins Abseits geraten und ihrer Würde beraubt werden", schreibt der Sozialdemokrat dem Sozialethiker. Eine Antwort des Geehrten ist noch nicht bekannt – es wird aber wohl nicht nur eine Dankeskarte sein. Hengsbach, der Kritiker der Hartz-Reformen, hat Steinmeier, dem Architekten der "Agenda 2010", wahrscheinlich noch einiges zu sagen.

Von Felix Neumann