"Schwarz bin ich und schön"
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Das Geheimnis der "Schwarzen Madonnen"

"Schwarz bin ich und schön"

Kerzenruß hält oft als Begründung her, warum eine Marienfigur zur "schwarzen Madonna" wurde. Aber das stimmt nicht immer: Die Geschichte dunkler Mariendarstellungen ist komplex und manchmal geheimnisvoll.

Von Johanna Heckeley |  Bonn - 05.10.2017

Dunkel, geheimnisvoll, mystisch – das ist die Beschreibung, die wohl den meisten zu "Schwarzen Madonnen" einfällt. Viele der großen Wallfahrtsorte Europas haben sich im Laufe der Jahrhunderte um diese Marienfiguren gebildet – etwa im bayerischen Altötting, im polnischen Tschenstochau oder in Einsiedeln in der Schweiz. Schwarze Madonnen haben eine lange Geschichte, um sie ranken sich viele Legenden und Ihnen wird meist eine besondere Wundertätigkeit zugeschrieben. Aber woher kommt ihre schwarze Farbe?

"Schwarze Madonna" – das können Marienfiguren oder –bilder sein, die meist die Muttergottes mit Jesuskind auf dem Arm oder auf dem Schoß sitzend darstellen. Sie alle eint eine dunkle oder sogar schwarze Hautfarbe – was zunächst einmal verwundert. Wird Maria nicht immer mit weißen Lilien verglichen, wird sie nicht die strahlende Himmelskönigin genannt? Woher kommt dann die dunkle Darstellung? Eine häufig angeführte Erklärung gerade bei Statuen ist, dass sie oder ihr ursprünglich heller Anstrich durch Umwelteinwirkungen, Kerzenrauch oder Ruß über die Jahre dunkel geworden sind.

Auch Päpste pilgern zu den Schwarzen Madonnen: Papst Franziskus betet während des Weltjugendtags 2016 vor dem Gnadenbild im polnischen Nationalheiligtum Tschenstochau

Etwa die Marienfigur in der Gnadenkapelle des Klosters Einsiedeln. Sie wurde Mitte des 15. Jahrhunderts aus Lindenholz geschnitzt. Ihr Gesicht, ihre Hände und das Jesuskind, das sie auf ihrem linken Arm trägt, waren ursprünglich farbig. Die Kerzen und Öllampen, die Gläubige in der kleinen Kapelle aufstellten, färbten die Oberfläche mit der Zeit schwarz. Bereits im 17. Jahrhundert wurde die Figur daher "Schwarze Madonna von Einsiedeln" genannt. Als die französischen Soldaten 1798 einmarschierten, brachten die Mönche die Madonna nach Österreich in Sicherheit. Vor ihrer Rückkehr 1803 nach Einsiedeln wurde sie restauriert – die schwarze Farbe verschwand, die Figur wurde wieder farbig bemalt. Doch das kam nicht gut an, sagte Pater Martin Werlen in seiner Predigt zum Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln vergangenen Juli: "Die Leute aber waren so gewohnt an das schwarze Bild. Und darum wurde es schwarz angemalt."

Eine andere Theorie ist, dass Künstler über die Jahrhunderte absichtlich dunkles Holz oder dunkle Farbe verwendeten, um Maria darzustellen. Zur Erklärung wird oft das Hohelied zitiert, das man nach dieser Auffassung auf die Muttergottes bezog und von dem man annahm, es rühme ihre Schönheit und Reinheit. Darin heißt es "schwarz bin ich und schön", oder in anderen Übersetzungen "braun bin ich, doch schön". In Frankreich entstanden viele Schwarze Madonnen zur Zeit der Kreuzzüge, was diese Theorie unterstützen würde: Das sei die Zeit gewesen, als Bernard von Clairvaux zahlreiche Kommentare zum Hohelied und zur Muttergottes schrieb, erklärt Michael Duricy, Koordinator des Akademischen Programms für das Internationale Marianische Forschungsinstitut an der Universität of Dayton, Ohio. "Es war außerdem bekannt, dass er verschiedene Schreine mit Schwarzen Madonnen besucht hat."

Wurden heidnische Darstellungen von Göttinnen übernommen?

Immer wieder wird auch die Theorie diskutiert, inwiefern die dunkle Darstellung Marias die Übernahme von ursprünglich heidnischen Bildmotiven sei. Antike Göttinnen wie die altägyptische Isis, die griechische Ceres beziehungsweise römische Demeter und die Artemis von Ephesos wurden häufig schwarz dargestellt. Wurden diese Bilder in den Anfängen des Christentums übernommen, sozusagen getauft, und fanden nun ihren Platz in der christlichen Verehrung? Duricy sieht in einem Brief von Papst Gregor dem Großen an seine Priester dafür einen Beleg. In dem Schreiben von 601 bekräftigt dieser, dass es notwendig sei, die üblichen Riten heidnischer Männer, Ochsen zu opfern, in einen christlichen Ritus umzuwandeln – ebenso wie deren Tempel in christliche Kirchen. "Wir könnten uns auch fragen, ob bei heidnischen Darstellungen von Mutter und Sohn überhaupt daran gedacht wurde, dass sie jemand anderen als die Jungfrau Maria und ihren Sohn Jesus darstellen könnten", führt Duricy weiter aus. Für Christen, für die Maria "die Frau" sei und das Kind Jesus das einzige, das besondere Aufmerksamkeit verdiene, wäre es nur natürlich gewesen, diese Vorstellung in jede Kunst, die sie sahen, hineinzulesen.

Linktipp: Die schwarze Madonna

Polen ist das "katholischste" Land Europas - und Tschenstochau sein absolutes Zentrum. Der Wallfahrtsort ist jährlich Ziel von Millionen Pilgern aus aller Welt. Ihr Ziel: Die Schwarze Madonna. (Artikel von Januar 2015)

Von diesen geschichtlichen Hintergründen abgesehen sind "Schwarze Madonnen" auch in zeitgenössischen Mariendarstellungen von Künstlern mit meist afro-amerikanischem, afrikanischem oder lateinamerikanischem Hintergrund zu finden. Einige von ihnen wählen diese Darstellung aus politischen oder religiösen Gründen, zum Beispiel, um die universelle Bedeutung der Christusgeschichte zu betonen. Der südafrikanische Künstler Larry Scully malte seine "Madonna und Kind von Soweto" 1973, um Geld für einen Bildungsfonds für schwarze Südafrikaner zu sammeln.

Dass die dunkle Darstellung "ihrer" Madonnen den Gläubigen wichtig ist, konnte man an den Reaktionen auf die kürzlich renovierte Madonnenfigur Notre-Dame de Sous-Terre in der Kathedrale von Chartres ablesen. Die Madonna mit Jesuskind aus braunem Walnussholz war erst 1976 nach einem Vorbild aus dem 11. Jahrhundert erstellt worden. Das Original war während der Französischen Revolution 1793 verbrannt worden. Bis man vor etwa 40 Jahren die jetzige Figur herstellte, war die "Schwarze Madonna" der Kathedrale mehrfach ausgetauscht worden. Bei der jüngsten Nachbildung richtete man sich nach einer Kopie der ursprünglichen Madonna.

Nur noch eine "alberne Puppe"

Doch inzwischen ist die nussholzbraune Muttergottes weiß: Seit 2009 wird die Kathedrale restauriert und im Inneren hell getüncht, um das Aussehen aus dem 18. und 19. Jahrhundert wiederherzustellen. Auch die Madonna wurde bemalt, was dem Stand dieser Zeit entsprechen soll. Doch das kam bei vielen Besuchern der Kathedrale gar nicht gut an. Die Kathedrale habe ihre Mystik verloren; mit der weißen Farbe sei gleichsam das kulturelle Gedächtnis gelöscht worden, hieß es. Die Madonna mit blassem Antlitz und rosigen Wangen sieht für Kritiker nun eher einer albernen Puppe ähnlich als einer heiligen Ikone der Anbetung. Sie habe ihr dunkles Geheimnis verloren.

Doch was ist es, das nicht nur Gläubige an der dunklen Farbe fasziniert? Einerseits sicherlich das Alter vieler "Schwarzer Madonnen", denn sie haben Jahrhunderte mit Kriegen, Naturkatastrophen oder gesellschaftlichen Umwälzungen überstanden. Und wie viele Menschen mögen schon ihre Gebete vor sie getragen haben, wie vieler Schicksalsschläge und Freudentränen sind sie Zeuginnen gewesen? Andererseits kann es auch daran liegen, dass diese Madonnen nicht so unnahbar und entrückt wirken, wie andere, porzellanzarte Darstellungen. Stattdessen empfinden es wohl viele Gläubige so wie Werner Plänker, inzwischen verstorbener Pfarrer an der Kirche St. Maria in der Kupfergasse in Köln. Dort wird die "Mutter der Barmherzigkeit", eine Madonna aus dunklem Lindenholz, verehrt, über die der Pfarrer sinnierte, sie könne "mit der dunklen Farbe auch das Leid und die Krankheit der Menschen, die zu ihr um Hilfe gefleht haben, angenommen" haben. Nicht zuletzt mag es aber auch das Dunkle und Geheimnisvolle der Schwarzen Madonnen sein, das für viele ihrer Verehrer ihre besondere, eben mystische, Ausstrahlung ausmacht.

Von Johanna Heckeley