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Standpunkt

Selbstviktimisierung im Haifischbecken

Die Causa Wucherpfennig hat besonders unter Theologen hohe Wellen geschlagen. Die Empörung der Professoren über das ausbleibende "Nihil obstat" aus Rom hält Benjamin Leven allerdings für scheinheilig.

Von Benjamin Leven |  Bonn - 17.10.2018

Benjamin Leven

Für Pater Ansgar Wucherpfennig fehlt bislang das "Nihil obstat", die kirchliche Unbedenklichkeitserklärung. Deswegen konnte er zum 1. Oktober sein Amt als Rektor der Jesuitenhochschule Sankt Georgen nicht antreten. Ein verdienter Kollege werde daran gehindert, sein akademisches Amt auszuüben, klagen nun viele Theologieprofessoren. Dies sei eine Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit durch die kirchlichen Autoritäten. Sie alle haben irgendwann einmal so eine Unbedenklichkeitserklärung ausgestellt bekommen, als sie Professoren wurden. In spektakulären Fällen wurde das "Nihil obstat" in der Vergangenheit einigen Theologen auch wieder entzogen: Hans Küng, Uta Ranke-Heinemann, Eugen Drewermann. Das ist schon länger her.

Worüber allerdings kaum gesprochen wird: Theologen verweigern sich heute gegenseitig andauernd die "Unbedenklichkeitserklärung". Jeder, der mit Leuten zu tun hat, die an theologischen Fakultäten arbeiten, hört davon: Man habe vor, diese und jene Person unbedingt zu "verhindern". Da wird intrigiert und um die Besetzung von Berufungskommissionen gerungen, da werden Gegengutachten geschrieben, Klagen eingereicht, Forschungsgelder nicht bewilligt, wissenschaftliche Karrieren blockiert. Dabei geht es oft nicht um Kompetenz und Qualität – das wäre ja noch nachvollziehbar – sondern um Ideologie. Ein Schülerin von dem? Jemand, der dort studiert hat? Ein Vertreter dieser Strömung? Auf keinen Fall darf der oder die bei uns einen Lehrstuhl bekommen.

Ist das Unglück doch passiert und jemand konnte nicht "verhindert" werden, dann geht es darum, ihn auszugrenzen, am besten gar nicht miteinander zu diskutieren. Die größten Feinde der Wissenschaftsfreiheit sitzen nicht in Rom, sondern in den Fakultäten selbst. Es sind diejenigen, die nicht sehen, dass gerade aus dem freien Wettbewerb der Ideen, Ansätze und Lehrmeinungen Erkenntnisfortschritte erwachsen. Die akademische Theologie ist ein Haifischbecken. Und einige Haifische reklamieren gerade für sich ziemlich laut den Opferstatus.

Von Benjamin Leven

Der Autor

Benjamin Leven ist Redakteur der Herder Korrespondenz in Berlin und Rom.

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