Über die hässlichen Seiten der Ewigen Stadt
Kolumne: Römische Notizen

Über die hässlichen Seiten der Ewigen Stadt

Rom, Ewige Stadt, Herz des Katholizismus: Für viele Menschen ist es einer der schönsten Orte der Welt. Doch die Stadt hat noch eine andere, ganz und gar schäbige Seite. Davon berichtet Redakteurin Gudrun Sailer in der neuen katholisch.de-Kolumne "Römische Notizen" – und sagt auch, warum sie Rom dennoch nicht verlassen will.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 05.11.2018

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

"In Rom", antwortet man, und beim anderen kommen leuchtende Augen. Die gelten dem einen Rom. Ein anderes Rom ist leider auch noch da.

Seit 15 Jahren lebe ich "in Rom", und immer öfter denke ich, dass da in Wirklichkeit zwei Städte dieses Namens stehen. Sie sind gleichzeitig am selben Ort, aber unterschiedlichen Sinnen zugänglich, und sie formen unterschiedliche Befindlichkeiten bei jenen aus, die "in Rom" wohnen oder sich sonstwie mit "Rom" beschäftigen.

Das erste ist ein himmelschreiend schönes Rom, das zu dauernder Verzückung anhält: ein Farbenspiel aus alten Tempeln und Kuppeln, Kaisern, Päpsten und heutiger Lebensfreude. Man kennt das ja von Instagram und pipapo, kannellierte Säulen mit Kapitell stützen ein kleines Wohnhaus, auf der Bank davor drei junge Ordensfrauen aus Asien, die sich ein Eis gönnen, ein Marmorbrunnen plätschert auf der Piazza und setzt alles in Szene wie ein großes, unverdientes Geschenk. Engel auf der Brücke präsentieren den vorbeiströmenden Touristen die Marterwerkzeuge Jesu und deuten sie zu Siegeszeichen um. Siebenhundertvierzehn likes.

Die digitalen Daumen und die echten Blicke gehen dauernd nach oben in diesem ersten Rom. In den Parks, die "Villen" heißen und auf römische Adelsfamilien mit Päpsten im Stammbaum zurückgehen, verzahnen die Pinien den Erdboden mit dem Himmel, damit er nicht wegfliegt. Das Licht ist niemals stumpf, auch im Herbst nicht. Das erste Rom ist das der Augen. Bild-schön, filmreif. Das Rom der "Grande Bellezza" (toller Film, unbedingt sehen!), der überall aufblitzenden Schönheit, die den Himmel durchscheinen lässt. Ist Rom Europas meistbesungene Stadt? Jedenfalls, seit gut 2000 Jahren beschwören es die Dichter, und ja, wir verstehen sie und fühlen uns verstanden, und beflügelt verlängern wir ihr zeitloses Werk mit unseren frisierten Schnappschüssen hinein in die socials, wo sie in Ewigkeit stehen. Heißt ja Ewige Stadt, das Rom der Sehnsucht.

Das zweite Rom

Das zweite Rom ist das des Alltags. Und da könnte ich ganz anderes Zeug posten. 

Das zweite Rom ist eine fortwährende Beleidigung für die Sinne, eine unausgesetzte Attacke auf das persönliche Wohlbefinden. Ein Rom, das stinkt, lärmt und krank macht, das urban und moralisch versifft ist, völlig heruntergekommen, schmutz-starrend. Der Blick in dieser Stadt geht nie nach oben, er ist verklebt und lässt sich gar nicht heben. Die Tragik ist, dass das zweite Rom weiter absinkt. Die Straßen, die Schulen, der Arbeitsmarkt, die Justiz, die medizinische Grundversorgung, die vermaledeite Müllabfuhr: Das zweite Rom ist dritte Welt.

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Vatican News".

Dort wähne ich mich manchmal wirklich, wenn ich, kleines Beispiel, in Rom auf den Bus warte. Die Anzeigetafel ist tot, die App lässt sich nicht öffnen. Es wird gestreikt, oder jemand hat nachts das Benzin aus dem Tank gestohlen, oder der Bus hat einen Platten, jedenfalls kommt er nicht. Genervt hetze ich die Via Aurelia hoch, der Gehsteig ist stellenweise 40 Zentimeter breit, die muss ich mir teilen mit aufgepflanzten Verkehrsschildern und platzenden Müllsäcken und menschlichem Kot. Auf der einen Seite streife ich eine vier Meter hohe Mauer, Privateigentum, auf der anderen Seite brettern die SUVs und unsäglich laut getunte Motorräder vorbei. Krach und Gestank fahren mir ins Hirn. Wäre ich in Kalkutta - gut. Irre macht mich, dass diese Zumutung Rom ist. Das erhebende, seit 2000 Jahren besungene Rom? Nein, sein Zwilling in der Wirklichkeit. Ein Monster.

Vatikan als zivilisatorisches Gegenbild

Den Vatikan will ich an dieser Stelle ausklammern. Die kleine Papst-Enklave mitten in der Stadt ist in manchen Belangen geradezu ein zivilisatorisches Gegenbild zu jenem Rom, das so, wie es heute daherkommt, keine europäische Stadt mehr ist. Römisches Recht, römische Zivilisation sind von dieser Stadt aus in die Welt gegangen. In Variationen über die Jahrhunderte sind diese Errungenschaften der Menschheit heute in allen Kontinenten vertreten. In Rom, woher sie stammen, sind sie wie implodiert. Zusammengestürzt über der Leere der Unzivilisation seiner Einwohner. Das zweite Rom: die zugeparkten Zebrastreifen, die Arroganz, die rechthaberische Wut, die Wurschtigkeit für die, die keine Privilegien geerbt haben. Der Dreck in jedem Winkel. Die latente Bereitschaft zum Betrug in allem. Römisches Recht heute in Rom, das ist das Recht, das für die anderen gilt.

Wie konnte es so weit kommen? Die leidgeplagten Römer fragen es sich natürlich selbst. Dass die Stadt so schwer zu tragen hat an ihrem Erbe, weil alte Steine neuen U-Bahnlinien im Weg liegen, dass Rom heute als mafiös durchseucht und unregierbar gilt, dass es Mitte und Spiegel ganz Italiens auf Talfahrt ist, das alles sind nur Teile einer Antwort. Einige wünschen sich nur halb im Scherz, dass wieder der Papst Rom regiert, andere phantasieren von einem Bürgermeister im Stil eines "dittatore buono": ein "netter Diktator", der erst mit eiserner Hand die Stadt ausmistet und dann - bei gefegter Piazza, solider Justiz, sanierten Kindergärten und unter dem Applaus dankbarer, moralisch gestärkter und inzwischen radfahrender Bürgerinnen und Bürger - ohne weiteres, bitteschön, abtritt.

"In Rom", antwortet man, und beim anderen kommen leuchtende Augen. Manchmal kriege ich die paradoxerweise selber noch, zum Beispiel wenn ich in meinem römischen Wohnzimmer sitze und Sehnsucht nach "Rom" habe wie früher, als ich noch nicht da lebte. Die Sehnsucht nach der alten Welt und nach Petrus und Paulus und allem, was ihnen von hier aus an Heiligem folgte und was doch in jedem Bildausschnitt erkennbar ist. Ich bleibe in dieser doppelten Stadt nicht deshalb, weil ich für den Papst arbeite, der trotz allem ein guter Arbeitgeber ist (dazu bald mehr), sondern weil ich mich dazu entschlossen habe, das erste Rom zu sehen, wenn das zweite Rom sich plärrend darüberlegt.

Von Gudrun Sailer