Vertuschungsvorwürfe gegen Kardinal Gracias
Inder soll das Bischofstreffen zu Missbrauch im Vatikan planen

Vertuschungsvorwürfe gegen Kardinal Gracias

Er sei "zu beschäftigt" für eine Untersuchung: Der indische Kardinal Oswald Gracias steht im Verdacht, einen Missbrauchsfall in seiner Diözese ignoriert zu haben. Heikel: Gracias soll das Bischofstreffen zum Thema Missbrauch im Vatikan vorbereiten.

Denver/Rom - 28.11.2018

Der indische Kardinal Oswald Gracias wird beschuldigt, einen Missbrauchsfall im Erzbistum Mumbai vertuscht zu haben. Damit steht einer der Organisatoren des für Februar geplanten weltweiten Bischofstreffens zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Vatikan unter Vertuschungsverdacht, wie das US-amerikanische Internetportal "Crux" am Mittwoch berichtete. Die ehemalige Direktorin der Frauenkommission der Föderation der Asiatischen Bischofskonferenzen, Virginia Saldanha, sagte laut "Crux" am Dienstag bei einer Konferenz in Rom, dass sie von Gracias vor einigen Jahren eine Untersuchung über einen mutmaßlichen Missbrauchsfall im Erzbistum Mumbai gefordert habe. Gracias habe ihr jedoch gesagt, dass er "zu beschäftigt" sei.

Der Einrichtung eines Untersuchungsausschusses habe Gracias erst zugestimmt, als Saldanha damit gedroht habe, sich an einen anderen Bischof zu wenden. Der beschuldigte Priester sei zudem erst sechs Monate später aus seiner Pfarrei abgezogen worden – ohne der Gemeinde jedoch den Grund für die Abberufung zu nennen. Auf die Frage, warum er der Gemeinde die Vorwürfe gegen den Priester verschwiegen habe, sagte Gracias laut Saldanha: "Ich muss Ihnen keine Antwort geben. Unser Treffen ist vorbei." Um welchen Missbrauchsverdacht es sich konkret handelt, wollte Saldanha laut "Crux" nicht sagen.

Gracias sorgte bei Jugendsynode für Irritationen

Gracias wurde erst in der vergangenen Woche von Papst Franziskus in das Vorbereitungskomitee für das Bischofstreffen zum Umgang mit Missbrauch vom 21. bis 24. Februar berufen. Dem Gremium gehören auch der Chicagoer Kardinal Blase Cupich, Maltas Erzbischof Charles Scicluna und der deutsche Jesuit Hans Zollner an. Zollner leitet das Zentrum für Kinderschutz (CCP) an der päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom.

Gracias hatte bei der Jugendsynode im Oktober für Irritationen gesorgt, als er sich besorgt darüber gezeigt hatte, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs in der Kirche zu viel Platz im Abschlussdokument der Synode einnehmen könnte. Vor allem Bischöfe aus westlichen Ländern machten "viel Aufhebens" um den Missbrauch, so der Kardinal damals. Zudem hatte er die Gerechtigkeit von Disziplinarverfahren gegen ältere Bischöfe in Frage gestellt: "Ich frage mich oft, ob es fair ist, einem Bischof, der heute 85 oder 86 Jahre alt ist, die Schuld dafür zu geben, was er als 65-Jähriger getan hat." In der Vergangenheit, so Gracias, sei nicht bekannt gewesen, dass sexueller Missbrauch für die Betroffenen lebenslange Auswirkungen haben könne.

Die Irin Marie Collins gehörte als Opfervertreterin der vatikanischen Kinderschutzkommission an.
Bild: © KNA

Das irische Missbrauchsopfer Marie Collins sieht das geplante Bischofstreffen zum Missbrauch als "letzte Chance" für den Vatikan.

Unterdessen bezeichnete das irische Missbrauchsopfer Marie Collins das geplante Bischofstreffen als "letzte Chance" für den Vatikan. "Wenn das Treffen nur mit begeisterten Worten über die dort geführten Diskussionen und Versprechungen für die Zukunft endet, wird für viele, die jahrelang auf konkrete Maßnahmen der Kirche gewartet haben, das Ende der Straße erreicht sein", sagte Collins in einem Interview mit "Crux".

Collins fordert "universelle Schutzpolitik für alle kirchlichen Einrichtungen"

Zugleich formulierte Collins, die von Papst Franziskus in die vom ihm gegründete Kinderschutzkommission berufen worden war und sich im März vergangenen Jahres unter dem Vorwurf mangelnder Kooperation aus dem Gremium zurückgezogen hatte, konkrete Forderungen an das Bischofstreffen. Das Treffen solle darauf abzielen, eine "universelle Schutzpolitik für alle kirchlichen Einrichtungen weltweit" umzusetzen, so Collins. Zudem müssten die Teilnehmer eine "klare Rechenschaftspflicht" für alle Kirchenführer in Bezug auf die Behandlung von Missbrauchsfällen festlegen.

Collins warf der Kirche vor, sich bislang geweigert zu haben, weltweite Richtlinien zum Schutz Minderjähriger und zur Rechenschaftspflicht von Bischöfen zu erlassen. Damit habe die Kirche "riesige Sicherheitsunterschiede" geschaffen. Die Irin kritisierte zudem eine obsessive Geheimniskrämerei der Kirche. Diese habe nicht nur zu einer ungerechten Behandlung von Missbrauchsopfern geführt, sondern auch kirchliche Prozesse behindert. (stz)