"Warum ich Priester in der DDR wurde"
Am Ostersonntag ist Bischof Gerhard Feige seit 40 Jahren Priester

"Warum ich Priester in der DDR wurde"

Vor 40 Jahren wurde der Magdeburger Bischof Gerhard Feige zum Priester geweiht - in der damaligen DDR. Zum Jubiläum erinnert er sich in einem Gastbeitrag an seine Jugend in dem Staat, der jegliche Religion zurückzudrängen versuchte.

Von Gerhard Feige |  Magdeburg - 01.04.2018

Warum und wie ich in der DDR Christ und Priester geworden bin: Zunächst einmal bin ich in Verhältnisse hineingeboren worden, die christliche Sozialisation ermöglichten und sogar begünstigten. Alle meine Verwandten waren katholisch, und so wurde ich selbstverständlich als Säugling bereits getauft. Soweit ich mich erinnern kann, haben meine Eltern ihren christlichen Glauben recht natürlich, unverkrampft und anregend gelebt. Ihn auch mir näher zu bringen, war ihnen ein wichtiges Anliegen. Und so wurde abends und bei Tisch gebetet, auch sonst von Gott gesprochen und sich am Kirchenjahr orientiert. Außerdem gehörten wir zu einer sehr lebendigen Gemeinde mit überzeugenden Seelsorgern, ansprechenden Gottesdiensten, engagierten Familienkreisen und vielen Kinder- und Jugendgruppen.

Der kirchlich verantwortete Religionsunterricht fand nachmittags in den Räumen der Gemeinde statt. Mich auf unserem Kirchengelände mit anderen Gleichgesinnten zu treffen, wurde immer mehr meine Welt, vor allem, nachdem ich Ministrant geworden war und diesen Dienst nicht nur in unserer Pfarrkirche wahrnahm, sondern auch noch in der Kapelle des nebenan gelegenen Krankenhauses von Schwestern der heiligen Elisabeth. Heute schon kaum noch vorstellbar, habe ich dort oftmals auch werktags ministriert, und das bei einer Anfangszeit von 5.50 Uhr, vor Unterrichtsbeginn in der Schule. Viele Christen aus meiner Heimatgemeinde und von den Ordensschwestern sind durch ihre überzeugende Lebenshaltung auf mich nicht ohne nachhaltigen Eindruck geblieben. Dass dann irgendwann in mir die Vorstellung aufkam, Priester werden zu wollen, erscheint angesichts solcher positiver Erfahrungen fast folgerichtig.

Lektüre vom Alten Testament bis zur Mao-Bibel

Und doch bin ich auch existentiell herausgefordert und kritisch hinterfragt worden. Dazu gehörte, dass ich mich als Christ bewähren und dabei mir und anderen Rede und Antwort stehen musste. Der Staat, in dem ich groß geworden bin, versuchte jegliche Religion und besonders den Einfluss der Kirchen – durch Erziehung und Bildung, Agitation und Propaganda, Abwerbung und Druck – zurückzudrängen. Das ist auch gelungen. Viele haben dem nachgegeben und sich angepasst, sind entweder offiziell aus der Kirche ausgetreten oder lautlos verschwunden. Andererseits haben solche Widerstände aber auch nicht wenige dazu geführt, sich mit dem christlichen Glauben bewusster auseinanderzusetzen und darin zu wachsen.

Professor Gerhard Feige im Jahr 1996

Archivbild aus dem Jahr 1996: Der damalige Professor für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Ostkirchenkunde Gerhard Feige bei seiner Einführung in das Amt des Rektors am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt.

Ich bin dankbar, dabei ausgezeichnete Seelsorger an meiner Seite gehabt zu haben. Durch sie sind wir Jugendliche motiviert worden, uns kritisch mit dem Marxismus-Leninismus, aber auch mit anderen Auffassungen auseinanderzusetzen. Bei unseren Treffen wurde intensiv gearbeitet und nachgedacht. Ohne solche Anregungen hätte ich mich damals wohl kaum so vielfältig mit Literatur – wie von Böll, Brecht, Camus, Dürrenmatt und Frisch oder Dostojewski und Tolstoi – beschäftigt. Manches davon haben wir intensiv besprochen, genau wie das Alte und das Neue Testament (einschließlich spezieller Forschungsergebnisse historisch-kritischer Exegese) und einige Philosophen, auch Nietzsche, Marx und Lenin. In Warschau haben wir uns einmal sogar aus der chinesischen Botschaft die 'Mao-Bibel' in deutscher Sprache besorgt.

Einem Vikar meiner Jugendzeit – einem gewissermaßen "konstruktiven Querdenker" – verdanke ich besonders viel, auch sehr anregende Auslandserfahrungen auf Reisen mit unserer katholischen Jugendgruppe (natürlich nur in Ostblockländer). Das alles hat meinen Horizont enorm geweitet und mich in meinem Glauben theoretisch und praktisch weitergeführt. Das hat mir auch Mut verliehen, mich in manchem zu widersetzen. So wurde ich zum Beispiel weder Mitglied in den sozialistischen Verbänden "Junge Pioniere" oder "Freie Deutsche Jugend", noch bin ich zur sogenannten Jugendweihe gegangen und habe zudem bei der Musterung zur Nationalen Volksarmee den Dienst mit der Waffe abgelehnt und mich nur als "Bausoldat" erfassen lassen.

Bewusst katholisch zu sein, bedeutete für mich aber nicht, sich nur irgendwie überheblich von den anderen Christen abzugrenzen.

Zitat: Bischof Gerhard Feige

Wie viele andere habe ich Kirche in dieser bedrängenden Situation immer wieder als einen Zufluchtsort erfahren, an dem es möglich war, sich freimütig auszutauschen, in seinem Gewissen ernst genommen und in seiner Würde bestärkt zu werden.  Auch wenn ich als Katholik zu einer kleinen Minderheit in einem weithin noch evangelisch geprägten Umfeld und einem kirchenfeindlichen Staat gehörte, war ich doch stolz darauf, katholisch zu sein. Dazu hat sicher mit beigetragen, darum zu wissen, dass die katholische Kirche weltweit verbreitet ist und unzählige Menschen aus vielen Völkern und Nationen, aus Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur sich zu ihr bekennen. Einmal im Jahr über das eigentlich verbotene "Westfernsehen" diese Internationalität zu Ostern auf dem Petersplatz in Rom und den Segen des Papstes "Urbi et orbi" mitzubekommen, war für mich bewegend und erhebend zugleich. Überhaupt wurde die Verbundenheit mit dem Papst nicht nur von mir als eine wenigstens geistige Überwindung unserer durch den Staat betriebenen Isolation angesehen.

Katholisch-Sein mit einem ökumenischen Horizont

Bewusst katholisch zu sein, bedeutete für mich aber nicht, sich nur irgendwie überheblich von den anderen Christen abzugrenzen. Gerade in solchen Verhältnissen und beflügelt durch den ökumenischen Aufbruch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil rückten wir Christen insgesamt dichter zusammen. Rückblickend meine ich, dass wir Katholiken durch die Frömmigkeit, die kirchliche Praxis und das öffentliche Zeugnis der evangelischen Christen sogar gewissermaßen in unserem Christsein mitgetragen wurden. In den Schulklassen gab es nur wenige Christen, und da zählte nicht in erster Linie die Kirchenzugehörigkeit, sondern dass man überhaupt "gläubig" war. Diese Erfahrungen gehören unlösbar zu meiner christlichen Existenz, so dass für mich Katholisch-Sein im "Lande Luthers" (gemeint ist damit vorwiegend Sachsen-Anhalt) von Anfang an mit einem ökumenischen Horizont verbunden war.

Hoch motiviert habe ich 1971 in Erfurt als Priesteramtskandidat begonnen, Philosophie und Theologie zu studieren. Dies schien mir angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen das Sinnvollste zu sein, um mich für Gott und die Menschen einzusetzen. Sicher spielte dabei auch eine Rolle, dass ich mehrere beeindruckende Seelsorger kennengelernt hatte und in meiner Heimatgemeinde immer jemand auf dem Weg dazu war, Priester zu werden. In dieser Zeit hat sich auch mein ökumenisches Bewusstsein noch mehr geweitet und vertieft. Ökumenische Theologie gehörte schon damals – kurz nach dem Konzil – unlösbar zu unserem Ausbildungsprogramm.  Einerseits wurden durch das Philosophisch-Theologische Studium in Erfurt – die einzige katholische Hochschule im Gebiet der früheren DDR – auch evangelische Gastprofessoren eingeladen, um selbst Einblicke in die Theologie und Kirchlichkeit ihrer Tradition zu vermitteln. Andererseits verdanke ich es vor allem einem ostkirchlich versierten und engagierten Präfekten im Priesterseminar, dass mein Interesse am christlichen Osten geweckt wurde. Durch seine Vermittlung konnte ich auf mehreren Reisen durch Rumänien und Bulgarien erste praktische Erfahrungen mit der Orthodoxie sammeln. Von da an nahmen mein Interesse für die östlichen Kirchen sowie meine wissenschaftliche und praktische Beschäftigung mit ihnen immer mehr zu.

Linktipp: Die Stimmung ist wieder schlechter geworden

Der Magdeburger Bischof Feige blickt am 28. Jahrestag des Mauerfalls kritisch auf das Zusammenwachsen Deutschlands. Viele Ostdeutsche fühlten sich immer noch nicht ernstgenommen, sagt er. (Artikel vom November 2017)

Nach meiner Priesterweihe am 1. April 1978 wurde ich vier Jahre lang als Vikar in Salzwedel und in Magdeburg eingesetzt, bevor ich dann mit weiteren Studien beauftragt wurde und schließlich bis 1999 in Forschung und Lehre tätig war. Als Priester in der Seelsorge habe ich die erstaunliche und beglückende Erfahrung machen können, nicht nur anderen behilflich sein zu dürfen, aus dem christlichen Glauben heraus zu leben, sondern dabei auch durch viele andere selbst gestärkt und getragen zu werden. Besonders berührt hat mich, wenn tiefgläubige und lebenserfahrene Katholiken sich nicht scheuten, mir im Sakrament der Beichte ihre Nöte und ihr Versagen anzuvertrauen. Das hat mich sehr demütig werden und auch in meinem eigenen Glauben wachsen lassen. Aber auch in vielen anderen Lebenssituationen von der Geburt bis zum Tod  ist mir dies so ergangen.

Als Christ nicht mit dem Mainstream mitschwimmen

Die Erfahrungen, die ich innerhalb von fast 40 Jahren unter den Bedingungen des Sozialismus gemacht habe, haben mich auch in meinem Christsein zutiefst geprägt. Die wenigsten von uns waren Helden, aber viele hatten sich und ihre Überzeugung doch nicht verkauft. "Wer in der Löwengrube sitzt" – so lautete eine nüchterne Erkenntnis – "wird den Löwen nicht unbedingt am Schwanz ziehen". Von daher sind wir ostdeutschen Katholiken sicher vorsichtiger und zurückhaltender gewesen, als wenn wir in einer freien Gesellschaft gelebt hätten. Zugleich wurde mir und vielen anderen bewusst, dass jede Zeit sowohl Bewährungs- als auch Heilszeit ist und dass Kirche auch unter schwierigen Umständen existieren und segensreich wirken kann. Entscheidend ist freilich, dass man als Christ nicht einfach mit dem gesellschaftlichen Mainstream mitschwimmt, sondern bewusst seinen Glauben lebt und auch den Mut hat, dafür einzustehen. Weitgehend geschah dies aber nur innerkirchlich und vielleicht sogar etwas ghettohaft. Weil es uns verwehrt war, öffentlich zu wirken, haben wir uns in unseren Gemeinden zurückgezogen und manchmal wie in einer Art "Parallelgesellschaft" gelebt.

Andererseits ist uns durch die Erfahrungen in der DDR auch ein feines und kritisches Gespür für alles ideologische Gehabe mit auf den Weg gegeben worden. Auch im Christentum kann es ja vorkommen, dass manche – wie im Marxismus-Leninismus – die angeblich reine Lehre als geschlossenes System betrachten, dem sich alle nur ein- oder unterzuordnen haben. Zudem verbindet sich für mich mit christlicher Existenz eine stärkere Nüchternheit und Ernsthaftigkeit, als ich das heutzutage in manchen volkskirchlichen Ausdrucksformen folkloristischer oder populistischer Art erkennen kann. Dazu gehört ebenso, die Wirksamkeit von Kirche nicht nur an äußeren Erfolgen festzumachen, sondern im Blick zu behalten, dass Gott ihr auch manchmal einen Kreuzweg zumuten kann.

Von Gerhard Feige