Was Schüler aus den Wundern Jesu lernen können
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Was Schüler aus den Wundern Jesu lernen können

Hat Jesus tatsächlich Tote erweckt und Kranke geheilt? Auch Kinder halten das oft für weit hergeholt. Doch selbst wenn sie nicht wörtlich an die Wunder aus der Bibel glauben – auf der übertragenen Ebene können Schüler vieles entdecken, was sie selbst schon erlebt haben, schreibt Andrea Vogt.

Von Andrea Vogt |  Dresden - 24.05.2019

Lehrerin Andrea Vogt

"Max behauptet: 'Jesu Wundergeschichten sind frei erfunden und bringen uns heute nichts mehr!' Verfasse einen Dialog zwischen dir und Max." Dies ist eine Aufgabe aus der Leistungskontrolle Klasse 6 zum Thema Wunder Jesu, welche meine Schüler mit Bravour gemeistert haben. Hätten Sie das auch gekonnt?

Wir Erwachsenen tun uns mit dem Thema Wunder im Allgemeinen und Wunder Jesu im Speziellen oft sehr schwer. Hat Jesus wirklich Kranke geheilt, konnte er wirklich 5.000 Menschen mit ein bisschen Brot und Fisch satt machen, hatte er tatsächlich sogar die Macht, Stürme zu stillen und letztendlich auch den Tod zu besiegen? Wer glaubt, dass Kinder diese Fragen selbstverständlich mit Ja beantworten, hat vielleicht einen frommen Religionsunterricht mit vielen rhetorischen Fragen vor Augen, bei dem jede dritte Antwort "Jesus", "Gott" oder "Nächstenliebe" heißen muss, um eine Eins zu bekommen. Aber Gott sei Dank trauen sich Kinder sehr wohl anzumerken, dass sie das alles für ganz schön weit hergeholt halten und dass sie sich nicht so sicher sind, ob das denn alles wirklich so war.

Also schauen wir etwas genauer hin und versuchen einmal, die biblische Geschichte von der Heilung eines Taubstummen (neu) zu verstehen. In Zweiergruppen wird immer ein Schüler bestimmt, der sich die Ohren zuhalten soll. Der andere überlegt sich einen Satz und spricht ihn so lange vor, bis der Partner anhand der Lippenbewegungen dessen Sinn verstanden hat. Hinterher tauschen sich beide über ihre Erfahrungen aus – Frustration ist das Wort, das die Gefühlswelt der Zweierteams wohl am besten beschreibt. Und so fällt es nicht schwer, zu formulieren, was den Taubstummen aus desm 7. Kapitel des Markusevangeliums quält: Er kann nicht hören, seine Ohren sind krank. Und wer nie hören konnte, konnte auch nie sprechen lernen und ist stumm, sein Brabbeln wird nicht verstanden. Wie schön, sich vorzustellen, dass Jesus die Macht hatte, diesen Mann von seinen Leiden zu erlösen, seine Ohren zu heilen, ihn hörend und sprechend zu machen!

Eine Frau hält sich die Ohren zu

Auch Schüler haben schon mal vor unangenehmen Situationen ihre Ohren verschlossen.

Aber dann überlegen wir genau andersherum: Wovor haben wir schon einmal unsere Ohren verschlossen? Was können wir nicht mehr hören? Platz eins der Antworten sind natürlich die Ermahnungen der Eltern, ihre Wünsche nach Hilfe im Haushalt, aber auch die kleine Schwester, mit der man spielen soll, die schlechten Nachrichten im Radio, das Schimpfen der Lehrer. Die Kinder reflektieren, dass auch sie schon einmal "taub" für etwas waren. Ging es dem Taubstummen aus der Bibel vielleicht genauso? Ist er taub für seine Mitmenschen geworden? Hat er gemerkt, dass es ihm nicht gut damit geht? War es das, was ihn gequält hat?

Analog dazu geht es weiter mit dem Gedankenexperiment: Wann bist du schon einmal stumm geblieben, obwohl du etwas sagen wolltest? Die Kinder malen Bilder mit Situationen von Mobbingopfern aus ihrer Klasse, von Lupen und Ameisenhaufen, von verachteten Geflüchteten in der Straßenbahn. Hilfe, auch wir sind so oft stumm! Ob Jesus auch uns davon heilen könnte? Und wäre das dann auch ein Wunder?

Ein echtes Wunder?

Der für mich spannendste Teil der Stunde kommt jetzt. Ich frage die Schüler gerade heraus, an welche der beiden Varianten man denn jetzt glauben soll: Jesus, der einen medizinisch Kranken wieder gesund macht, oder Jesus, der einen in sich gekehrten, verschlossenen, selbstbezogenen und einsamen Menschen heilt? Von der Toleranz der Kinderantworten kann sich jeder Erwachsene eine Scheibe abschneiden: Beides ist okay! Vielleicht kann nicht jeder an die wörtliche Wunderheilung glauben, aber anstatt dann achselzuckend die Bibel zu- und nie mehr aufzuschlagen, ergibt sich vielleicht die Möglichkeit, die Bibelstelle im übertragenen Sinn zu verstehen und für sich selbst wertvoll zu machen. Für mich jedenfalls passiert in dieser Stunde ein Wunder, als ich sehe, dass ein Mädchen ihr Hausaufgabenheft aufschlägt und für den nächsten Freitag dick und rot "Fridays for future!" einträgt. Nicht stumm bleiben, nicht taub sein für das Leid der Welt!

Am Ende der Stunde meldet sich ein Schüler und fragt, ob wir nicht eine Abstimmung machen könnten, wer von uns jetzt woran glaubt. Warum eigentlich nicht? Etwa ein Drittel der Gruppe meldet sich, dass sie an die wörtliche Auslegung der Bibelstelle, also an das "echte" Wunder glauben, etwa ein Drittel meldet sich bei der übertragenen Auslegung der Bibelstelle. Ich frage die Übrigen verdutzt, ob sie sich noch nicht ganz sicher sind und bekomme zur Antwort: "Frau Vogt, Sie haben vergessen zu fragen, wer an beides glaubt!"

Von Andrea Vogt

Die Autorin

Andrea Vogt ist Lehrerin am Marie-Curie-Gymnasium in Dresden

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