Zwei kleine Kinder sitzen in der Kirchenbank. Der Junge links schaut runter in ein Gotteslob, das Mädchen rechts hat die Hände gefaltet und blickt zum Altarraum.
Tipps vom Religionspädagogen

Wie bringe ich meinem Kind heute den Glauben bei?

Dass Babys getauft und im Glauben erzogen werden, ist heute nicht mehr selbstverständlich, sondern eine bewusste Entscheidung der Eltern – die von anderen durchaus auch kritisiert wird. Wie junge Eltern damit und auch mit eigenen Unsicherheiten bei der Glaubensweitergabe umgehen können, erklärt der Mainzer Religionspädagoge Stefan Altmeyer.

Von Melina Schütz |  Mainz - 29.03.2019

Früher war es ganz einfach. Ob Freunde, Familie oder Nachbarn: Jeder besuchte sonntags den Gottesdienst, ging zum Religionsunterricht, feierte die Sakramente und hielt sich wie selbstverständlich an das, was im Katechismus steht. Heute ist das Glaubensleben sehr viel differenzierter - und damit komplizierter - geworden. Oftmals muss man sich sogar vor Anderen für seine religiösen Ansichten rechtfertigen. Unsere Autorin ist junge Mutter und fragt sich, wie man Kindern in einer immer säkularerern Welt den Glauben vermitteln kann - und holt sich dafür Rat beim Mainzer Religionspädagogen Stefan Altmeyer.

Frage: Die erste Entscheidung, die Eltern in punkto Glauben treffen müssen, ist, ob sie ihr Kind mit Religion in Beziehung bringen möchten. Als wir unseren Sohn kürzlich taufen ließen, gab es unterschiedliche Reaktionen in unserem Umfeld. Viele waren der Ansicht, dass die Säuglingstaufe überholt sei und Kinder später selbst entscheiden sollten, ob und welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Was denken Sie darüber?

Altmeyer: Die Argumentation kann ich gut nachvollziehen. Man will den Kindern heute nichts vorgeben und sie zu ihrer eigenen Entscheidungsfähigkeit erziehen. Allerdings sind gerade die frühen Schritte im Glaubensleben immens wichtig. Man will dem Kind etwas mitgeben, das einem selber wichtig ist. Beispielsweise geben wir unseren Kindern auch von Beginn an eine Sprache mit und warten nicht, bis sie kognitiv in der Lage sind, zu wählen. Auf der anderen Seite setzt das Mitgeben des Glaubens nicht voraus, dass man taufen muss. Das sind zwei unterschiedliche Entscheidungen. Bei der Säuglings- und Kleinkindtaufe geht es letztlich auch ganz stark um Sie als Mutter oder Vater. Getauft wird zwar das Kind, aber Sie müssen diesen Schritt stellvertretend für das Kind gehen. Das ist die eigentliche Entscheidung.

Frage: Was kann ich entgegnen, wenn mir jemand vorwirft, dass ich meinem Kind meine Religion "aufzwinge"?

Altmeyer: Ich würde sagen, dass es kein Zwang ist. Man lebt zusammen als Familie, man isst zusammen, man verbringt Zeit zusammen und so erlebt Ihr Kind bereits passiv Ihre Glaubenspraxis. Sie können ja Ihren gelebten Glauben nicht verstecken. So wenig wie Sie Ihre Sprache verstecken können. Das Kind lebt mit Ihnen und hat daher in gewissen Bereichen eine Vorauswahl getroffen bekommen. Das ist ein gesetzter Rahmen, wie die Umgebung eines Hauses, in das es hinein geboren wurde. Und dieses Haus hat sichere Mauern und ein Dach, aber es ist kein Gefängnis. Es gibt eine Tür, aus der man rausgehen kann.

Religionspädagoge Stefan Altmeyer
Bild: © Privat

Stefan Altmeyer ist seit 2016 Professor für Religionspädagogik, Katechetik und Fachdidaktik Religion an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Frage: Wir geben unseren Kindern ja auch in anderen Lebensbereichen unsere Vorstellungen und Lebensvorlagen vor, beim Thema Religion und Glauben ist das häufig so strittig. Dabei ist Glauben doch ein sehr emotionales Thema, das nicht allein über eine Pro- und Contra-Liste funktioniert. Wie sehen Sie das?

Altmeyer: In den frühen Kindheitsjahren wird zunächst alles über die Eltern gelernt. Ob das die Sprache oder aber auch das Vertrauen ist. Die Vorbildfunktion spielt auch beim Glauben eine große Rolle. Kinder lernen das durch Abgucken, Nachahmen und auch durch Miterleben und Mitleben in dieser Welt der Religion. Der gesamte Lebensstil des Elternhauses wird aufgenommen. Das beginnt beim Musikstil und geht über Formen, Alltag zu gestalten, sein Leben zu organisieren usw. Das alles wird durch Miterleben, durch Beziehung innerhalb der Familie gelernt. Zuerst kommt der emotionale Zugang, erst später wird Religion argumentativ und rational erschlossen. Das ist nicht kognitiv, das geht über Stimmungen, über Gefühle, über Erlebtes. Da ist eine ganze Welt, bevor wir anfangen, zu denken und uns Argumente zurechtzulegen.

Frage: Ich selbst habe einen einjährigen Sohn und frage mich häufig, wie ich ihm Religion vermitteln kann und ob ich es richtig mache.

Altmeyer: Ich würde mir keine Sorgen machen, Glauben falsch zu vermitteln. Es ist wichtig, es überhaupt zu tun und sich nicht darauf zu verlassen, dass Kindergarten, Schule oder Kommunionunterricht diese Aufgabe übernehmen. Man kann religiöse Rituale von Geburt an in den Alltag einbauen. Zum Beispiel können Sie religiöse Lieder singen oder das Kreuzzeichen auf die Stirn des Säuglings zeichnen. Auch Geschichten können Sie bereits den Kleinsten erzählen. Wenn Kinder heranwachsen, kann man alle Formen von Übergängen religiös begleiten: das Aufwachen, das Zubettgehen, Abschiede. Überall dort, wo Wiederkehrendes im Alltag zu finden ist, kann man intuitiv kleine Rituale einführen. Wichtig ist das Wiederholte! Egal in welchem Alter, das Singen ist elementar in der religiösen Erziehung. Etwas später kommt dann das Erzählen von Geschichten, vielleicht sogar Bibelgeschichten, zu denen man sich Bilder anschaut. Zum Ende der Kindergartenzeit,  kann man beginnen, erste Gebete zu lernen. Und so baut man aufeinander auf.

Frage: Was gewinnen Kinder durch religiöse Erziehung?

Altmeyer: Einen intuitiven Sinn für das Mehr im Leben. Eine Ahnung von dem, was wir Gott nennen. Wir sind nicht nur von dem umgeben, was wir sehen, anfassen und machen können. Wenn wir das als Kind erfahren oder intuitiv erleben, ist das der Mehrwert. Dieses Urvertrauen kann einen durch das Leben tragen. Dieses Mehr kann in den guten und schlechten Zeiten helfen.

Linktipp: Für Kinder erklärt

Was ist an Ostern passiert? Wer war Sankt Martin? Und wie schuf Gott die Erde? Fragen wie diese möchte katholisch.de auch für Kinder beantworten. Auf unserer Themenseite bündeln wir die Artikel, die wir eigens für die ganz Kleinen in kindgerechter Sprache geschrieben haben.

Frage: Immer wieder stößt man auf das Bild vom "lieben Gott", der dafür sorgt, dass das Wetter am Geburtstag gut ist und die Klassenarbeit gelingt. Tilman Moser spricht von einer Gottesvergiftung, die bei Kindern ausgelöst werden kann, wenn sie heranwachsen und begreifen, dass es diesen Gott nicht gibt. Welches Gottesbild sollte ich also vermitteln?

Altmeyer: Wenn man das Bild eines Despoten, eines überwachenden Gottes, der alles sieht und Verhalten belohnt oder bestraft, in Kinderherzen sät, kann das Angst auslösen und die sogenannte Gottesvergiftung bewirken. Auch die Vorstellung eines Gottes, der zum "Wunscherfüller" verkommt, ist gefährlich. Ich muss erklären, dass ich Gott alle meine Sorgen und Wünsche herantragen kann, ich aber gleichzeitig auch selber gefordert bin. Es gibt das schöne Zitat von Dorothee Sölle: "Gott hat keine Hände, nur unsere." Ich kann also zu Gott beten, dass er den armen Menschen helfen möge. Aber richtig wäre es, zu bitten: "Hilf mir, ihnen zu helfen."

Ich plädiere dafür, von Anfang an nicht diesen leichten Gott zu vermitteln, der für schönes Wetter sorgt und der hilft, wenn man lernen muss. Das ist eine Grundregel in der religiösen Erziehung. Nie etwas vermitteln, das später keine Gültigkeit mehr besitzt. Da muss man vorsichtig sein!

Frage: Wie gehe ich mit eigenen Unsicherheiten um?  Mir begegnen immer wieder Erwachsene, die zwar ein grundsätzliches Verständnis und Interesse an religiösen Inhalten haben, aber beispielsweise mit Festen im Kirchenjahr fremdeln. Wie kann man Kindern solche Inhalte sachgerecht vermitteln?

Altmeyer: Feste muss man zuerst vor allem feiern und erleben, sie zu Erklären ist viel unwichtiger. Wenn Sie selbst ein Fest nicht richtig feiern können, mit ihm fremdeln, dann versuchen Sie es auch nicht zu erklären. Es reicht, wenn man sich erstmal auf  zentrale Feste wie Ostern und Weihnachten fokussiert. Denn hier gibt es noch die Basis, ein Fest auch zu erleben. Und wenn man später zu anderen Festen kommt, nicht alles über Worte und Erklärungen lösen wollen, sondern wieder an das Erleben denken. Zum Beispiel kann man eine Fronleichnamsprozession besuchen. Dann können Kinder über Wahrnehmen, über Ästhetik eine Beziehung zu dem Fest aufbauen. Wenn dem Kind das gefallen hat und es sich vielleicht sogar darauf freut, das wieder zu machen, dann ist doch genug gewonnen. Es muss nicht zuerst verstanden haben, dass da der Leib Christi durch die Stadt getragen wird und warum.

Von Melina Schütz

5 Tipps für Eltern, Paten und Interessierte

  1. Nichts zurücknehmen! Achten Sie darauf, dass alle Vorstellungen, die Sie säen auch später noch Gültigkeit besitzen.
  2. Hören Sie zu! Sprechen Sie mit Ihren Kindern über ihre Vorstellungen und fühlen Sie sich in die kindliche Welt ein.
  3. Haben Sie Selbstvertrauen! Geben Sie die religiöse Erziehung nicht an Institutionen ab, sondern hören Sie auf die eigene Intuition.
  4. Beziehen Sie verschiedene Sinne mit ein! Erlebtes zählt am Anfang mehr als Worte und Argumente.
  5. Bauen Sie kleine Rituale in den Alltag ein! Zum Beispiel das Kreuzzeichen auf die Stirn zeichnen beim Schlafen, Verabschieden oder Aufwachen. Oder die Hand auf den Kopf auflegen als Segenszeichen.