Zollner: Starkes Machtgefälle führt zu Missbrauch in Kirche
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Der Jesuit ist Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission

Zollner: Starkes Machtgefälle führt zu Missbrauch in Kirche

Einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Missbrauch herzustellen sei "unverantwortlich" und "eine Stigmatisierung". Das sagt der Jesuit und Kinderschutzexperte Hans Zollner. Er nennt andere Faktoren.

Osnabrück - 19.09.2018

Der Kinderschutzexperte Hans Zollner sieht in einem starken Machtgefälle in der Kirche einen wesentlichen Faktor für den Missbrauch durch Geistliche. Hinzu komme eine unzureichende Vorbereitung auf das zölibatäre Leben, sagte das Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission im Interview der "Verlagsgruppe Bistumspresse" (Sonntag) in Osnabrück. Er äußerte sich zu ersten Ergebnissen einer Studie über sexuellen Missbrauch durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz.

Als Problem machte der Jesuit das Machtgefälle zwischen Beschuldigten und Betroffenen aus. Die Studie untersuche einen Zeitraum, der 70 Jahre zurückreiche. Damals hätten "Priester und andere Kleriker in den katholischen Gemeinden als unantastbar" gegolten.

Ein weiteres Problem seien Menschen, die "weder emotional ausgeglichen sind noch mit ihrer Sexualität konstruktiv umgehen können", erklärte der Präsident des Zentrums für Kinderschutz an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Nicht der Zölibat selbst trage Schuld an den Übergriffen, wohl aber die fehlende Integration des Zölibats in den Alltag. Priesteramtskandidaten müssten lernen, mit emotionalen, sexuellen und Beziehungsbedürfnissen umzugehen.

Zollner: Priester hatten mehr Kontakt mit Jungen

Einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Missbrauch herzustellen, wäre "unverantwortlich und würde alle homosexuell veranlagten Menschen in unerträglicher Weise stigmatisieren", sagte Zollner. Vor einigen Jahrzehnten sei es normal gewesen, dass Priester mehr Kontakt mit Jungen als mit Mädchen gehabt hätten, was eine der entscheidenden Möglichkeiten für Missbrauch gewesen sei.

Auch der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner hatte betont, dass er die Vermengung von Homosexualität und Missbrauch "aus wissenschaftlichen Gründen" nicht teile. In seinen Augen ist es vielmehr eine Frage der "sexuellen Reife". Laut der DBK-Studie waren in einer ausgewählten Gruppe von mehreren hundert juristisch aktenkundigen Missbrauchsfällen 80 Prozent der von Geistlichen missbrauchten Kindern und Jugendlichen männlich. In der "weltlichen" Vergleichsgruppe waren hingegen 54 Prozent der missbrauchten Minderjährigen männlichen Geschlechts, also deutlich weniger.

Heute gehe die Kirche offen, selbstkritisch, konsequent und von außen kritisch begleitet mit dem Thema Missbrauch um, sagte Zollner. "Kinder sind in der Kirche sicher, vielleicht sogar sicherer als irgendwo anders." Dennoch werde das Thema die Kirche noch Jahrzehnte beschäftigen. Daher müsse die Kirche den Opfern zuhören, auch im Hinblick auf funktionierende Prävention.

Die deutschen Bischöfe wollen die von ihnen in Auftrag gegebene bundesweite Studie zum Thema Missbrauch am kommenden Dienstag bei ihrer Vollversammlung in Fulda veröffentlichen. Erste Ergebnisse wurden vergangene Woche durch Medienberichte bekannt. Demzufolge gab es zwischen 1946 und 2014 in Deutschland 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe von mindestens 1.670 Beschuldigten, darunter mehrheitlich Priester. Der Titel der Untersuchung lautet "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz". (bod/KNA)