Was ist Klerikalismus?
Pastoraltheologe Rainer Bucher über Gottesdiener zwischen Unberührbarkeit und Hingabe

Was ist Klerikalismus?

Immer wieder warnt der Papst vor Geistlichen, die sich für etwas Besseres halten, denn er sieht einen Zusammenhang zwischen Klerikalismus und Missbrauch in der Kirche. Im katholisch.de-Interview erklärt der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher, warum einige Priester klerikal sind und andere nicht.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 10.09.2018

Frage: Professor Bucher, wie lässt sich Klerikalismus definieren?

Bucher: Klerikalismus wird üblicherweise als Grenzüberschreitung des Klerus in weltliche, vorwiegend politische Handlungsfelder definiert. Der Klerikalismus startet historisch in der Spätantike als kirchlicher Herrschaftsanspruch über die Gesellschaft, wurde mit der Konfessionalisierung und Verkirchlichung des Christentums in der Neuzeit zu einem Führungs­anspruch über das Leben der Laien, und wird heute, nach dem Ende kirchlicher Sanktionsmacht, wo es nichts mehr zu beherrschen gibt, zu einer mehr oder weniger fatalen Identitätstechnik von Priestern.

Frage: Wo beginnt Klerikalismus und was ist noch akzeptable Wertschätzung des Priestertums? 

Bucher: Klerikalismus beginnt, wo Priester primär an sich interessiert sind und nicht am Volk Gottes, zu dem sie gehören und für das sie da sind, dem gegenüber sie sich aber erhaben und überlegen zeigen. Entscheidend sind dabei nicht das Selbstverständnis oder die Selbstwahrnehmung der Priester, sondern die Erfahrungen, die andere mit ihnen machen. Dass sich diese Erfahrungen mit den Klerikern seit einiger Zeit auch in der Kirche Geltung verschaffen können, das ist das Neue. Früher war der Priester als "Heiliger Mann" in jeder Hinsicht sakrosankt, also unkritisier- und unberührbar. Weswegen seine Berührungen dann etwas ganz Besonderes waren. Priester werden wertgeschätzt, wenn sie als das erfahren werden, wofür es sie gibt: als Gnade für das eigene Leben. Dass es so etwas wie ein Weihepriestertum im Volk Gottes gibt, ist grundsätzlich eine wirkliche Chance. Es ist die personale Institutionalisierung des Glaubens des Volkes Gottes an die größere Gnade Gottes. Das muss aber halt auch so erfahren werden, zumindest immer mal wieder.

Bild: © Foto: Furgler

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz und Mitglied der feinschwarz.net-Redaktion.

Frage: Papst Franziskus hat den Klerikalismus als eine der Hauptursachen für sexuellen Missbrauch in der Kirche bezeichnet. Welchen Zusammenhang gibt es?

Bucher: Sexueller Missbrauch nutzt in Nahebeziehungen ein spezifisches Machtgefälle zu Lustgewinn, verlogener Intimität und Demütigung des anderen. Naheverhältnisse, die dazu ausgenutzt werden können, gibt es in familären, aber natürlich auch in seelsorglichen und pädagogischen Kontexten sehr viele. Klerikalismus ist bei Papst Franziskus durch Hochmut, Selbstbezüglichkeit und Abwertung der anderen charakterisiert. Dieser Gestus der Überlegenheit, religiös aufgeladen und gesellschaftlich akzeptiert, führt natürlich nicht notwendig zu sexuellem Missbrauch, machte ihn aber, zusammen mit einem spezifischen Schweigekartell auf allen Ebenen, lange möglich. Dieses Schweigekartell bröckelt langsam. Pater Mertes SJ, der in Deutschland dazu entscheidend beigetragen hat, hat schon lange kirchliche Auszeichnung verdient.

Frage: Wie entsteht Klerikalismus?

Bucher: Historisch entstand er, als in der Spätantike das Christentum einerseits die dominante Religion wurde und sich gleichzeitig der innerkirchliche Statusunterschied zwischen Laien und Klerikern immer mehr verfestigte. Heute speist sich Klerikalismus ironischerweise aus dem Zusammenbruch genau dieser Konstellation. Denn einerseits sind Priester in der katholischen Kirche immer noch rechtlich enorm privilegiert. Andererseits sind sie in einer Gesellschaft, in der nicht mehr die Religion die individuelle Lebensführung regiert, sondern situative biographische Bedürfnisse über die Nutzung religiöser Praktiken und Orte entscheiden, Priester mit einem fundamentalen Machtverlust konfrontiert: Nicht sie bestimmen mehr, wie Menschen leben sollen, sondern die Menschen bestimmen, ob sie etwas mit Priestern zu tun haben wollen. Kein kirchlicher Berufsstand muss sich daher gegenwärtig derart neu erfinden wie das Amtspriestertum. Ein – Gott sei Dank überschaubarer – Teil der Priester reagiert auf diese objektiv schwierige Situation mit klerikaler Schließung. Man setzt dafür dann auch die rituellen Praktiken und diskursiven Autoritäten der christlichen Religion ein. Das kann fatalerweise eine gewisse charismatische Verführungskraft entwickeln. Klerikalismus als statusbegründeter Selbstherrlichkeit und Selbstbezogenheit soll helfen, mit den eigenen Identitätsproblemen fertig zu werden. Er macht sie aber natürlich nur schlimmer, ja unlösbar.

Papst und Chiles Bischöfe

Für Papst Franziskus hängen Missbrauch durch Priester und Klerikalismus eng zusammen.

Frage: Vielfach heißt es, der Klerikalismus habe im deutschsprachigen Raum in den vergangenen zwei Jahrzehnten zugenommen. Stimmt das? Und wenn ja, warum ist das so?

Bucher: Paul Zulehner hat bereits vor einiger Zeit unter manchen jüngeren Priestern einen "sekundären Abwehrklerikalismus" diagnostiziert. Er entsteht in Reaktion auf den Stress des pluralen Außen, aber er ist kein Problem dieses Außen, sondern ein Problem des priesterlichen Innen, das den Volk-Gottes-Charakter der Kirche nicht in eine identitätsstabilisierende Praxis- und Lebensform übersetzen kann.

Zudem legte man Priestern bis vor kurzem einigermaßen problematische Identitätsstrategien nahe. Sie liefen darauf hinaus, priesterliche Identität wieder durch die Einschärfung alter Distanz- und Privilegierungsregeln gegenüber Laien zu stärken. Diese Initiativen waren kontraproduktiv gegenüber ihren eigenen Absichten und schädlich zuletzt für die Priester selber. Ekklesiologisch sind solche Versuche problematisch, denn sie definieren die Ämter und Dienste der Kirche gegeneinander, was die Einheit der Kirche untergräbt. Laien abwertende Initiativen zur priesterlichen Identitätssicherung sind aber auch organisationspsychologisch fatal. Denn sie senden eine höchst ambivalente Doppelbotschaft: Wer so gestärkt werden muss, ist offenkundig höchst gefährdet, wer solche ständisch operierende Unterstützung braucht, wird als schwach identifizierbar.

Das hat sich mit Papst Franziskus erfreulicherweise geändert. Er markiert treffsicher den Klerikalismus als Gestus der Unberührbarkeit, der Erhabenheit und der Abwertung der anderen. Wer als Priester, als sakramentaler, amtlicher Repräsentant der immer größeren Gnade Gottes, nicht zu den Kranken, den Armen, den Sündern geht, wer den Skandal der Überschreitung hin zu den Ausgeschlossenen nicht wagt, der verfängt sich als religiöser Funktionär fast automatisch im Netz des Klerikalismus und verspielt dabei nichts weniger als die eigene religiöse Berufung, ja sogar sein Heil. So sagt es der Papst und er hat Recht.

Frage: Ist Klerikalismus in der Kirche zumindest in einem gewissen Umfang nicht systembedingt? Kann man ihn ausrotten, solange man an einer "ontologischen Differenz" zwischen Klerikern und Laien festhält?

Bucher: Manchmal können als Auszeichnung gedachte Zuschreibungen pastoral und psychologisch verheerende Folgen haben, zumal, wenn sie in neuen Kontexten ganz neue Wirkungen entwickeln. Das trifft nicht nur für die angebliche "ontologischen Differenz" zu, sondern etwa auch für das "in persona Christi agere". Als welcher Christus handelt der Priester: als erhöhter Weltentriumphator oder als der leidende Gekreuzigte, der Diener aller?

Der Klerikalismus wäre systembedingt, wenn man die Geschichte der katholischen Kirche von der Spätantike bis kurz vor unsere Gegenwart für ihre einzige und gar normative Realisierungsform nimmt. Das darf man aber nicht, denn es würde zwei maßgebliche Zeiträume ausschließen, die biblische und unmittelbar nachbiblische Zeit wie auch unsere Gegenwart. Und ganz grundsätzlich gilt: Die Kirche als Volk Gottes auf dem Weg zu Gott ist eine geschichtliche Größe in ständiger Veränderung. Es hat ja auch schon viel Änderungen gegeben: Man war zum Beispiel einmal gegen Demokratie und Menschenrechte, für Judenmission und Todesstrafe und ist das alles jetzt aus guten Gründen nicht mehr.

Das II. Vatikanum definiert alle und alles in der Kirche von deren grundlegender Aufgabe, "Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes" zu allen Menschen zu sein. Auf dieser Basis, also einer sakramentalen Basis, ist die Erneuerung der Kirche und auch des Priestertums anzugehen.

Linktipp: Papst warnt neue Bischöfe vor Klerikalismus

Papst Franziskus will gegen Klerikalismus vorgehen. Für ihn ist er eine schwere Sünde. Daher hat er für eine Gruppe neuer Bischöfe aus aller Welt eine klare Botschaft.

Frage: Der Papst warnt oft vor einem Klerikalismus der Laien? Gibt es dieses Phänomen tatsächlich? Können sie konkrete Beispiele nennen?

Bucher: Denken Sie an die Eltern, die ihren missbrauchten Kindern nicht glaubten, denn der Herr Pfarrer mache so was nicht, oder an die Diskriminierung, die Opfer sehr oft, wenn sie sich öffentlich meldeten, als "Nestbeschmutzer" und "Verräter" erfahren haben. Herrschaft, gerade religiöse, entsteht immer bei den Beherrschten, dort kann sie freilich auch enden. Das ist ja gegenwärtig in unseren Breiten bei der klerikalen Herrschaft ziemlich weitgehend der Fall. Insofern besteht Hoffnung.

Frage: Was kann man gegen Klerikalismus tun?

Bucher: Ein reiner Appell an die priesterliche Standesethik, so notwendig er ist, wird nicht genügen. Man muss dem Klerikalismus entgegentreten, wo man ihn trifft. Ansonsten sollte man sich als Laie von klerikalen Priestern schlicht fernhalten. Das nimmt ihnen den Resonanzraum, den sie so dringend brauchen. Und klerikale Priester tun einem schlicht nicht gut. Gott sei Dank gibt es ja auch andere.

Grundsätzlich aber muss man die Frage offensiv angehen, wie das katholische Weihepriestertum seine Aufgabe im Volk Gottes jenseits seiner bisherigen massiv machtgestützten Form erfüllen kann. Sakramentale und jurisdiktionelle Ordnung der Kirche muss man unterscheiden, sie sind nicht identisch. Das Verhältnis von Jurisdiktion und Sakramentalität hat eine Geschichte und diese ist offen. Das katholische Weihepriestertum hat jedenfalls mehr Phantasie und Kreativität verdient, als gegenwärtig in seine Weiterentwicklung investiert wird.

Ich plädiere für seine gnadentheologische Zentrierung und eine viel größere Freiheit des Volkes Gottes, das konkrete Miteinander vor Ort charismen- und aufgabenorientiert selbst zu regeln. Nur so sehe ich die Chance, dass sich eine attraktive und flexible Vollzugsgestalt des katholischen Weihepriestertums entwickelt, die den Klerikalismus nicht mehr nötig hat. Es bräuchte auf dieser Basis dann auch eine grundlegende Reform der Priesterausbildung, die immer noch zu sehr auf eine künstlich geschaffene Einheitskultur hinausläuft, wie Kollege Wolfgang Reuter kürzlich völlig zu Recht festgehalten hat.

Frage: Wie sieht eine Kirche ohne Klerikalismus aus?

Bucher: Sie ist aufmerksam, solidarisch, demütig.

Von Thomas Jansen