Orthodoxe Christen feiern Ostern.
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Samstag ist "Kleine Auferstehung"

Für die Griechen ist Ostern das höchste Kirchenfest. Orthodoxe Ostern werden immer am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond der ersten Tagundnachtgleiche des Jahres gefeiert.

Von Alexia Passias |  Bonn - 06.01.2015

Die griechisch-orthodoxe Gemeinde Hl. Fotini der Samariterin in der Sankt-Bernhard-Kirche in Karlsruhe hat zu Ostern großen Zulauf. Normalerweise feiert Pfarrer Archimandrit Petros Bozinis nur sonntags einen Gottesdienst. Doch in der Karwoche findet fast jeden Tag eine Messe statt. Eröffnet wird die "Große Woche" mit dem Palmsonntag. Die Leidensgeschichte Jesu wird vorgelesen. In der Liturgie steht die Segnung von Palmzweigen im Mittelpunkt.

Evangelia Deli, ihr Mann Konstantinos Triantafillidis und die Kinder Katarina, Dimitra und Emmanuel sind regelmäßige Kirchgänger. Kein Wunder: Emmanuel ist Ministrant, sein Vater Kirchensänger. Und so wundert es auch nicht, dass die Familie sich mit den griechisch-orthodoxen Bräuchen gut auskennt. "Die Fastenzeit beginnt am Rosenmontag", erzählt Katarina. "Wir essen kein Fleisch, keinen Fisch und keine Milchprodukte. Nur Oktopus, Kalamaris, Muscheln und Sepia sind erlaubt, weil diese Meerestiere kein Blut haben."

Ein Kranz mit Dornen

"Am Mittwoch bringen die Frauen Mehl mit in den Gottesdienst, das Pfarrer Bozanis weiht", berichtet Evangelia Deli. "Damit backen wir am Sonntag Brot." Der Gottesdienst der Ölsalbung erinnert an die Myrrhe salbende Frau, die Jesus Christus wenige Tage vor seinem Einzug nach Jerusalem die Füße mit Öl gesalbt hatte.

Am "Großen Donnerstag" wird die heilige Eucharistie gefeiert. Am Morgen färben die Frauen in Griechenland die Ostereier mit roter Farbe. Rot müssen sie sein, denn sie sollen das Blut des geschlachteten Lammes symbolisieren. Am Abend werden beim Gottesdienst der Kreuzigung die zwölf Evangelien gelesen. "Jeder bringt zum Gottesdienst einen Kranz mit Dornen mit", erwähnt Katarina. "Ein großes hölzernes Kreuz wird durch die Kirche getragen und anschließend mit einem weißen Laken verdeckt."

Es ist eine große Ehre für die Männer, das Grab zu tragen.

Zitat: Konstantinos Triantafillidis

Karfreitagsprozessionen auf den Straßen

Mädchen schmücken morgens am "Großen Freitag" den Baldachin des Epitaphios, des Grabtuches Jesu, mit Blumen. Sie legen rote und weiße Nelken an und schmücken das Tuch prunkvoll. Dann legen sie Jesus auf das Tuch, das in Griechenland geweiht wurde. Vor dem Abendgottesdienst laufen die Kinder unter dem Epitaphios hindurch, um gesegnet zu werden. "In Griechenland finden abends die Karfreitagsprozessionen auf den Straßen statt", erzählt Konstantinos Triantafillidis. "Es ist eine große Ehre für die Männer, das Grab zu tragen. Wir tragen den Epitaphios einmal um die Kirche. Dann singen wir Kirchensänger die Engomia, die Lobgesänge."

Der byzantinische Gesang während dieser Handlung gehört zu den eindrucksvollsten der Orthodoxie überhaupt. Vom Tod im Frühling, wenn alles grünt und bunt wird, sprechen die auf Altgriechisch gesungenen Texte. Zu diesem Gottesdienst trägt man entweder Schwarz wegen der Trauer oder Rot wegen des festlichen Anlasses. In Athen wird das Grabtuch Jesu durch die an die Kirche angrenzenden Straßen getragen. Entlang der Prozession sind die Balkons der Wohnhäuser an diesem Frühlingsabend voll beleuchtet.

Während Hunderte von Menschen an dieser Grablegungsprozession teilnehmen, regnet es von Fenstern und Balkons Blüten auf die langsam vorbeiziehende Menge, die einem Lichtermeer gleicht. In kleinen Städten treffen Prozessionen von allen Kirchen an einem Ort zusammen, wo gemeinsam gebetet wird, ehe die Prozessionen zu ihren Kirchen zurückkehren.

Weiße Nelken und Osterbrot

"Am Ostersamstag gehen wir morgens um halb acht in die Kirche und feiern die 'Kleine Auferstehung'", sagt Katarina. Der Glaube bekundet, dass Jesus in den Tod hinabgestiegen ist und die Fesseln derer löste, die in der Unterwelt, dem Hades, waren. "Pfarrer Bozanis bewirft uns mit weißen Nelken. Wer möchte, kann die Kommunion empfangen. Der Samstag ist unser strengster Fastentag. An diesem Tag verwenden wir auch kein Olivenöl. Oliven selbst sind erlaubt", erzählt Konstaninos Triantafillidis. Die Frauen backen Tsoureki, das traditionelle Osterbrot, das mit den rot gefärbten Eiern verziert wird.

Höhepunkt ist die Osternacht von Samstag auf Sonntag: Am Abend schreiten die Menschen mit weißen, geschmückten Kerzen in die Kirche. Kurz vor Mitternacht gehen die Lichter in der orthodoxen Kirche aus und der Pfarrer tritt mit dem Osterfeuer hervor. "Kommt und nehmt euch das Licht", singt der Kirchenchor. Von Kerze zu Kerze flackert innerhalb weniger Minuten ein Meer von Lichtern auf. Der Pfarrer liest aus dem Evangelium und verkündet mit lauter Stimme das erlösende "Christos Anesti" (Christus ist auferstanden), worauf die Gemeinde jubelnd antwortet "Alithos Anesti" (Er ist wahrhaftig auferstanden). Die Auferstehung Christi wird schließlich mit dem Liebeskuss, einer freudigen Umarmung, am Ende der Kerzenprozession, dem wichtigsten Zeremoniell der griechischen Ostern, gefeiert.

Rote Eier, Majiritsa und Mezedes

Nun kommen auch die roten Ostereier zum Einsatz: Jeder nimmt sich ein Ei, dann werden beide mit den Spitzen aneinander geschlagen. Das eine geht dabei kaputt, das andere bleibt ganz. Der Gewinner darf traditionell das kaputte Ei einstecken. Ihr rotes Ei bewahren die Griechen ein Jahr in einem kleinen Altar zu Hause auf, bis es dann nächstes Jahr zu Ostern zum Grillen des Osterlamms ins Feuer geworfen wird.

Das Fest kann beginnen: Die lange Fastenzeit nimmt nun ein Ende.

Die Menschen tragen die neue Flamme, die sie manchmal in einer Laterne transportieren, nach Hause, um die Öllampe vor der Familienikone neu zu entzünden und um mit dem Ruß ein Kreuz über die Eingangstür zu machen. Dann sitzt die Familie zusammen, um das traditionelle Nachtmahl, die Majiritsa, eine Ostersuppe aus Lamminnereien, zu essen, dazu Salat und Käse, frisches Brot und ein rotes Ei. Denn die Mahlzeit muss nach der Fastenzeit, auch wenn sie nicht mehr so streng eingehalten wird wie früher, leicht und bekömmlich sein.

Nach der Stärkung des Geistes am Ostersamstag geht es am Ostersonntag um das leibliche Wohl. Freunde und Verwandte kommen zusammen, um ab zwölf Uhr mittags ein Lamm, eine Ziege oder ein Schaf zu essen. Griechenland gleicht an diesem Tag einem riesigen Picknick-Platz. Viele Familien fahren aufs Land und grillen im Freien. An Nachbarn und Vorbeigehende werden Mezedes verteilt: Häppchen von Leber, Eiern, Salat und Käse und Kostproben des knusprigen Lammbratens. Laute und fröhliche Musik begleitet das Fest, das in der griechisch-orthodoxen Tradition die Stellung einnimmt, die im Westen das Weihnachtsfest hat.

Auch bei Familie Deli/Triantafillidis geht es an Ostern gesellig zu: "Wir haben immer Gäste zu Ostern", erzählt Evangelia Deli. "Dieses Jahr kommt der Patenonkel von Emmanuel aus Griechenland zu Besuch. Dann werden wir gemeinsam eine Ziege essen."

Von Alexia Passias