Der Jesuitenpater Klaus Mertes ist heute Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien.
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Exklusiv: Pater Klaus Mertes über die DBK-Studie und die Missbrauchskrise der Kirche

Die Weltkirche wird sich grundlegend verändern müssen

3.677 Opfer, mindestens 1.670 Täter: Diese Zahlen offenbart die neue Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe. Im katholisch.de-Standpunkt analysiert Jesuitenpater Klaus Mertes die derzeitige Kirchenkrise.

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 13.09.2018

pater klaus mertes

Die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie ist vorab an die Presse durchgestochen worden. Man mag sich darüber ärgern, aber es ist auch ein Zeichen: Die Kirche verliert die Kontrolle und damit auch die Deutungshoheit über die Aufarbeitung von Missbrauch. Die Hamburger "Zeit" legt nun die erste Deutung über "das Ausmaß des Verbrechens" vor. Das Ergebnis ist deutlich, gerade auch in dem Maße, in dem die beiden Autorinnen des Artikels die wichtigsten Einsichten differenziert darstellen. Was bisher nur in Einzelstudien belegt war, wird durch die Zahlen nun in kompakter Form sichtbar und dadurch auch übertroffen. Zugleich bleibt festzustellen: Kommentiert werden können zunächst nur die Pressemeldungen über die Studie, nicht die Studie selbst. Das gilt auch für die folgenden Überlegungen.

Kontrollverlust zulassen: Ich vermute, dass es genau dies ist, worum es geht. Die ersten Pressereaktionen weisen auf ein Glaubwürdigkeitsmanko in der Anlage der Studie hin, das mit der Frage der Kontrolle zusammenhängt. Bemerkenswert ist, dass die Autoren das Problem selbst insbesondere am Thema der direkten Akten-Einsicht ansprechen. Das Problem ist nachvollziehbar. Zunächst: Jede Untersuchung, die von derjenigen Institution in Auftrag gegeben wird, die untersucht werden soll, steht allein schon deswegen unter Verdacht, gesteuert zu sein, vor allem dann, wenn das institutionelle Versagen der Verantwortlichen in der Institution, also die Vertuschung untersucht werden soll. Das trifft dann auch auf alle noch so einleuchtenden Begründungen dafür zu, warum sie Personalakten nicht komplett und nicht-anonymisiert zugänglich machen kann – aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes oder welchen Gründen auch immer.

Kein Zweifel an der Seriosität

Das Konsortium hat sich trotz dieser Schwächen an die Arbeit gemacht. Ich zweifle nicht an der Seriosität der Autoren. Sie hätten sich nicht an die Arbeit begeben, wenn sie zu dem Urteil gekommen wären, manipuliert zu werden. Die Untersuchungen in Pennsylvania, Irland und Australien wurden nicht von der Kirche initiiert, sondern von Kommissionen, die in eigener Vollmacht Akteneinsicht verlangten und auch durchsetzten. Das erhöhte und erhöht die Glaubwürdigkeit ihrer Berichte – auch für den Fall, dass sie aus Gründen der Persönlichkeitsschutzrechte Namen anonymisierten. Doch ich finde, daraus kann man der Kirche in Deutschland nicht den Vorwurf machen, dass sie es war, die diese Studie initiierte. Nur: Damit gibt es eben auch das Glaubwürdigkeitsproblem.

Die Kirche kann ihr Glaubwürdigkeitsproblem nicht in eigener Regie lösen. Aber sie könnte Konsequenzen auch in ihren eigenen Strukturen dahingehend ziehen, dass sie selbst mehr zu einer glaubwürdigen Aufarbeitung beitragen kann, zum Beispiel durch mehr innerkirchliche Gewaltenteilung. Warum kann es nicht auch in der Kirche eine "Gewalt" geben, die nicht im Auftrag der Hierarchie, sondern in eigener Vollmacht Missbrauch und Amtsversagen untersuchen, Akteneinsicht fordern und in eigener Verantwortung die Öffentlichkeit informieren kann?

Gewaltenteilung in der Kirche – hier geht es nicht nur um eine altbekannte Reformagenda, die anlässlich des Missbrauchsskandals wieder aufgewärmt wird. Das ist ja einer der ermüdenden innerkirchlichen Abwehrreflexe: Forderungen nach Reform der Strukturen im Kontext der Aufarbeitung von Missbrauch seien "Missbrauch des Missbrauchs", weil da der Missbrauch für eine kirchliche Reformagenda instrumentalisiert werde. Das überwältigende Versagen und die nicht enden wollenden Schreckensmeldungen über Missbrauch und Vertuschung, denen noch viele folgen werden – wir reden ja noch gar nicht über Osteuropa, Afrika, Asien und so weiter – führen zu Fragen, die tiefer reichen als die der klassischen Lagerbildungen. Die Weltkirche wird aus dieser tiefen Krise grundlegend verändert hervorgehen. Es geht gar nicht anders. Die Alternative ist, dass es so weitergeht wie bisher. Denn auch dies stellt die Studie – nicht überraschend – fest: Der Missbrauch geht weiter.

Wer hat wann was gewusst?

Die Betroffenen haben die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch durch ihr Sprechen ermöglicht. Von Anfang an haben sie darauf bestanden, dass es bei der Aufklärung nicht nur um die Täter, sondern auch um die "Verantwortungskette" geht. Wer hat wann was gewusst? Und wer hat wann wie gehandelt? Aber das ist auch die Frage der großen Mehrheit der Katholiken, die Frage der vielen, die in der Kirche ihre Heimat haben, aus dem Evangelium und den geistlichen Gaben der Kirche Kraft schöpfen, in diesem Geiste Verantwortung in Kirche und Gesellschaft, in Gemeinden, Schulen, Flüchtlingsunterkünften, Krankenhäusern, Verbänden und Parteien übernehmen (ganz zu schweigen von denen, die in den letzten Jahren an der Basis herausragende Arbeit im Bereich der Prävention von Missbrauch geleistet haben. Ihnen sei an dieser Stelle auch einmal gedankt). Sie alle haben ein Recht nicht nur auf eine Aufklärung, die strukturell so aufgestellt ist, dass sie Vertrauen ermöglicht, sondern auch darauf, dass von den Entscheidern in der Kirche Verantwortung übernommen wird – nicht nur durch Bitten um Verzeihung, sondern durch tiefgreifende Entscheidungen. Die Studie nennt Themen, an denen es früher oder später kein Vorbei mehr geben wird: Das Verständnis geistlicher Macht, Umgang mit autoritär-elitären Gruppenbildungen in der Kirche, Klerikalismus, Homophobie bis in die katholische Sexualmoral hinein, männerbündisch-zölibatäre Zugangsstruktur zum Klerus, fehlende Beteiligungsverfahren bei Bischofsernennung, Abwesenheit einer unabhängigen Verwaltungs- und Disziplinargerichtsbarkeit in der Kirche, und so weiter.

Anthony Fisher, Erzbischof von Sidney, sagte dieser Tage vor der Royal Commission: "Meine Kirche hatte kein Mitleid mit den Opfern von Priestern, denn wir wollten keinen Skandal ... Der Missbrauch stach uns in die Augen, aber wir wollten ihn nicht sehen." So war es. So ist es, und so wird es bleiben, wenn aus dieser Selbsterkenntnis keine ganz grundlegenden Taten und Entscheidungen folgen, nicht nur für Deutschland, sondern für die Weltkirche.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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