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Standpunkt

Es braucht einen radikalen Schnitt bei der Priesterausbildung!

Wenn mit Blick auf den Missbrauchsskandal das gesamte "System Kirche" Problem ist, sollte schnell gehandelt werden, meint Björn Odendahl - am besten mit einer Reform der Priesterausbildung. "Weg vom Konstrukt des Priesterseminars", sagt er.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 07.11.2018

Nein, das hier ist kein Allheilmittel gegen den sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche. Dazu spielen zu viele verschiedene Faktoren eine Rolle: Machtstrukturen, eine Selbstüberhöhung der Institution Kirche, Klerikalismus und die Tabuisierung von Sexualität – um nur einige zu nennen.

Wo also anfangen, wenn – so war es jetzt mehrfach zu lesen – das gesamte "System Kirche" das Problem ist? Wie wahrscheinlich ist es, dass die katholische Kirche sich bald selbst überdenkt und zu dem Schluss kommt, ihre Heiligkeit und damit Unantastbarkeit verspielt zu haben? Auch am Weiheamt wird dogmatisch vorerst wohl nicht gerüttelt werden. Umso wichtiger ist es, nun auf ganz praktischer Ebene schnell zu handeln: bei der Ausbildung der Priester.

Denn noch immer treten junge Männer oft ohne Lebenserfahrung in das Priesterseminar ein – und damit in eine Parallelwelt, die sie von jeder Eigenverantwortung befreit. Der Tagesablauf ist vorgegeben. Von der Hausarbeit ist man ebenso befreit wie von Steuererklärungen, Mietnebenkosten oder Hausratversicherungen. Wer Priester wird, dem zeigt man schon hier: Du bist etwas Besonderes. Dass man dadurch wichtige Schritte auf dem Weg zum "Erwachsenwerden" eliminiert, scheinen die Verantwortlichen in Kauf zu nehmen. Was man dafür bekommt? Kontrolle. Im abgeschotteten Raum des Priesterseminars potenziert sich jedoch weitere Gefahren: die der männerbündischen Strukturen, der Tabuisierung von Sexualität, der Denunziation derer, die auch einmal an den moralisch hohen Ansprüchen der Kirche scheitern.

Zugegeben: In vielen Seminaren geht es mittlerweile offener zu. Zudem gibt es in Deutschland schon seit Jahren Leitlinien zur Missbrauchsprävention. Allerdings, so zeigt die jüngste Missbrauchsstudie, hat das bisher nur bedingt geholfen. Statt an Stellschrauben zu drehen, braucht es daher einen radikalen Schnitt: weg vom Konstrukt des Priesterseminars hin zu einem "normalen" Theologiestudium in der Welt, zu einem Leben in der WG, zu vermehrten Einsatz in der Gemeinde, zu einer Ausbildung unter verstärkter Mitwirkung von Laien im Allgemeinen und Frauen im Speziellen. Erst, wer sich dort bewiesen hat und gereift ist, sollte die Entscheidung treffen dürfen: Ich werde Priester.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

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