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Standpunkt

Warum jeder Papst heute Hassobjekt wäre

Auch früheren Päpsten wurde bereits Häresie vorgeworfen. Doch Papst Franziskus trifft es in letzter Zeit auffallend häufig. Das hat mit einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, kommentiert Gudrun Sailer.

Von Gudrun Sailer |  Bonn - 07.05.2019

redakteurin gudrun sailer

Päpsten Irrglaube zu unterstellen, hat eine lange Tradition. Den Papst aus Argentinien trifft es aber besonders häufig, erst vor ein paar Tagen kam der jüngste Häresievorwurf. 19 eher wenig bekannte Akademiker etlicher Fachrichtungen – nicht alles Theologen – forderten die Bischöfe kollektiv auf, gegen Franziskus zu ermitteln und ihn unter Druck zu setzen, sodass er von seinen Irrlehren "abschwöre".

Solche Elaborate sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Am erschreckendsten sind die Kommentare über Franziskus, die in gewissen Online-Foren auflaufen. Dort hat der Hass auf diesen Papst wahrhaft diabolische Züge angenommen.

Auf das Sammelsurium der Häresievorwürfe gehe ich nicht ein. Meine Frage lautet: Wie konnte sich Kritik am Papst, die grundsätzlich legitim ist, zu einem solchen Hochgebirge des Hasses auftürmen? Und was genau ist das Objekt dieses Hasses? Kann es sein, dass diese "sprungbereite Feindseligkeit" (Benedikt XVI.), all das Kämpferische, Geifernd-Widerständige, das sich an Franziskus entzündet, in Wirklichkeit jeder Form von Entwicklung im Glauben gilt?

Es gibt ein technisches Instrument, das aus meiner Sicht den massiven Hass auf Franziskus beflügelt hat: die sozialen Netzwerke, unsere heutige Form von Kommunikation. Das, was wir am Werk sehen, ist in Wirklichkeit keine Kirchenrevolution, sondern eine Medienrevolution. Wir haben uns noch nicht gewöhnt an die sagenhaften Möglichkeiten und Effekte dessen, was uns heute medial umgibt, umgarnt und formt. Wir rotten uns gerne in unseren Filterblasen zusammen. Quer über den Globus und in Echtzeit. Wir lassen uns ansprechen, stimulieren, miteinbeziehen. Und wenn wir nicht achtgeben, lassen wir uns aufwiegeln.

Was Johannes Paul II. zu seiner Zeit alles gemacht hat! Große Vergebungsbitte für Verfehlungen der Kirche im Jubiläumsjahr 2000, der erste Besuch eines Papstes in einer Moschee, in einer Synagoge, in einer evangelischen Kirche. Hüben und drüben waren alle dagegen – er hat es gemacht. Das war um nichts weniger "häretisch" als das, was Franziskus so anstellt. Unkommentiert blieben die mutigen Gesten Johannes Pauls nicht. Aber Häresievorwürfe von ultrarechts verpufften irgendwie. Online-Petition, Web-Agitation und digitale Vernetzung gab es noch nicht.

Ein Gegengift für die digitale Radikalisierung wird nicht leicht zu finden sein. Und so ist heute ausnahmslos jeder, der in der Öffentlichkeit steht, auch blankem Hass ausgesetzt. Der Nachfolger von Franziskus, wer immer er sein und was immer er sagen wird, wird das ebenso zu spüren bekommen wie der heutige Papst. Besonders dann, wenn er sich – wie Franziskus – erlauben sollte, Dinge vom Evangelium her neu zu sehen.

Von Gudrun Sailer

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Redakteurin bei "Vatican News".

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