Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Kaplan Christian Olding über das heutige Sonntagsevangelium

Warten auf das Warten

Am Bahnhof, in der Kassenschlange, beim Arzt: Warten nervt. Im Sonntagsevangelium fordert Christus, dass wir in uns Geduld üben, das Warten lernen. Warum nur? Kaplan Christian Olding legt den Text aus.

Von Christian Olding |  Bonn - 07.08.2016

Impuls von Kaplan Christian Olding

Jeder kennt das und keiner mag das, aber auf irgendetwas warten wir fast immer. Wir warten auf den Feierabend, auf die Bahn, auf die Mittagspause, an der Supermarktkasse. Wartezimmer, Warteschleifen, Wartezonen. Ich würde mal behaupten, bei keinem lösen diese Begriffe echte Glücksgefühlte aus, sondern führen eher zu einem leiderfahren Augenverdrehen.

Deshalb heißt es heutzutage: Nur keine Langeweile aufkommen lassen in diesen ausweglosen Momenten und schnell den Griff zum sozialen Dauergeräusch tätigen: Das Handy. Ob Chatten, Facebooken, WhatsAppen mit ach so wichtigen Emojis oder die neueste Kampfarena der Pokemons erobern.

So klingt es für manch einen nach längst vergangenen Zeiten, als man während des Wartens noch in den Himmel schaute, eine Wand anstarrte, andere Leute aufmerksam beobachtete, ausharrte und sich in Geduld übte.

Einer jedenfalls ermutigt zu dieser altertümlich anmutenden Verhaltensweise. Er fordert sie sogar ein. Jesus will, dass man auf ihn wartet. Und warum? Weil es sich lohnt, sagt Jesus. So einfach ist das. Wenn Jesus nämlich kommt, wird er sich die Schürze umbinden und mich bewirten. Die oft bedrückenden Verhältnisse der Welt werden auf den Kopf gestellt.

Das braucht einen langen Atem. Denn es geht darum, jeder Zeit mit ihm zu rechnen, auch wenn eben nicht klar ist, wann er wiederkommt. Wer so lebt, schult seine Wachsamkeit und Entschlossenheit. Er lässt sich die Botschaft und den Auftrag Jesu zu Herzen gehen, macht sie zu seiner persönlichen Angelegenheit. Auf Jesus warten, bedeutet, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen.

Wir leben in komplexen Zeiten, die keine einfachen Antworten mehr vertragen. In Zeiten der Trumps, Erdogans, Shinzo Abes und Putins gibt es davon nämlich genug. Da täte es manchmal gut, sich zurückzunehmen, zu warten und wachsam die Vorgänge zu beobachten, bevor man den Mund öffnet und Dinge tut, die definitiv nicht dem Leben dienen.

Während diese Herren durchaus mit Nachdruck Menschen ihre Haltungen aufzwingen, zwingt Jesus niemanden. Aber eines muss klar sein. Jedes Handeln oder Unterlassen hat Konsequenzen und transportiert ein Bild nach außen. Ob ich als Christ meine Überzeugungen lebe oder damit hinter dem Berg halte, beides ist ein deutliches Statement. "Nein"-Sager, Verneiner und Klugscheißer laufen schon in Scharen herum - ich glaube daher, es tut gut, dem Evangelium zu trauen und sich jeden Tag gegen Angst und Hass zu erheben.

Das Böse ist nicht auszurotten. Doch ich bin Christ. Deshalb warte ich auf Jesus und rechne mit ihm. Und deshalb bleibt die Welt nicht, wie sie ist.

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 12, 32-48)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.

Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst.

Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Legt euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft.

Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach - selig sind sie.

Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht.

Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. Da sagte Petrus: Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen? Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt?

Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Wahrhaftig, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.

Wenn aber der Knecht denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht zurück!, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen; wenn er isst und trinkt und sich berauscht, dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.

Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Der Autor

Christian Olding ist Kaplan in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.

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