Francois Hollande war von 2012 bis 2017 Staatspräsident der Französischen Republik.
Frankreichs Staatspräsident Hollande besucht am Mittwoch Papst Franziskus

Treffen im Schatten des Terrors

Politik - Wenn der glücklose französische Staatspräsident Francois Hollande am Mittwoch Papst Franziskus besucht, gibt es viel zu besprechen: Islam und Laizismus etwa, Terrorismus und Märtyrertum.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Paris/Vatikanstadt - 16.08.2016

Ob der Staatspräsident beim Vier-Augen-Gespräch mit seinem Namensvetter Franziskus am Mittwoch im Vatikan über die Solidarität mit den Opfern hinaus womöglich auch kritische Anfragen hören muss, wird sich zeigen.

Denn Frankreichs Gesellschaft, noch von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) stolz die "älteste Tochter der Kirche" genannt, hat sich seitdem immer mehr vom Christentum abgewandt. Das Verhältnis von Laizität und Laizismus hat sich zu einem Dauerspannungsfeld entwickelt. Sprich: Nutzt der Staat seine weltanschauliche Neutralität, um freie Religionsausübung zu schützen und zu begünstigen - oder definiert er den öffentlichen Raum als frei von religiösem Bekenntnis? Die widersprüchlichen Urteile französischer Gerichte zum Tragen religiöser Symbole spiegeln eine enorme gesellschaftliche wie behördliche Verunsicherung wider.

Seit 2012 werden Bastionen bürgerlich-christlicher Werte geschleift

Mit diversen Gesetzen haben Hollandes Sozialisten seit 2012 einstige Bastionen bürgerlich-christlicher Werte geschleift. Die "Homo-Ehe" wurde eingeführt, embryonale Stammzellforschung bedingt zugelassen; dazu ein Gesetzesvorstoß für aktive Sterbehilfe und eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze. Auch das erst im Mai beigelegte diplomatische Tauziehen um die Ernennung des homosexuellen Laurent Stefanini (56) zum Pariser Botschafter beim Heiligen Stuhl ist keineswegs vergessen. Bei der Audienz am Mittwochnachmittag wird Hollande neben Innenminister Bernard Cazeneuve auch vom letztendlich ernannten Philippe Zeller (63) begleitet.

Bild: © KNA

In der Nähe der Pariser Konzerthalle Bataclan, in der Terroristen am 13. November 89 Menschen töteten, hält eine Frau drei Tage später eine beschriftete französische Flagge.

Und schließlich die außergewöhnliche Intervention der laizistischen Regierung Manuel Valls gegen den Lyoner Kardinal Philippe Barbarin. Nach Vorwürfen eines einstigen Missbrauchsopfers, der heutige Primas von Frankreich habe vor Jahren in verantwortlicher Position entsprechende Anschuldigungen gegen einen Priester nicht verfolgt, hatte Ministerpräsident Valls unverhohlen (und sehr früh) Barbarins Rücktritt gefordert. Die Ermittlungen wurden unterdessen eingestellt.

Zweites Treffen mit Hollande

Am Ende weiß aber auch der Vatikan: Frankreich wird als intakter politischer Akteur gebraucht, um weiter ein Motor für die stotternde EU sein zu können. Und zudem: Schlägt man auf einen ohnehin geprügelten Hund weiter ein? Die zweite Begegnung von Franziskus und Francois (nach Januar 2014; siehe Bild) dürfte vor allem im Zeichen des islamistischen Terrors in Frankreich und in der postkolonialen frankophonen Welt stehen.

Einig sind sich die beiden, dass Islam und Gewalt - auch trotz der jüngsten Anschläge - keineswegs gleichzusetzen sind. Das ist wichtig für ein Land, in dem wohl mehr als 5 Millionen Muslime unter 66 Millionen Franzosen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft sind. Die meisten von ihnen sind Einwanderer aus den früheren Kolonien in Nordafrika: Algerien, Marokko und Tunesien. Zentren des Islam (und des Islamismus) in Frankreich sind die Vorstädte von Paris, Marseille, Lyon und Straßburg.

Vatikan: Hollande privat beim Papst

Der vatikanische Pressesaal bestätigte das Treffen Hollandes mit dem Papst am Montag mit dem Hinweis, die Begegnung am Mittwochnachmittag sei privat. Italienischen Medienberichten zufolge fiel die Entscheidung für den Papstbesuch nach der Ermordung des Priesters Jacques Hamel bei Rouen am 26. Juli. Vor seinem Treffen mit Franziskus soll Hollande die französische Nationalkirche "San Luigi dei Francesi" in Rom aufsuchen, um dort der Terroropfer zu gedenken. (luk/KNA)

Franziskus stellte zuletzt klar, man könne wohl die Terroristen des "Islamischen Staates" als gewalttätig bezeichnen, nicht aber den Islam als ganzen. "Wenn ich von islamischer Gewalt spreche", so der Papst, "dann muss ich auch von katholischer Gewalt sprechen". Interessant dürfte in diesem Kontext auch das Thema Jacques Hamel sein. Dem 85-jährigen Priester schnitten Islamisten Ende Juli bei Rouen brutal die Kehle durch. Der Erzbischof der Region, Dominique Lebrun, warf am Wochenende einen Stein ins Wasser: Hamel könnte als christlicher Märtyrer durchaus seliggesprochen werden.

Klar ist bei allem Getöse der Tagespolitik: Frankreich ist längst im Wahlkampfmodus 2017. Im März war der bürgerliche Zappelphilipp Nicolas Sarkozy bei Franziskus - und er wird nicht angestanden haben, kräftig in die Kerbe der sozialistischen Fauxpas zu hauen. Die Kandidatin des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, ist derzeit noch ein No-go im Vatikan. Nun hat also Amtsinhaber Hollande seine Gelegenheit zur Profilierung. Wo wird am Ende der Vatikan den Weg Frankreichs sehen zwischen Skylla, Charybdis und Cholera?

Linktipp: "Katholischsein ist etwas Exotisches"

Frankreich ist in ethischen Fragen gespalten wie nie. Während die Regierung neue Gesetze vorlegt, gehen Zehntausende auf die Straße, um für ihr Bild von Familie und Leben zu demonstrieren. Der Chefredakteur der christlichen Wochenzeitung "La Vie" spricht darüber. (Artikel von 2014)

Von Alexander Brüggemann (KNA)