Schaufelradbagger fräst sich in einen Hang hinein. Oben wächst erntereifes Korn.
Theologe und Biologe Ulrich Lüke über den Braunkohletagebau

"Hautkrebs am Körper der Heimat"

Am Sonntag schlägt die letzte Stunde des "Immerather Doms", der im Abbaugebiet des Braunkohletagebaus liegt. Der Theologe Ulrich Lüke findet klare Worte über eine Form der Energiegewinnung, die einer ökologischen Katastrophe gleichkomme.

Aachen - 11.10.2013

Portätfoto Ulrich Lüke, schlanker Mann Anfang 60 mit Brille und grauem Haar.

Ulrich Lüke ist Theologe und Biologe, Priester und Seelsorger. Er ist Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen.

Frage: Welche Folgen hat der Braunkohletagebau für die Heimat der betroffenen Menschen?

Lüke: Es ist ein ganz starker Einschnitt, die Heimat wird unwiderruflich zerstört. Diese Art von Landschaftsfraß, bei dem 200 Meter tiefe Löcher in die Gegend gegraben werden, ist wie Hautkrebs am Körper der Heimat. Es geht so viel verloren: Herrenhäuser, Burgen, Windmühlen, Klöster, Kirchen.

Frage: Hat der Braunkohletagebau in Ihren Augen eine Zukunft?

Lüke: Nein, er ist definitiv ein energiepolitisches Auslaufmodell. Wenn wir in zehn Jahren darauf zurückgucken, was wir kaputtgeschlagen haben und erkennen, welche Folgekosten wir zahlen müssen, werden wir uns vor die Stirn schlagen. Der immense Landschaftsverbrauch, der unverantwortliche CO2-Ausstoß, der ökologische Wahnsinn, die Zerstörung von Heimat: Ich finde wirklich nur gute Argumente dagegen, mit der Kohle Kohle zu machen.

Es ist eine Schande, dass man diese Ende des 19. Jahrhunderts erbaute, prachtvolle Kirche einfach in die Tonne kloppt.

Zitat: Ulrich Lüke über den Immerather Dom

Frage: Wie schaffen es Energiekonzerne dennoch, ganze Orte zu versetzen, ohne dass alle Einwohner auf die Barrikaden gehen?

Lüke: Indem sie den Keim der Desolidarisierung in die Gemeinden einführen. Sie kaufen einzelne Häuser und Gehöfte und damit entsteht ein Dominoeffekt. Am Ende haben diejenigen, die da bleiben das Gefühl: Es ist nichts mehr zu retten.

Frage: Wie zum Beispiel auch der Immerather Dom …

Lüke: Es ist eine Schande, dass man diese Ende des 19. Jahrhunderts erbaute, prachtvolle Kirche einfach in die Tonne kloppt. Die Immerather haben sie nach dem Krieg mit viel Liebe und Engagement wieder aufgebaut. Da geht mehr kaputt, als nur ein Bauwerk. Der neue Ort, in den das Dorf umgesiedelt ist, hat nur noch einen Andachtsraum. Mit dieser doppeltürmigen Landschaftsmarke verschwindet auch der Herrgott aus dem Sichtfeld.

Kirchtürme im Abendlicht, herbstliche Blätter im Vordergrund, stimmungsvolles Bild

Ein Bild mit Verfallsdatum: Die beeindruckenden Kirchtürme von St. Lambertus in Immerath werden nicht mehr lange im Abendlicht leuchten. Das gesamte Dorf fällt dem Braunkohleabbau zum Opfer. Aufnahme vom Oktober 2013.

Frage: Aber was hätte man konkret dagegen tun können?

Lüke: Wenn ein Dorf, eine Stadt und eine Kirche nicht käuflich sind und entschiedenen juristischen Widerstand leisten, entsteht ein Bollwerk, das auch für einen Energiekonzern nicht einzunehmen ist. Das Bistum Aachen hat den Immerather Dom an die RWE verkauft , statt einen Widerstand zu organisieren. Man hätte hier gut mit den Grünen zusammenarbeiten können und sicherlich gibt es auch bei der CDU starke Gruppierungen, die es nicht sinnvoll finden, was hier passiert. Was wir hier erleben, könnte demnächst auch die Bistümer Münster oder Osnabrück treffen, wenn dort das Fracking [Erdgasförderung, Anm. der Redaktion] anfängt. Da sollte sich die Kirche gemeinsam mit Bürgerinitiativen jetzt schon zum Widerstand aufstellen.

Frage: Sollte sich die Kirche generell bei diesen Fragen mehr einmischen?

Lüke: Die Kirche sollte ihre ethische und ökologische Kompetenz bündeln und die Gesellschaft für Werte wie Heimat, Kulturlandschaft und Sozialgefüge sensibilisieren. Es gab vor einigen Jahren einen großen konziliaren Prozess der christlichen Kirchen für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Davon redet heute keiner mehr. Auch die Deutsche Bischofskonferenz hat schon einige kluge Dinge zur Ökologie gesagt hat. Ich würde mir einen Hirtenbrief zu dem Thema wünschen.

Frage: Was kann den Menschen in Immerath helfen, die sich nun von ihrer Kirche verabschieden müssen?

Lüke: Das ist nicht leicht zu beantworten. In dem Zusammenhang muss ich an eine Kirche in der Lausitz denken. Die hat man mitten im Abbaugebiet auf einem Sockel stehen lassen. Da kann man heute hinwandern. Vielleicht gäbe es auch in Immerath eine solche Möglichkeit, die Kirche, die für die Menschen so viel mehr ist als ein Bauwerk, zu erhalten.

Das Interview führte Janina Mogendorf

Letzter Gottesdienst in Immerath

Am 13. Oktober 2013 findet um 14.30 Uhr der letzte Festgottesdienst in Immerath bei Erkelenz statt. Danach wird die Kirche entwidmet.