Ein Holzschnitt, der den Ablasshandel zeigt
Historikerin über den Ablass als Geschäft mit der Sünde

"Vollkasko für das Jenseits"

Der Ablasshandel gilt als Symbol einer macht- und geldgierigen Kirche. Doch die Historikerin Christiane Laudage sieht das anders. Der Ablass sei besser gewesen als sein Ruf, behauptet sie in ihrem neuen Buch.

Von Volker Hasenauer (KNA) |  Freiburg - 29.10.2016

Luther wütete gegen geldgierige Päpste und den Ablass als "Geschäft mit der Sünde". Doch mehr als 300 Jahre lang war der Ablass ein enorm populäres und gesellschaftlich hoch angesehenes Finanzinstrument. Die Bonner Historikerin Christiane Laudage stellt ihr neues Buch vor, das den Ablass als weit verbreiteten, wichtigen Teil mittelalterlicher Frömmigkeit beschreibt.

Frage: Frau Laudage, in den Archiven finden sich unzählige Belege von Ablässen. Wie funktionierte dieses Loskaufen von Sündenstrafen?

Laudage: Der Ablass ist nur zu verstehen, wenn wir uns bewusst machen, wie eng im christlichen Europa des Mittelalters Religion und Alltagsleben miteinander verwoben waren. Wenn ein Katholik zur Beichte ging und seine Sünden bekannte, vergab ihm der Priester die Sünden. Aber er legte ihm zur Wiedergutmachung eine Bußstrafe auf. Und die konnte durchaus drastisch sein, etwa längeres Fasten bei Wasser und Brot oder öffentlich zu büßen. Genau diese Strafen konnten nun aber durch einen Ablass reduziert oder sogar aufgehoben werden.

Christiane Laudage im Porträt
Bild: © KNA

Christiane Laudage ist Historikerin und Mitarbeiterin im Ressort Archiv/Dokumentation Katholischen Nachrichten-Agentur.

Frage: Aber bald zielte der Ablass doch eher auf das Jenseits als darauf, die irdischen Bußstrafen zu reduzieren?

Laudage: Ja, die enorme Erfolgsgeschichte des Ablasses, seine rasche Verbreitung von Südfrankreich und Nordspanien aus bis in alle Winkel der Christenheit ist nur so zu erklären. Etwa ab dem 13. Jahrhundert glaubten die Menschen, mit dem Ablass ihre Zeit im Fegefeuer, also an einem Art Reinigungsort vor dem himmlischen Paradies, verkürzen zu können. Der Ablass war eine Vorauszahlung für das Jenseits, eine Investition für das ewige Leben.

Frage: Wofür aber bekamen die Gläubigen einen Ablass?

Laudage: Das ist das Erstaunliche. Der Ablass war eine Art Wunderwaffe, ein extrem vielseitig einsetzbares Element des kirchlichen Lebens. Er war Lohn für Almosen und Spenden für Notleidende. Er wurde für die Baufinanzierung von Kirchen und Hospitälern genutzt. Ja sogar für die Errichtung und Sanierung von Brücken oder Straßen. Heute würde man den Ablass wahrscheinlich neudeutsch als Crowdfunding oder Schwarmfinanzierung bezeichnen. Er war ein auf breitester Linie sozial akzeptiertes Finanzmodell.

Frage: Also ging es Bischöfen nicht nur darum, möglichst viel Geld einzusammeln?

Laudage: Nein, sie haben zahllose Ablässe ausgestellt, in denen Werke der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und der Frömmigkeit im Mittelpunkt standen. Die konnten allerdings gelegentlich für uns kuriose Formen annehmen. In Köln bin ich auf ein Beispiel gestoßen, da konnten die Nonnen einen Ablass gewinnen, wenn sie ihre Lesebrille aufsetzten und dabei ein Gebet um Erleuchtung des Herzens sprachen. Der älteste für das Gebiet des heutigen Deutschlands bekannte Ablass datiert aus dem Jahr 1105: Der Konstanzer Bischof Gebhard III. nutzte ihn damals als Friedensinstrument. Wer den Ablass wollte, musste jeder Gewalt entsagen.

Frage: Aber formierte sich nicht auch von Anfang an Kritik und Widerstand gegen das Geschäft mit der Sünde, gegen die Vermischung von Geld und Glaube?

Laudage: Zweifellos. Verschiedene Theologen wie zum Beispiel Petrus Abaelard haben sich da ganz deutlich geäußert, aber sie waren in der Minderheit. Worüber sich die Bischöfe wie auch die Gläubigen am meisten geärgert haben, waren Trickbetrüger oder Produktfälscher, also besonders gewiefte, geschäftstüchtige Zeitgenossen, die den Menschen gegen eine Zahlung einen Ablass versprachen, den es nicht gab. Aber die Forschung zeigt eindeutig, dass über mehrere Hundert Jahre das Positive im Vordergrund stand: Menschen konnten für einen Ablass Geld spenden, das zum Wohle der Gemeinschaft eingesetzt wurde. Dafür bekamen sie eine Reduzierung ihrer Bußstrafen. Heute reichen wir die Spendenquittung beim Finanzamt ein und erhalten einen Nachlass unserer Steuerschuld.

Frage: Sie zeichnen ein sehr positives Bild. Martin Luther dürfte da kaum zustimmen. Denn für ihn war der Ablasshandel Sinnbild der Verfehlungen einer macht- und geldgierigen Kirche und Stein des Anstoßes...

Laudage: Was Luther wirklich geärgert hat, war, dass die Menschen durch den Ablass versucht sein konnten, nicht mehr ernsthaft Buße zu leisten, um sich mit Gott zu versöhnen. Der Ablass, so wie er damals gepredigt wurde, stellte sich als eine Art Vollkasko-Versicherung für das Jenseits dar, allerdings mit Eigenbeteiligung. Schließlich musste man ja einen Betrag bezahlen. Das System missfiel Luther zutiefst. Direkt in seiner ersten Wittenberger These forderte er, das ganze Leben solle Buße sein und genau diesen harten Weg konnte man mit Hilfe der Ablässe umgehen.

Linktipp: "Ein Ablass ist eine Amnestie"

Im Heiligen Jahr durchschreiten Pilger Heilige Pforten, um ein Zeichen der Umkehr zu setzen und einen Ablass zu gewinnen. Was aber ist ein Ablass genau? Wieso kann die Kirche ihn gewähren? Der Theologe Peter C. Düren gibt Antworten.

Frage: Also missbrauchten Papst und Bischof am Vorabend der Reformation die Idee des Ablasses, um beispielsweise hohe Summen für den Bau des Petersdoms einzutreiben?

Laudage: In den Jahren vor dem Beginn der Reformation gab es zahlreiche Ablasskampagnen, die ein großes Gnadenangebot verkündeten. Das haben die Menschen anfangs noch gerne angenommen, aber es empörte sie, wenn eine Ablasskampagne auf die nächste folgte und damit ihre jüngst erworbene Eintrittskarte fürs Paradies ungültig wurde. Auch waren sie misstrauisch, ob das Geld wirklich ankam und nicht in dunklen Kanälen versickerte. Ich vermute ganz stark, dass die vorreformatorischen Ablasskampagnen auf Dauer einen stillen Tod mangels Nachfrage gestorben wären, wenn nicht Luther vorher mit seiner Kritik das System im Kern getroffen hätte.

Frage: Der Ablass trug also zur reformatorischen Kirchenspaltung bei. Damit ist ein Revival wohl für alle Zeiten ausgeschlossen?

Laudage: Ich denke ja! Mit Ausnahme kleiner traditionalistischer Kreise spielt das Ablasswesen in der katholischen Kirche heute keine Rolle mehr. Auch wenn Papst Paul VI. vor 50 Jahren zum 450-Jahr-Gedenken an den Beginn der Reformation das Ablasswesen noch einmal neu aufgestellt hat. Der Ablass ist seitdem ein rein geistig religiöses Zeichen. Zeichen dafür, dass Gott dem Menschen barmherzig entgegengeht. Die lange währende Erfolgsgeschichte des Ablasses ist vorbei, genauso wie die Zeit der mittelalterlichen Gesellschaft mit der Durchdringung von Alltag, Politik und Religion.

Hinweis: Christiane Laudage: Das Geschäft mit der Sünde - Ablass und Ablasswesen im Mittelalter, Verlag Herder, Freiburg 2016, 350 Seiten, 24,99 Euro.

Von Volker Hasenauer (KNA)