Schachfigur
Pater Mertes über die Trennung beim Abendmahl

Gipfel des Schmerzes

Pater Mertes über die Trennung beim Abendmahl

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 18.11.2016

In Verlautbarungen der Piusbrüder wurde das Treffen von Papst Franziskus mit dem Lutherischen Weltbund als "Gipfel des Schmerzes" bezeichnet; von "trügerischer Nächstenliebe" und "gekünstelter und illusorischer Einheit" war die Rede. "Wir Katholiken" hingegen wollen und beten für die Heimkehr der Protestanten zu "uns". Punkt!

Man kann solche Äußerungen als irrationale Extrempositionen abtun. Das Problem ist, dass ich vergleichbare Äußerungen auch in vielen anderen katholischen Kreisen finde, die "entsetzt" darüber sind, dass und wie der Papst in Lund auftrat, und die ihn in ihren Blogs inzwischen verhöhnen nachdem Motto: "Das ist ein Papst für alle Menschen, nur nicht für Katholiken", oder ihm heuchlerisch-"demütige" Briefe schreiben mit Bitten um "Klärungen".

Offensichtlich geht es um große Gefühle. Da hilft die "Unterscheidung der Geister" nach Ignatius von Loyola, die eine Unterscheidung der "inneren Bewegungen" oder auch "Affekte" ist. Ich setze neben das Gefühl des Schmerzes und Entsetzens das Gefühl der Sehnsucht nach Einheit. Überlassen wir sie als Spezial-Sehnsucht denjenigen, "die ihr ganzes Leben  teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können?", wie es in der Erklärung von Lund heißt. Überlassen wir sie den Zeugen des Widerstandes wie zum Beispiel den Geschwistern Scholl, die vor ihrer Hinrichtung mit ihrem katholischen Gefährten Christoph Propst gemeinsam Abendmahl feiern wollten und es nicht durften? Überlassen wir sie der Tochter des  evangelischen Märtyrers, die bei der Feier der Seligsprechung der vier "Lübecker Märtyrer" (drei katholisch, einer evangelisch) zum Empfang der Kommunion hinzutrat? Meinen wir, dass das Abendmahl, das Helmuth und Freya von Moltke im Gefängnis von Tegel feierten, kein "richtiges" Abendmahl war? Im Übrigen möchte ich selbst auch nicht die Einladung der evangelischen Christen zum Abendmahl ausschlagen müssen, und möchte auch nicht evangelische Christen, die auf den dargereichten „Leib Christi“ mit einem zustimmenden, gläubigen "Amen" antworten, abweisen müssen. Die Trennung beim Abendmahl ist auch ein "Gipfel des Schmerzes".

Es steht also Schmerz gegen Schmerz. Für die "Unterscheidung der Geister" hilft mir der Hinweis von Ignatius, dass am Anfang eines geistlichen Weges die Sehnsucht steht, oder doch wenigsten die "Sehnsucht nach der Sehnsucht". Wenn es bloß die Sehnsucht danach ist, dass sich die anderen bekehren, dann ist es zu wenig, viel zu wenig. Es steht also die Frage an "uns Katholiken" im Raum: Sehnen wir uns überhaupt nach dem gemeinsamen Abendmahl? Und fordert diese Sehnsucht auch uns heraus, nicht nur die anderen? Für meine Person beantworte ich diese Frage mit Ja.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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